Trikottausch mit Bernd Schuster: Rainer Wiedemann ergatterte beim Pokalspiel gegen Leverkusen ein ganz besonderes Andenken

Ein Weltstar verschenkt sein letztes Hemd

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Auf das Trikot mit der Nummer acht ist Rainer Wiedemann besonders stolz. Der ehemalige Stürmer des FSV Lok Altmark Stendal bekam es nach dem verlorenen Viertelfinalspiel im DFB-Pokal von Weltstar Bernd Schuster geschenkt.

Bismark. Es hängt in der Garage, gehalten von einer Handvoll Reißzwecken – das Trikot von Bernd Schuster. Es ist ein ganz besonderes Erinnerungsstück an das größte Fußballspiel, das die Altmark nach der Wende erlebt hat.

Rainer Wiedemann, viele Jahre Torgarant in Diensten des FSV Lok Altmark Stendal, hat es am 31. Oktober 1995 nach dem Viertelfinal-Spiel seiner Mannschaft im DFB Pokal gegen den Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen ergattert und hütet es seither wie einen Schatz. Denn: Es ist das letzte Hemd, das der einstige Weltstar – Schuster spielte unter anderem viele Jahre für den FC Barcelona und Real Madrid – in Deutschland trug.

Nur wenige Tage nach seinem „lustlosen Auftritt“ (Zitat: „Die Welt“ vom 1. November 1995) am Stendaler „Hölzchen“ kam es nämlich zum Bruch zwischen ihm und seinem damaligen Coach und dem späteren Nationaltrainer Erich Ribbeck. Bernd Schuster bestritt nie wieder ein Spiel für Leverkusen und beendete nach einer Saison und neun Einsätzen beim mexikanischen Verein UNAM Pumas 1997 endgültig seine glanzvolle Karriere.

Schalke-Fan Rainer Wiedemann erinnert sich noch ganz genau, wie er zu diesem Schmuckstück kam. „Ich wollte das Jersey mit ihm gleich nach Spielschluss tauschen, aber an dem Tag war es recht frisch. Schuster meinte, wir sollten das deshalb lieber in der Kabine machen. Ich bin dann zu den Leverkusenern rein, da saß er gleich vorne links zusammen mit Rudi Völler und Holger Fach.“ Ohne Probleme bekam der Lok-Stürmer das Shirt mit der Nummer acht, gab dem Leverkusener daraufhin natürlich auch sein Dress.

Ob sich der ehemalige Mittelfeldmann Schuster daran noch erinnert? „Wahrscheinlich nicht, aber an Stendal wird er sich mit Sicherheit noch erinnern.“ Allerdings nicht – wie Wiedemann – im positiven Sinne. Denn die Leverkusener entgingen beim Pokalspiel in der Altmark nur denkbar knapp einer richtigen Blamage. Die Fußball-Millionäre Paulo Sergio, Rudi Völler, Ulf Kirsten, Holger Fach, Ioan Lupescu, Markus Münch oder eben Bernd Schuster schafften es in 120 Minuten nämlich nicht, gegen den Drittligisten ein Tor zu erzielen. Erst das Elfmeterschießen brachte die Entscheidung zu Gunsten des großen Favoriten. Bayer 04 gewann mit 5:4, weil Keeper Dirk Heinen die beiden Strafstöße von Torsten Aurich und Sven Bergen parierte.

„Das war sehr ärgerlich. Unser Ziel war es eigentlich, die Leverkusener auszuschalten“, blickt Rainer Wiedemann heute auf die Partie zurück. Ein ambitioniertes, aber keineswegs unmögliches Vorhaben, wie sich herausstellte. Nachdem Lok die damaligen Zweitligisten VfL Wolfsburg, Hertha BSC und Waldhof Mannheim aus dem Wettbewerb geschmissen hatte, wollte der Pokal-Schreck aus Sachsen-Anhalt auch der Werkself ein Bein stellen. Es gab sogar schon Pläne für das Halbfinale, wie der ehemalige Lok-Stürmer heute verrät: „Wir wollten das dann im Berliner Olympiastadion spielen“, berichtet der heute 46-Jährige. Gegner wäre der damals etwas schwächelnde 1. FC Kaiserslautern gewesen. Doch daraus wurde bekanntlich nichts.

Rainer Wiedemann sieht das mittlerweile gelassen, spricht trotz des Pokal-Aus vom absoluten Höhepunkt in seiner Stendaler Zeit. „Das Fluidum war damals einmalig.“ Er bekommt immer noch eine Gänsehaut, wenn er an die Stimmung im „Hölzchen“ denkt, die bei diesem Pokal-Kracher herrschte: „Im Schnitt hatten wir bei den Regionalliga-Heimspielen 1 500 Zuschauer, gegen Leverkusen waren offiziell 12 000 da, aber es dürften noch ein paar tausend mehr im Stadion gewesen sein.“ Deshalb sei das Trikot auch eine wunderbare Erinnerung an diesen Pokal-Fight.

Ein Andenken daran wollte ein Stendaler Unternehmer, dessen Namen Wiedemann nicht verraten wollte, übrigens auch gern haben. „Kurz nach der Begegnung hat er mir mehrere tausend Mark für das Jersey geboten“, schmunzelt Wiedemann. Er behielt es trotzdem. Warum? „So etwas verkauft man einfach nicht“, lautet Wiedemanns knappe, aber bestimmte Antwort.

Seit der „Altmark-Bomber“, so wird Wiedemann von den Fußball-Fans in der Region immer noch genannt, in Bismark wohnt, hängt das Schuster-Trikot in seiner Garage. Direkt neben einem Mönchengladbach-Dress von Stefan Effenberg und einem Shirt, auf dem alle Spieler unterschrieben haben, die 1997 mit Schalke 04 UEFA-Pokalsieger geworden sind. Es sind zwei weitere Erinnerungsstücke aus Freundschaftsspielen, die Rainer Wiedemann in seiner langjährigen Fußballer-Laufbahn in Stendal gesammelt hat. „Für alle, die bei mich zu Hause besuchen, sind das natürlich immer wieder Hingucker“, freut er sich.

Der Auftritt mit Lok Altmark Stendal im DFB-Pokal ist beim einstigen Strafraum-Spezialisten also auch nach knapp 18 Jahren allgegenwärtig, doch der Mann mit dem eingebauten Torriecher hat in seiner Laufbahn noch ein weiteres Spiel erlebt, an das er sich gern zurückerinnert. Das bestritt er allerdings schon 1987 in der DDR-Oberliga im Trikot von Stahl Brandenburg.

„Wir haben im mit 35 000 Zuschauern ausverkauften Rudolf-Harbig-Stadion in Dresden gespielt und bis zur 75. Minute sogar mit 1:0 geführt. Die Stimmung dort war unbeschreiblich“, sagt Wiedemann. Die Partie gegen die Sachsen, bei denen unter anderem Stars wie Matthias Sammer, Ralf Hauptmann (später 1. FC Köln), Matthias Döschner oder Ulf Kirsten im Aufgebot standen, verlor Brandenburg noch mit 1:3.

Kleiner Unterschied zum Pokalspiel gegen Leverkusen: Von dieser Partie hat Rainer Wiedemann, der im Herbst 1999 sein letztes Spiel für Stendal machte, aber noch bis 2004 erfolgreich beim TuS Bismark in der Landes- und Verbandsliga auf Torejagd ging, definitiv kein so schönes Andenken.

Von Christian Buchholz

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