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Eine hochinteressante „100“

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Tolles Tor, tolles Jubiläum, tolle Freude – aber darf Robert Lewandowski regeltechnisch solch ein T-Shirt tragen, und es auch noch zeigen?
Tolles Tor, tolles Jubiläum, tolle Freude – aber darf Robert Lewandowski regeltechnisch solch ein T-Shirt tragen, und es auch noch zeigen? © dpa

Mainz/Hamburg. Der Fußball lebt von Toren und möglichst attraktiven Spielzügen, welche zu jenen führen. Irgendwelcher Firlefanz ist in diesem Sport nicht vorgesehen – und das hat dem Fußball weltweit gut getan.

So verbietet das Regelwerk beispielsweise aus guten Gründen, dass Akteure während einer Partie politische, religiöse oder sonstige Botschaften, auch persönliche, verbreiten. Auch zu ausgiebige, zeitvergeudende Torjubel, die früher manchmal länger dauerten als die Zeit, in der Bayerns Robert Lewandowski fünf Treffer macht, ist untersagt.

Gehen wir also nach Mainz, in die 51. Minute, in welcher jener Robert Lewandowski beim 3:0-Auswärtserfolg der Bayern sein 100. Bundesliga-Tor erzielt und seine Freude darüber mit einem eigens dafür gestalteten T-Shirt kurz kund tut. Das Schiedsrichter-Team um Bastian Dankert (Rostock) lässt dies durchgehen. Was sagt das Regelwerk dazu?

Auf den Punkt gebracht: Nichts. Und das ist auch gut so. Nicht jeder Einzelfall kann geregelt werden. Es geht ums Große und Ganze. Also um das Runde, das ins Eckige gehört, wie der ehemalige HSV-Topstürmer Horst Hrubesch vor anderthalb Jahrzehnten einmal sehr weise in einem AZ-Interview bemerkte. Es gibt allerdings Werte und Normen, aus denen man ableiten kann, wie denn der Geist des Fußballs die Lewandowski-Aktion bewertet.

Aus der Fußball-Regel Nummer 4 – Ausrüstung der Spieler: Vorgeschriebene Grundausrüstung
Die vorgeschriebene Grundausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen. Das Team des Spielers, dessen vorgeschriebene Grundausrüstung politische, religiöse oder persönliche Slogans, Botschaften oder Bilder aufweist, wird vom Ausrichter des betreffenden Wettbewerbs oder der FIFA bestraft.

So empfiehlt sich ein Blick in die Regeln 4 („Ausrüstung der Spieler“) und 12 („Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen“). Auf den Punkt gebracht, steht dort, dass Akteure keine persönlichen Botschaften oder Slogans tragen und zeigen sollen. Schwer zu erkennen für einen Unparteiischen, da er natürlich vor dem Anpfiff keine Leibesvisitation vornimmt, sondern lediglich in Augenschein nimmt, mit welcher Ausrüstung die Spieler auflaufen wollen. So soll es auch bleiben.

Aus der Regel 12 – Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen: Torjubel

Ein Spieler wird verwarnt, wenn er nach Meinung des Schiedsrichters mit provozierenden, höhnischen oder aufhetzenden Gesten jubelt, an einem Zaun hochklettert, um einen Treffer zu feiern, sein Hemd auszieht oder es über seinen Kopf stülpt, Kopf oder Gesicht mit einer Maske oder Ähnlichem bedeckt.

Von den Schiedsrichtern wird erwartet, dass sie in solchen Situationen präventiv auf die Spieler einwirken und bei der Beurteilung des Torjubels gesunden Menschenverstand walten lassen.

Zudem steht in den Regeln geschrieben, dass unsportlicher Torjubel verboten ist. Fangen wir damit an: Hat Lewandowski unsportlich gejubelt, beispielsweise den Gegner verhöhnt? Nein, hat er nicht. Der polnische Weltklasse-Stürmer ist ein im Auftreten sehr bescheidener, zurückhaltender Mensch und hat sich lediglich ganz doll über sein Jubiläumstor gefreut. Und ist die „100“ eine persönliche Botschaft? Regeltechnisch möglicherweise – aber der Geist des Regelwerk versteht unter „persönlichen Botschaften“ oder „Slogans“ etwas anderes. Wenn beispielsweise in einem EM-Qualifikationsspiel zwischen Kroatien und Serbien irgendjemand eine brisante „Botschaft“ zur Schau stellen sollte, dann wäre die Begegnung mit Sicherheit rasch zu Ende. Insofern ist es eine weise Regelung, dass so etwas nicht auf den Fußballplatz gehört – auch wenn am Ende alles politisch ist, selbst wenn man sagt, nichts sei politisch. Aber diese Diskussion soll nicht im Sportteil geführt werden.

Ist Lewandowskis „100“ regeltechnisch ein solcher Slogan? Nein, ist er nicht. Die Aktion ist im Fußball zwar nicht vorgesehen und sollte keine Schule machen, aber Referee Bastian Dankert handelt richtig und lässt in dieser Szene, auch das steht im Regelwerk, „gesunden Menschenverstand“ walten (eine wunderbare Formulierung in der Regel 12 – die auch für andere Bereiche des menschlichen Lebens beispielgebend sein sollte).

Besonderer Wechsel in Hamburg

Dr. Jochen Drees muss in Hamburg verletzungsbedingt ausscheiden...
Dr. Jochen Drees muss in Hamburg verletzungsbedingt ausscheiden... © dpa

Kurzer Schwenk nach Hamburg, zum 1:0-Auswärtssieg der Schalker beim Bundesliga-Dino: Dort diagnostiziert Allgemeinmediziner Dr. Jochen Drees in der 56. Minute abschließend, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Hoffen wir das Beste für ihn. Das Verfahren in solchen Fällen: Wenn der Unparteiische verletzungsbedingt ausfällt, dann leitet der nächst höhere Schiedsrichter die Partie weiter. In der Regel ist das ein Assistent oder der Vierte Offizielle – mindestens einer von ihnen ist selbst Referee im Profibereich des DFB. 

... und wird durch FIFA-Referee Marco Fritz ersetzt, der als Vierter Offizieller amtierte.
... und wird durch FIFA-Referee Marco Fritz ersetzt, der als Vierter Offizieller amtierte. © dpa

In Hamburg steht mit dem FIFA-Schiedsrichter und Vierten Offiziellen Marco Fritz (Korb) die geballte Kompetenz zwischen den Trainerbänken. Fritz springt insofern korrekterweise für Drees ein und leitet die Begegnung problemlos zu Ende. „The Games must go on“ hat jemand einmal in einem völlig anderen Zusammenhang gesagt. Das gilt im Fußball gnadenlos auch nach Verletzungen, selbst wenn es den Unparteiischen trifft.

Von Marco Haase

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