Sieben Tore, ein Strafstoß und ein Loch

Der Braunschweiger Dominick Kumbela (rechts) erzielt gegen den Berliner Torhüter Daniel Haas das Tor zum 2:2-Ausgleich. Schiedsrichter Peter Sippel entschied in der 42. Minute nach Christian Stuffs Foul mit Recht auf Strafstoß.
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Der Braunschweiger Dominick Kumbela (rechts) erzielt gegen den Berliner Torhüter Daniel Haas das Tor zum 2:2-Ausgleich. Schiedsrichter Peter Sippel entschied in der 42. Minute nach Christian Stuffs Foul mit Recht auf Strafstoß.

Bremen. Ein Bundesliga-Gründungsmitglied schickt sich an, nach langer, langer Zeit ins Fußball-Oberhaus zurückzukehren.

Die Eintracht aus Braunschweig, 1963 beim Startschuss der ersten Liga dabei, Meister von 1967, Viertelfinalist im Europapokal der Landesmeister, wo die Elf nur knapp an Juventus Turin scheiterte – und jetzt ist die Eintracht wieder da!

Beim munteren 4:3-Heimsieg des Zweitliga-Spitzenreiters gegen den 1. FC Union Berlin am Montagabend hat Schiedsrichter Peter Sippel (München) gemeinsam mit seinen Assistenten Malte Dittrich (Bremen) und Michael Emmer (Thurmansbang im Bayerischen Wald) sowie dem vierten Offiziellen Thomas Gorniak (Bremen) insgesamt alles im Griff. Dennoch gibt’s zwei hochinteressante Szenen mit viel Praxisbezug für die Spiele von der Kreis- bis in die Bundesliga.

Von wegen Fehlentscheidung

Die erste Situation passiert in der 42. Minute: Braunschweigs Schweizer Stürmer Orhan Ademi führt mit hohem Tempo den Ball und dringt in den Strafraum ein. Unions Verteidiger Christian Stuff stellt das Bein raus, Ademi fällt – und Peter Sippel deutet nach einer kleinen „Gedenksekunde“ auf den ominösen Punkt: Strafstoß für Eintracht – eine völlig korrekte Entscheidung. Auch wenn man Ademi ansieht, dass er in dieser Szene sehr gern einen Strafstoß haben möchte: Stuff stellt ihm ein Bein – außerhalb des Strafraumes wäre das ein direkter Freistoß gewesen, und innerhalb des 16,50-Raumes ist das eben Strafstoß.

Warum Sport1-Reporter Markus Höhner und Co-Kommentar und Ex-Nationalspieler Marko Rehmer, Vize-Weltmeister von 2002, auch nach vier Zeitlupen von einer „klaren Fehlentscheidung“ sprechen, bleibt ihr Geheimnis. Selbst nachdem sich Höhner und Rehmer in der Halbzeit die Szene noch etliche Male angeguckt haben und kurz vor dem Anpfiff der zweiten Halbzeit weitere drei Slow-Motions eingespielt werden, bleiben der Reporter und sein Co. bei ihrer durch die Bilder in keiner Weise gedeckten Ansicht. Noch mehr: Sie erkennen das Beinstellen von Christian Stuff – aber Strafstoß wollen die beiden trotzdem nicht haben.

Viel schwerer aus seiner nicht ganz optimalen Perspektive hat es Referee Peter Sippel, der die Szene von hinten sieht – und hier könnte man tatsächlich einen Augenblick lang den Eindruck haben, dass Ademi den Strafstoß herausschinden will. So erklärt sich auch die „Gedenksekunde“, der ein wenig verzögert kommende Strafstoß-Pfiff, dem sicherlich via Headset eine intensive und erfolgreiche Kommunikation mit den Assistenten vorausgeht. Das leichte Zögern wirkt auf die Beteiligten ein wenig unsicher; insofern ist es grundsätzlich in allen Spielklassen besser, eine so gravierende Entscheidung wie den Strafstoß möglichst schnell und ohne den Hauch eines Zweifels zu entscheiden und genauso sicher nach außen zu verkaufen. Durch solch ein sicheres Auftreten und Verhalten vermeidet man Kritik, Reklamieren und Rudelbildungen.

Die gibt’s in Braunschweig zum Glück nicht, Peter Sippel behält alles im Griff – und am Ende ist es das Wichtigste, dass der Unparteiische die richtige Entscheidung getroffen hat, wenn auch leicht verzögert. Sehr fair reagiert im Übrigen Union-Trainer Uwe Neuhaus im Interview nach dem Spiel: Obwohl der Sport1-Reporter mehrfach bei laufend eingespielter Zeitlupe versucht, dem Coach eine Kritik an der Schiedsrichter-Entscheidung zu entlocken, lässt sich Neuhaus gar nicht darauf ein und gibt zu Protokoll, was alle Zuschauer am Bildschirm schon längst selbst gesehen hatten: „Natürlich ist das ein ganz klarer Elfmeter!“

Plötzlich ist das Netz kaputt

Die zweite interessante Situation geschieht kurz vor dem Anpfiff der zweiten Halbzeit: Assistent Michael Emmer guckt sich die Tornetze noch einmal an und entdeckt am Pfosten ein großes Loch in den Maschen. Es ist richtig, dass nun zunächst nicht angepfiffen wird und der Unparteiische über den Mannschaftsführer für die Reparatur des lädierten Tornetzes sorgen lässt. Denn wenn ein strammer Schuss durchs Netz geht und hinterm Tor im Aus landet, hat es nicht selten Abstoß gegeben. Danach kann man als Unparteiischer die weitere Spielleitung vergessen.

Insofern wichtig für die Praxis: Bereits vor dem Spiel muss sich der Schiedsrichter den Platzbau ganz genau anschauen, insbesondere Linien und Netze. Das wird das Team um Peter Sippel sicherlich auch schon in Braunschweig vor dem Anpfiff der ersten Halbzeit getan haben – wir nehmen mal an, dass das Netz im Laufe der ersten 45 Minuten oder in der Halbzeit kaputt ging. Und dass es empfehlenswert ist, sich vor dem Start der zweiten 45 Minuten den Zustand des Platzes und der Tore erneut anzuschauen, hat man am Montagabend in Braunschweig gesehen.

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