Fürth - Duisburg: Warum FIFA-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus im Sinne des Fußballsports entscheidet

Bibis starker Pfiff

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Konsequentes Handeln im Geist des Fußballs: Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus zeigte MSV-Spieler James Holland in der 65. Minuten nach seiner Notbremse gegen Greuthers Robert Zulj die Rote Karte.

Fürth/Duisburg. In der 65. Minute hat es Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus vom SV Bad Lauterberg 1914 (im Harz) im Duisburger Strafraum mit einer Szene zu tun, aus welcher sich Sinn und Geist des ganzen Fußballsports offenbaren.

Deutlich wird nämlich der rote Faden des Regelwerks, das im Sinne eines attraktiven Sports Tore fördern und Torverhinderer abschrecken will. Dazu eine Unparteiische, wie sie der Fußball haben möchte, weil sie taktisch klug leicht verzögert, aber genau richtig und konsequent entscheidet.

Was geschieht? In besagter Minute sieht die gut postierte 36-jährige DFB-Schiedsrichterin, im neunten Jahr in der zweiten Liga im Einsatz und bereits seit 2005 international als FIFA-Unparteiische unterwegs, wie Fürths Robert Zulj ziemlich allein auf das Tor des Meidericher Spielvereins 02 e.V. zugeht. Das passt MSV-Akteur James Holland ganz gar nicht: Mit verbotener Armarbeit hält der Zebra-Verteidiger den Kleeblatt-Stürmer derart, dass dieser nicht vernünftig zum Abschluss kommt und vor dem inzwischen herangeeilten Duisburger Torwart Michael Ratajczak scheitert.

„Ein klares Vergehen!“ schießt es Bibiana Steinhaus sofort durch den Kopf, als sie Hollands Halten sieht. Und nun agiert die niedersächsische Polizeibeamtin mit der Erfahrung von 70 Zweitliga-Partien, einem WM- sowie einem Olympia-Finale genau so, wie es sich der Geist des Regelwerks wünscht: Sie pfeift nicht sofort, denn Zulj ist, trotz des klaren Fouls, noch am Ball. Die Schiedsrichterin wartet, ob der gerade arg gebeutelte Fürther nicht doch noch ein Tor erzielen kann, quasi mit letzter Kraft – das wäre ein wunderbarer Vorteil gewesen…

Ist aber nix mit Vorteil: Spielverderber Holland erreicht sein Ziel, Zulj vergibt. Nun erfolgt der regeltechnisch so sinnvolle, verzögerte Pfiff: Halten im Strafraum, Foul, Strafstoß. Und wenn man an einer Situation erkennen kann, warum die Rote Karte für eine Notbremse so sinnvoll ist, dann in der 65. Minute von Fürth: Die Fußball-Fans im Stadion und vor den Bildschirmen werden Zeugen eines klaren Torraubs – und für eine solche grobe Unsportlichkeit kann es nur den sofortigen Feldverweis auf Dauer geben.

Das Regelwerk duldet partout keine solchen Torräuber – und wer jetzt ruft „Oje, wie ungerecht, diese Dreifach-Bestrafung – Strafstoß, Rot, und auch noch die Sperre!“, der hat, mit Verlaub, den Geist des Fußballs nicht verstanden. Die Norm, dass alle Verhinderer klarer Tormöglichkeiten ein vorzeitiges Ticket zum Duschen erhalten, ist nämlich gar nicht dafür gedacht, dass es zu Roten Karten, Strafstößen und Sperren kommen soll. Nein: Die Norm wirkt präventiv, vorbeugend, abschreckend. Jeder weiß, dass auf Torraub der rote Karton folgt, egal, wo das Vergehen geschieht.

Daher ist die Sache für die Verteidiger ganz einfach: Lasst die Stürmer ziehen, Hände weg – dann bleibt ihr auf dem Platz, werdet nicht gesperrt, und alles ist gut. Denn der Fußball lebt von schnellen Spielzügen, Angriffen, Toren und Unparteiischen mit taktischem Gespür – Torräuber machen ihn unattraktiv.

Einen regeltechnischen Streifzug zum 22. Bundesliga-Spieltag lesen Sie am Montag.

„…unerheblich, ob das Vergehen im Strafraum erfolgte oder nicht“

Wie das Regelwerk Rot für Notbremsen beschreibt

Die Bestimmungen zum Vorteil, zum verzögerten Pfiff und zum Torraub finden sich in zwei wichtigen Fußballregeln wieder: in der Regel 5 (Der Schiedsrichter) sowie in der Regel 12 (Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen). Dort, in der Regel 12, wird gleich an mehreren Stellen betont, dass das „Vereiteln einer offensichtlichen Torchance für einen auf sein Tor zulaufenden Gegenspieler durch ein Vergehen, das mit Freistoß oder Strafstoß zu ahnden ist“ neben der Spielstrafe zwingend die Rote Karte als persönliche Strafe zur Folge hat. Auch das Halten wird extra erwähnt, weil es so oft vorkommt: „Nimmt ein Spieler dem gegnerischen Team durch Halten eines Gegners einemklare Torchance, wird er des Feldes verwiesen.“

Und damit auch niemand nur daran denkt, diese präventive Norm anzukratzen, wird mehrfach hervorgehoben, dass der Ort des Foulspiels nicht die geringste Rolle spielt, zum Beispiel: „Das Verhindern einer eindeutigen Torchance des gegnerischen Teams wird mit einem Feldverweis bestraft. Dabei ist unerheblich, ob das Vergehen im Strafraum erfolgte oder nicht.“ Der Sinn ist klar: Tore sollen fallen, die Verteidiger sollen vor Fouls zurückschrecken. Insofern handeln all jene, die mit vielen Argumenten die so genannte „Dreifach-Bestrafung“ abschaffen wollen, gegen den Sinn es Regelwerks und den Geist des Fußballs. Wer die Rote Karte für Notbremsen im Strafraum abschaffen will, wäre dafür verantwortlich, dass es mehr Fouls und weniger Tore geben würde. Gut, dass die Regelhüter des International Board dieses Ansinnen bisher abgelehnt haben.

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