München: Eine Spielsituation, drei oder vier mögliche Entscheidungen

Foul? Kein Foul? Gelb? Rot?

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Gleich fällt Robert Lewandowski. Aber ist es überhaupt ein Foul? Und welche Farbe muss die Persönliche Strafe haben? Die 68. Minute von München ist ein Paradebeispiel für viele verschiedene Wahrnehmungen und Blickwinkel, die es im Fußballsport gibt.

München. Die 68. Minute von München beim 4:1 der Bayern gegen Borussia Dortmund ist ein Beispiel für die verschiedenen begründeten Wahrnehmungen, die man bei der Bewertung einer Szene haben kann – mit oder ohne Kamera und Zeitlupe.

Robert Lewandowski zieht über links aufs Tor zu. BVB-Torwart Roman Bürki läuft dem FCB-Top-Stürmer entgegen, der im Strafraum zu Fall kommt. Schiedsrichter Marco Fritz aus Korb in Baden-Württemberg, der den „deutschen clásico“ zum dritten Mal leitet, zeigt auf die Strafstoß-Marke. Für diese Entscheidung gibt es gute Gründe – für andere mögliche Entscheidungen allerdings auch.

Wahrnehmung Nummer 1: die des 39-jährigen Unparteiischen, der seit 2009 in der Bundesliga und seit 2012 zudem international amtiert. Und dabei die erste Frage: Foul oder nicht? Marco Fritz erkennt, dass Bürki auf Lewandowski zuläuft und das rechte Bein ausfährt. Der polnische Nationalspieler tritt auf den Schuh des Keepers und kommt zu Fall. Der FIFA-Referee bewertet den Angriff des Schlussmanns als Beinstellen, bei welchem laut entscheidender Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen) bereits der Versuch strafbar ist. Man muss seinen Gegner also nicht erst brutal umgrätschen, um ein Foul zu begehen.

FIFA-Schiedsrichter Marco Fritz vom SV Breuningsweiler in Baden-Württemberg zeigt dem Schweizer Nationalkeeper Roman Bürki die Gelbe Karte? Ist diese Farbe korrekt?

Zweite Frage: Welche Karte? Reicht Gelb? Oder handelt es sich um eine rotwürdige Notbremse? Der gelernte Bankkaufmann Marco Fritz zückt sehr rasch die Gelbe Karte. Für den Referee ist die Beinattacke des Schweizer Nationaltorwarts ein ballorientierter Angriff, bei dem er lediglich zu spät kommt. Wenn der Unparteiische die Situation so einschätzt, ist seit dieser Saison die Verwarnung, wie der gelbe Karton synonym genannt wird (nicht zu verwechseln mit der Ermahnung), die korrekte persönliche Strafe. Ein weiterer möglicher Grund für Gelb, in der Wahrnehmung des Referees, wäre die Annahme, dass Lewandowski den nach links am Keeper vorbeigelegten Ball hätte nicht mehr erreichen können. Wie gesagt: In der Wahrnehmung des Schiedsrichters, denn wir suchen an dieser Stelle nach regeltechnischen Gründen für die Entscheidung.

Wahrnehmung Nummer 2: die mehrfache Zeitlupe. Je öfter man sich die Situation anschaut, umso mehr kann man auch in Richtung Rot tendieren. Gilt die Attacke des Torwarts wirklich noch dem Ball oder doch vielmehr einzig und allein dem Gegner, der das Leder längst vorbeigespielt hat? Wer die Szene so interpretiert, und auch dafür gibt es gute Gründe, nimmt keinen ball-, sondern einen gegnerorientierten Angriff an. Dann hätte Roman Bürki mit seinem Foul an Robert Lewandowski eine Notbremse begangen und müsste mit glatt Rot vom Platz fliegen.

Wahrnehmung Nummer 3: noch mehr Slow Motion, Hintertorkamera, Bild für Bild ganz langsam. Man erkennt, dass der Torwart den Stürmer gar nicht trifft. Vielmehr tritt Lewandowski dem geplagten Bürki auf den rechten Fuß. Insofern: Kein Foul am Feldspieler – wenn überhaupt, dann ein Vergehen am Schlussmann. Das hätte dann den direkten Freistoß für Borussia Dortmund zur Folge gehabt.

Wie schrieb der viel zu früh verstorbene Historiker Thomas Nipperdey einmal sehr weise: „Die Grundfarbe der Geschichte ist grau, in unendlichen Schattierungen.“ Genau das gilt auch für den Fußballsport. Es gibt häufig kein Schwarz-Weiß – und das macht diesen Sport doch zu einer der schönsten Nebensachen der Welt. Es gilt vielmehr, die Wahrnehmung des Unparteiischen zu respektieren und für seine Entscheidungen abzuprüfen, ob das Regelwerk die Gründe dafür vorhält. Beim „clásico“ in München ist das bei der Entscheidung von Marco Fritz in der 68. Minute der Fall.

Von Marco Haase

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