Bremens Ausgleichstor war keine so klare Abseitssituation, wie ebenso vielfach wie falsch verbreitet wird

Der Auftritt der Zeitlupen-Könige

FIFA-Assistent Markus Häcker zog kurz vor Schluss in Bremen den Unmut der Nürnberger auf sich, als er vor dem 1:1-Ausgleich die Fahne unten ließ. Die Situation war im Übrigen denkbar knapp und bei Weitem nicht so eindeutig, wie manche meinen.
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FIFA-Assistent Markus Häcker zog kurz vor Schluss in Bremen den Unmut der Nürnberger auf sich, als er vor dem 1:1-Ausgleich die Fahne unten ließ. Die Situation war im Übrigen denkbar knapp und bei Weitem nicht so eindeutig, wie manche meinen.

Bremen. Da denkt man schon, die Bundesliga klingt wenigstens im allerletzten Punktspiel vor Heiligabend weihnachtlich-harmonisch aus – und dann gibt’s die wenig adventliche 88. Minute im Bremer Weserstadion:

Werders vom FC Bayern ausgeliehener Top-Stürmer Nils Petersen erzielt kurz vor Schluss des 17. Spieltages das zwar verdiente Tor zum 1:1 gegen die Franken – Nürnbergs Spieler, Trainer und Betreuer ist danach der dritte Advent plötzlich völlig egal: Sie regen sich ziemlich auf, und zwar insbesondere über FIFA-Assistent Markus Häcker. Der 38-jährige erfahrene Linienrichter aus Waren (Müritz) in Mecklenburg-Vorpommern, der vor zwei Wochen noch in der Champions League unterwegs war, lässt nämlich in dieser Szene seine Fahne unten. Und das motiviert speziell Franken-Trainer Dieter Hecking, an der Linie für die Schiedsrichter kein einfacher Zeitgenosse, zu wenig weihnachtlichem Vokabular.

Zur Situation: Bremens Kevin de Bruyne, belgischer Nationalspieler, zieht 20 Meter vor dem Nürnberger Tor einfach mal drauf, und Nils Petersen, der in der Schussbahn steht, fälscht die Kugel für Franken-Keeper Raphael Schäfer unhaltbar ab. Für den 1. FCN scheint sofort klar zu sein: Das ist Abseits gewesen, Petersen steht doch klar drin. Um es vorweg zu nehmen: Der „Pfiff der Woche“ hat sich die beim Sender „Liga-Total“ vorliegenden Bilder mehrfach angesehen – und danach hätte ich die Fahne im normalen Spielverlauf vermutlich auch gehoben.

Nils Petersen steht mit großer Wahrscheinlichkeit im Moment des Schusses von de Bruyne näher der gegnerischen Torlinie als der vorletzte Bremer Abwehrspieler. Zudem greift er ins Spiel ein, indem er den Ball abfälscht. Aber so eindeutig wie die Nürnberger und zahlreichen Fernsehreporter meinen, ist die Szene aus meiner Sicht nicht.

Wenn man nämlich die Zeitlupe wirklich in dem für die Bewertung einer Abseitssituation entscheidenden Moment anhält, an dem der Ball de Bruynes Fuß verlässt, dann befindet sich Petersen vermutlich mit seinem Oberkörper leicht im Abseits. Im Übrigen ist selbst in einer Slow Motion nicht klar, wann genau die Kugel gestoßen wird und den Fuß verlässt – über 20 Einzelbilder sind mit technisch versierten System möglich. Von „gerade noch gleich Höhe“ bis „klar Abseits“ ist da alles drin.

An dieser Stelle soll es gar nicht darum gehen, einen Fehler wegzuschreiben. Wenn Petersen im Abseits war, dann ist das so. Es kommt für einen Assistenten immer darauf an, hochkonzentriert auf Höhe des vorletzten Abwehrspielers zu bleiben, denn der Sekundenbruchteil einer Unkonzentriertheit reicht, um den Moment der Ballabgabe nicht mitzubekommen – und daraus resultieren dann die Fehler. FIFA-Referee Manuel Gräfe von Hertha 03 Zehlendorf in Berlin muss sich bei so haarigen Situationen übrigens voll und ganz auf seinen Assistenten verlassen. Wenn jemand eine solche Szene beurteilen kann, dann der Linienrichter mit seiner Perspektive von der Seite.

Allerdings ist die 88. Minute von Bremen nicht so klar, wie sie die meisten Reporter, Akteure und sonstigen Zeitlupen-Könige haben wollen. Die Szene sieht zwar klar aus, weil sich die Nürnberger Abwehrspieler im Moment des Schusses von de Bruyne abseitsfallenmäßig nach vorn bewegen und Nils Petersen scheinbar ganz allein im Strafraum im Abseits steht. Wenn man sich aber den Moment der Ballabgabe anschaut, dann ist die Szene so knapp, dass niemand ohne mehrfache Zeitlupe behaupten kann, das sei ganz eindeutig eine strafbare Abseitsszene gewesen.

Insofern, und das möchte ich an dieser Stelle ganz deutlich hervorheben: Die Nürnberger Proteste können aufgrund dieser so knappen Situation zunächst nur auf Verdacht geschehen sein. Wer behauptet, sofort gesehen zu haben, dass Petersen im Abseits stand, erzählt nicht die Wahrheit.

Zur Erinnerung: Bei der Bewertung von Abseitsszenen gilt im Fußball immer noch die Marschroute „Im Zweifel für den Stürmer“. Denn wir wollen Tore sehen und nicht die beste Abseitsfalle belohnen. Nach der Analyse der bisher vorliegenden Bilder ist der „Pfiff der Woche“ der Ansicht, dass das ausgebliebene Fahnenzeichen von FIFA-Assistent Markus Häcker gerade noch unter diese Marschroute fallen könnte, zumindest fachlich sehr gut zu begründen und zu erklären (nicht zu entschuldigen) ist – auch wenn’s den Nürnbergern und allen anderen Anhängern einer eher kleinlichen Abseitsauslegung nicht gefällt. Denn: Fußball ist eben nicht so ganz einfach in „Ja“ oder „Nein“ zu unterteilen – in „Schwarz“ oder „Weiß“. Sondern oft im der Wirklichkeit erheblich näher kommenden „Grau“…

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