Gladbach - Dortmund: Warum Lehrwarte in ganz Deutschland über Marcel Schmelzers Eigentor jubeln

Alle Achtung, Adlerauge Achmüller!

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Dortmunds Trainer Thomas Tuchel (l) freut sich nach dem Spiel mit Dortmunds Marcel Schmelzer über den Sieg.

Mönchengladbach. Als in der 48. Minute Dortmunds Marcel Schmelzer unglücklich zur zwischenzeitlichen Gladbacher 2:1-Führung in die eigenen Maschen trifft, bekommt zunächst kaum jemand mit, dass sich in diesem Moment eine besondere Szene abgespielt hat.

An dieser lässt sich ganz wunderbar fast die gesamte Regel 11 (Abseits) abarbeiten.

Oscar Wendt schlägt eine Ecke in den Dortmunder Strafraum, Kollege Lars Stindl scheitert mit dem Versuch, volley abzuziehen. Der Ball prallt wieder zu Wendt, der die Kugel wieder scharf in den 16,50-Meter-Raum schießt. Die Folge: das Tor für die Gastgeber im ausverkauften Borussia-Park. Einzig BVB-Torwart Roman Bürki hebt zaghaft den Arm. War das nicht Abseits?

Der Reihe nach. Als der Ball von Stindl zu Wendt prallt, steht dieser kurz nach der Ausführung der Ecke noch gar nicht im Spielfeld. Ist das erlaubt? Klar. Um den Eckstoß ausführen zu können, darf ein Spieler das Feld verlassen. Für die Bewertung einer Abseitsposition ist es so, als stünde Oscar Wendt auf der Torlinie, wie im Übrigen nicht nur die Linie zwischen den Pfosten, sondern die gesamte Linie zwischen den beiden Eckfahnen genannt wird.

Weltklasse: FIFA-Assistent Marco Achmüller (Bad Füssing) behielt in Gladbach den Überblick.  

Aber liegt in dem Moment, in dem die Kugel zu Wendt fliegt, nicht eine Abseitsposition vor? Entscheidend sind nun die Positionen der Dortmunder Spieler Christian Pulisic und Gonzalo Castro, die sich auf der Torlinie zwischen den Pfosten aufhalten. Die Frage aller Fragen: Stehen sie auch auf der Linie – oder steht einer von ihnen etwas davor. Dann wäre es ein strafbares Abseits von Oscar Wendt. Der Sender Sky benötigt etliche Zeitlupen und Slow Motions, bis fest steht: Pulisic steht auf der Linie – und Castro mit einem Teil seines Körpers auch.

Aber: Heißt es nicht im Regelwerk, dass die Position des Angreifers mit dem vorletzten Abwehrspieler entscheidend sei? Und einen vorletzten Spieler gibt es in dieser Situation doch gar nicht – es stehen zwei Dortmunder Akteure auf der Torlinie. Auch hier ist alles gut. Regeltechnisch gelten solche Szenen als „gleiche Höhe“ – kein Abseits.

„Eine herrliche Szene für die Lehrwarte“ – der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Peter Gagelmann.

Der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter und heutige Sky-Experte Peter Gagelmann (Bremen) bringt es in der Spielanalyse und im Gespräch mit dem „Pfiff der Woche“ auf den Punkt: „Eine wunderbare Szene für die Schiedsrichter-Lehrwarte in dieser Republik.“ Recht hat er – diese Situation wird Eingang in etliche Aus- und Fortbildungen der Unparteiischen bundesweit finden.

Peter Gagelmann, der zwischen dem Jahr 2000 und 2015 mehr als 200 Bundesliga-Partien leitete, hebt zudem hervor, wem in dieser Situation der eigentliche Applaus gehört: Es ist FIFA-Assistent Marco Achmüller aus Bad Füssing. Der 37-jährige Speditionskaufmann vom SV Würding entscheidet in einer so wichtigen Szene ohne technische Hilfsmittel korrekt, das ist weltklasse. Es zeigt sich die große Erfahrung des Assistenten, der seit fast einem Jahrzehnt im Fußball-Oberhaus an der Linie aktiv ist.

In dieser Saison war Marco Achmüller unter anderem dreimal in der Champions League unterwegs (in Istanbul, Sevilla und Porto), assistierte beim Prestigeduell Frankreich gegen Spanien im vergangenen Monat und zudem auch noch dreimal in der WM-Qualli (Zypern, Schottland, Georgien). Und wenn ein Assistent ein solches Adlerauge hat wie am Sonnabend in Mönchengladbach, dann werden sicherlich noch viele weitere hochkarätige Partien hinzukommen. 

Von Marco Haase

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