FUSSBALL: Was Jugendverantwortliche zum Bierhoff-Konzept sagen

„Zurück zum Straßenfußball“

Die Talenteliga ist einmalig in Deutschland. Hier zeigen Fabian Schulze (l., Lok Stendal) und Lars Luckschat (SSV Gardelegen) ihre 1:1-Stärken.
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Die Talenteliga ist einmalig in Deutschland. Hier zeigen Fabian Schulze (l., Lok Stendal) und Lars Luckschat (SSV Gardelegen) ihre 1:1-Stärken.

Altmark – Nach dem peinlichen Vorrunden-Aus bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland sucht der Deutsche Fußball-Bund nach Konzepten, um den Abstand zur Weltspitze wieder aufzuholen. „Es braucht wieder mehr Gefühl.

Bei aller Systematik müssen wir Raum schaffen für die Entwicklung von Individualisten. Wir brauchen wieder mehr Bolzplatzmentalität“, fordert National-Mannschaftsdirektor Oliver Bierhoff.

Eine erste Analyse hat ergeben, dass ein Drittel der vorhandenen Talente nicht optimal gefördert wurde. Viele Spieler wurden trotz individuellen Stärken auf dem Weg in den Profifußball allein aufgrund ihrer geringen Körpergröße bereits im Jugendbereich ausgemustert. Auch die Altmark ist reich an derartigen Beispielen.

„Marian Falkenhagen und Marc Pätzold haben Sachen auf dem Platz gemacht, die andere Spieler nicht konnten und oft für den Unterschied gesorgt“, erinnert sich Michael Piotrowski, Trainer des SV Liesten, an zwei ehemalige Mitspieler. „Deutschland hat zuletzt viel Wert auf eine gute taktische Ausbildung gelegt und dabei aber vergessen, die 1:1-Stärken der Jugendlichen zu stärken und zu fördern. Wir haben viele körperlich robuste Spieler, mir fehlt jedoch die Generation Mario Götze“, bedauert der SVL-Coach, der den DFB-Verantwortlichen einen Blick nach Spanien empfiehlt, wird doch dort sehr viel Wert auf eine starke Balltechnik und individuelle Klasse gelegt. Für die fehlende „Bolzplatzmentalität“ hat Michael Piotrowski eine einfache Erklärung. „Kinder, die auf der Straße kicken, gibt es kaum noch. Und da ist es totaler Mist, dass der DFB auch noch eSports fördert. Das hat nichts mit Sport zu tun.“

Die westaltmärkische Trainer-Legende Dieter Förster hat die Veränderung in der Nachwuchs-Ausbildung hautnah erlebt. Zu DDR-Zeiten Ausbilder am Trainingszentrum und nach der Wende langjähriger Leiter des DFB-Stützpunktes in Klötze, der 70-Jährige hat einiges erlebt. „Zu DDR-Zeiten haben wir sehr viel Wert auf die individuelle Ausbildung der unterschiedlichen Spielertypen gelegt. Nach der Wende hat der DFB zunächst auf unsere Erfahrungen gebaut. Später wurden wir für unsere eigenen Trainingspläne dann kritisiert. Wir halten uns nicht an die Vorgaben, lautete der Vorwurf. Im Vordergrund standen die taktischen Spielformen, die Förderung der individuellen Stärken geriet in den Hintergrund“, erinnert sich Dieter Förster, der zudem bemängelte, dass die Spieler der Altmark nicht so richtig beachtet wurden und die fehlende Körpergröße ein entscheidender Fakt bei der Sichtung ist. Trotzdem wurden einige Förster-Schützlinge in den Sportschulen in Magdeburg und Halle aufgenommen. In den Profifußball hat es jedoch nur Michel Niemeyer geschafft.

Försters Nachfolger am Klötzer Stützpunkt, Jürgen Brandt, hat am derzeitigen Ausbildungskonzept des DFB und des FSA (Fußballverband Sachsen-Anhalt) indes nichts zu bemängeln. „Wir fördern auch die individuellen Stärken unserer Talente. Wir haben eine umfangreiche Ausbildung, die jedem Spielertyp gerecht wird.“

Dass einiges im Argen liegt, ist auch an Markus Hoffmann nicht vorbeigegangen. Der DFB-Stützpunkttrainer in Stendal weiß, was Bierhoff meint. Auf dem Bolzplatz spielen Größe und Schnelligkeit keine Rolle. Da wird einfach gekickt. Und da lasse sich dann auch schon Talent ausmachen. In Landesleistungszentren würden viele junge Spieler durchs Raster fallen. Weil sie entweder noch nicht schnell genug seien oder einfach zu klein. „Messi ist auch nur 1,70 Meter“, sagt Hoffmann, der auch die Talenteliga-Mannschaft beim 1. FC Lok Stendal trainiert. Die Region habe durchaus schon Talente hervorgebracht, die inzwischen in Magdeburg oder Wolfsburg trainieren. Doch der Sprung von dort nach ganz oben sei extrem schwer. Hoffmann weiß: „Die Einstellung ist in anderen Ländern anders.“ Darum hinke der deutsche Fußball auch hinterher. Früher sei das noch anders gewesen. Als er noch aktiver Spieler beim 1. FC Magdeburg war, habe es für ihn keine Ausreden gegeben. Egal ob Training oder Punktspiel: Er wollte immer dabei sein, sagt Hoffmann. Heute gebe es zu viele Ablenkungen. Ob Smartphone, Internet oder Geburtstagsparty: Der Fußball rücke in den Hintergrund. Doch wer es wirklich in die Fußballspitze schaffen möchte, müsse auch bereit dafür sein. Bei den Jüngsten sollte es noch nicht zu sehr um das Ergebnis gehen, sondern erst einmal darum, auf dem Rasen die Kreativität zu entfalten. „Wir trainieren seit eineinhalb Jahren verstärkt das 1:1“, sagt der Stendaler Stützpunkttrainer. Denn: „Wir wollen mehr Fußballer entwickeln.“ Wenn auf Teufel komm raus nur das Ergebnis stimmen soll und die Nachwuchsspieler in ein taktisches System gepresst würden, bleibe wenig Raum für schönen Fußball. Und Talente können sich nicht entfalten. Deshalb sei eine Weiterentwicklung in der Jugendarbeit auch wichtig. Vor allem in den Leistungszentren, wo eben nach Größe oder Grundschnelligkeit aussortiert werde, sagt Hoffmann.

„Wir gehen in Sachsen-Anhalt schon seit 2013 den zweiten Weg der Talenteförderung“, erklärt Thomas Schulze. Der Jugendausschussvorsitzende des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt (FSA) meint damit die Talenteliga, die es so bundesweit kein zweites Mal gibt. Hier haben junge Kicker von 12-13 Jahren die Chance, sich weiterzuentwickeln. Denn das DFB-Stützpunkttraining ist nur für 10-12-Jährige ausgelegt. Doch Schulze kennt auch die Probleme. „Die individuelle Förderung der Dribbler gab es nicht. Das war verpönt. Deshalb finden wir auch keine echten Spielmacher mehr, die ein Spiel entscheiden können.“ Das soll sich mit dem neuen Konzept ändern. Weg von taktischen Dingen, hin zu mehr Freiheit. Und: Die Spielfelder seien viel zu groß. Hier könnten sich nur die wenigen schnellen Spieler durchsetzen. Auch das soll sich ändern. „Wir dürfen nicht zu viel reinreden, müssen zurück zum Straßenfußball, zu den eigenen Lösungen“, unterstützt Schulze Bierhoffs Idee der „Bolzplatzmentalität“.

Der FSA-Jugendausschussvorsitzende ist zuversichtlich. Hat das Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Magdeburg doch jüngst erst die 3-Sterne-Bewertung erhalten. „Das zeigt, dass wir in Sachsen-Anhalt auf einem guten Weg sind.“ Doch es bleibt weiterhin ein harter.

VON SABINE LINDENAU UND RENEE SENSENSCHMIDT

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