„Wir müssen eng zusammenrücken“

1. FC Lok Stendal: Präsident Ulrich Nellessen bezieht im AZ-Interview Stellung zur aktuellen Krise

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Der Abgang seines Sohns Benedikt (rechts) tut Lok-Präsident Ulrich Nellessen (links) gleich doppelt weh. Ein Ersatz für den langjährigen Leistungsträger konnte bislang ebenso wenig gefunden werden wie für Sport-Vorstand Ralf Troeger.

Stendal. Über zehn Jahre hatte der 1. FC Lok Stendal seine Ruhe. Die üblichen Turbulenzen eines Traditionsvereins wusste der Klub unter der Ägide von Präsident Ulrich Nellessen hinter sich zu lassen.

Es wurde solide gewirtschaftet und Schritt für Schritt am sportlichen Erfolg gearbeitet. Die Krönung dieser seriösen Entwicklung erfuhren die Eisenbahner mit dem Einzug in den DFB-Pokal in diesem Frühjahr. Von den üblichen Gefahren des Erfolgs blieb allerdings auch der 1. FC Lok nicht verschont. In Folge von Zuschauerprotesten trat Sport-Vorstand Ralf Troeger vor knapp zwei Wochen zurück. Nachdem über die Gründe seines Ausscheidens zunächst nur gemutmaßt werden konnte, ließ Troeger in Form eines Leserbriefs massive Vorwürfe gegen Spieler und Trainer folgen. Eine Reaktion aus Mannschaftskreisen blieb bislang aus. Aufgrund der sportlichen Situationen hat man sich am „Hölzchen“ Ruhe verordnet. Gegenüber AZ-Sportredakteur Tobias Haack bezog dafür jetzt Präsident Nellessen Stellung und gab zudem einen Einblick in die Zukunftsplanungen ohne den Sport-Vorstand Troeger.

Herr Nellessen, die Stellungnahme Ihres ehemaligen Sport-Vorstands Ralf Troeger hatte es in sich und hat Mannschaft und Trainer äußerst schlecht dastehen lassen. Seitdem sind jetzt einige Tage vergangen und der erste Rauch ist verzogen.

Wird es noch eine Reaktion zu den Vorwürfen geben?

Das sind natürlich alles mündige Bürger. Wir werden in dieser Woche hinter verschlossenen Türen reden und was die Spieler und der Trainer dann daraus machen, müssen sie selber wissen. Das sind erwachsene Menschen. Da werde ich mich nicht einmischen.

Herr Troeger sah die Ursache allen Übels der vergangenen zwei Wochen in einem eskalierten Prämienstreit. Angeblich hätte die Mannschaft für ihre jüngsten Erfolge 36.000 Euro gefordert. Können Sie diese Summe bestätigen?

Es gab eine Vorstandssitzung, die Herr Troeger verlassen hat, um mit den Spielern zu sprechen. Als er zurückkam, hat er uns diese Summe genannt. Das kann ich bestätigen. Die Summe stand also im Raum, in welcher Form hat er uns allerdings nicht mitgeteilt. Ich weiß nicht, ob die 36.000 Euro nur ein Vorschlag, eine Diskussionsgrundlage oder eine verbindliche Forderung verbunden mit einem eventuellen Boykott waren. Letzteres denke ich aber ausschließen zu können.

Wie ging es danach weiter?

Es ist doch klar, dass wir darüber erst reden können, wenn das Geld vom DFB auch da ist. Das kann noch eine Weile dauern. Das wissen die Spieler und haben das auch akzeptiert. Ich habe mich darüber beispielsweise mit unserem Kapitän (Anm. d. Red.: Philipp Groß) unterhalten, der dafür auch Verständnis gezeigt hat.

Lassen Sie uns nach vorne schauen. Der Verein braucht einen neuen Sport-Vorstand. Wie weit ist die Suche nach einem Troeger-Nachfolger vorangeschritten?

Die Suche ist natürlich schwer und nach dem, was passiert ist, ist sie sogar doppelt schwer. Verglichen mit einem Fußballspiel würde ich sagen, dass wir auf Vorstandsebene aktuell nur mit sieben statt mit elf Mann spielen.

Wie sieht Ihr Anforderungsprofil für einen neuen Sport-Vorstand aus?

Wir haben vor, das Sportliche und das Juristische in Zukunft zu trennen. Herr Troeger hat das in der Vergangenheit ja alles allein gemacht, aber eigentlich kann eine Person das gar nicht leisten.

Wünschenswert wären sicherlich Personen, die eine Lok-Vergangenheit und einen Bezug zum Verein haben.

Im Sport möchte man immer jemanden auf solchen Posten haben, der schon einmal im Verein war. Aber es ist schwierig. Nach den Geschehnissen der letzten Wochen ist der Boden nicht gerade bereitet, für Leute, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Wir bemühen uns, aber mehr können wir auch nicht tun.

Wäre auch eine Lösung denkbar, wonach Sven Körner die Posten des Trainers und Sport-Vorstands auf sich vereint?

Alles ist denkbar, nichts ist ausgeschlossen. Nach dem, was passiert ist, ist es für mich das Wichtigste, dass ich Leute an meiner Seite habe, denen ich vertrauen kann.

In dieser Woche spielen zwei neue Probespieler vor. Sollte einer der beiden überzeugen und verpflichtet werden, gäbe es dann überhaupt jemanden, der für die Formalien hinter einem Transfer zuständig wäre?

Es ist schon so, dass wir noch handlungsfähig sind. Das würden wir mit Sicherheit hinbekommen. Klar ist aber auch, dass das keine Dauerlösung ist. Wir müssen jemanden finden. Ich strebe auch in diesem Jahr noch eine Mitgliederversammlung an.

Neben dem ganzen Theater abseits des Platzes vergisst man fast, dass die Situation nach drei Niederlagen zum Oberliga-Start auch sportlich angespannt ist. Würden Sie sagen, dass daran auch das Troeger-Thema eine Aktie hat?

Nein, das denke ich nicht. Die Spieler sind sehr engagiert und haben ordentlich gespielt. Sie haben das alles ganz gut ausgeblendet, dafür muss ich die Mannschaft loben. Allerdings erwarte ich das auch. Alibi-Fußball würde ich bei Lok Stendal nicht zulassen!

Dennoch steht die Mannschaft aktuell ohne Punkte da. Wie schätzen Sie die Chancen im diesjährigen Abstiegskampf ein?

Bis jetzt konnte man schon den Eindruck gewinnen, dass die Staffel sehr schwer ist. Alle Mannschaften, gegen die wir gespielt haben, waren sehr gut. Wenn das so weitergeht, werden wir es schwer haben. Es sollte uns gelingen, noch Verstärkungen für die Offensive zu finden. Das ist in Stendal aber deutlich schwieriger als beispielsweise in Berlin. Zumal wir gestandene Spieler benötigen. Auch hier gilt, dass wir nicht mehr machen können, als uns zu bemühen.

Es wird also auch sportlich nicht leichter.

Wenn man die Leistungen bislang sieht, ist es schon möglich, mit ein bisschen Glück ins untere Tabellenmittelfeld vorzudringen. Wir müssen uns als Vorstand anstrengen und die Spieler müssen auf dem Platz das gleiche tun. Wenn wir alle eng zusammenrücken, schaffen wir das. Man darf nicht immer nur das sehen, was man nicht hat, sondern auch das, was man hat und das ist in Stendal immer noch eine Menge!

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