1. az-online.de
  2. Sport
  3. Altmark-Sport

Vin Kastull: „Eine ganz andere Qualität“

Erstellt:

Von: Tobias Haack

Kommentare

vin kastull im zweikampf
Vin Kastull (Mitte) im Spiel gegen OSC Lille. © Darius Simka via www.imago-images.de

Der Stendaler Vin Kastull durfte mit der U19 des VfL Wolfsburg in der UEFA Youth League starten. Der Innenverteidiger kam auf drei internationale Einsätze und trug einmal sogar die Kapitänsbinde. Im großen AZ-Interview blickt der 17-Jährige auf eine einmalige Erfahrung zurück:

Du spielst Dein erstes Jahr in der U19 des VfL Wolfsburg und durftest gleich die Erfahrung einer Youth League-Saison machen. Bevor so ein Wettbewerb startet, werden erstmal die Gruppen ausgelost. Wie habt ihr die Auslosung verfolgt?

„Wir hatten an dem Tag vorher ein Training. Da war das natürlich Thema, weil jeder weiß, was die Youth League für eine Erfahrung und Chance ist. Danach habe ich die Auslosung zusammen mit einem Kumpel verfolgt. Ich persönlich fand die Gruppe sehr vielversprechend. Das waren zwar nicht die größten Namen, aber wir wussten, dass diese Jugendmannschaften sehr, sehr viel Qualität haben.“

Die Gegner hießen OSC Lille, Red Bull Salzburg und FC Sevilla. Gute Namen, aber eben kein Real Madrid, FC Barcelona oder Juventus Turin. Gab es da eine kleine Enttäuschung?

„Einige von den Jungs, und vielleicht auch ich, wären sicherlich auch gerne in der Gruppe mit Manchester City und Paris gewesen. Aber es war doch alles gut. Wir sind nach Spanien geflogen, wir sind nach Frankreich geflogen. Dazu kam Salzburg. Das waren schon vielversprechende Gegner.“

Gerade die Auslandsreisen haben ja schon einen Vorgeschmack auf ein mögliches Profi-Leben gegeben. Hast Du diesbezüglich jetzt Blut geleckt?

„Es war schon ein bisschen komisch für mich, wenn man an den Flughäfen schon wie ein Jungprofi aufgenommen wird und auch, wie in Sevilla zum Beispiel, nach Autogrammen gefragt wird. Aber ja, das würde ich gerne öfter erleben wollen und das ist ein Anreiz für mich.“

Ein Blick auf das Sportliche: Wie würdest Du das Niveau in diesem Wettbewerb beschreiben im Vergleich zum Alltag in der U19-Bundesliga?

„Richtig vergleichen kann man das nicht. In der Youth League möchte jeder Klub eine gute Performance abgeben. Da wird auf Top-Level gespielt und das merkst du. In Spanien und Frankreich wird ganz anders ausgebildet als in Deutschland und da spielen auch ältere Jahrgänge mit, die teilweise schon bei den Profis mittrainieren und spielen. Das hat eine ganz andere Qualität, was gewöhnungsbedürftig ist, aber andererseits auch eine ganz tolle Erfahrung.“

Was heißt „anders ausgebildet“? Ist es so, wie es landläufig gesagt wird, dass in Deutschland eher Körperlichkeit und Taktik im Vordergrund stehen und in den südlichen Ländern eher das technisch, fußballerische Element?

„Also gegen Sevilla zum Beispiel haben wir zuhause 1:1 gespielt und ihnen mit Kampf und Leidenschaft wehgetan. Da hätten wir mit Glück sogar gewinnen können. Aber als wir dann in Spanien waren, da hat man halt gesehen, dass es in deren Umfeld, auf deren Rasen etwas ganz anderes ist. Die hatten einfach eine andere Qualität. Und zwar jeder einzelne Spieler. Da fällt niemand ab.“

Wie seid ihr den Wettbewerb im Vorfeld angegangen, was war eure sportliche Zielsetzung?

„Schwierig. Klar hat man sich gegen jede Truppe vorgenommen, gut zu performen. Wir wollten die Vorfreude, so ein Turnier spielen zu dürfen, in jedes Spiel mit rein nehmen und das Bestmögliche geben. Am Ende wollten wir alles geben und sehen, wofür es reicht.“

Unter dem Strich war das Unentschieden gegen Sevilla der einzige Punkt. Die restlichen Partien wurden verloren. Wie fällt da euer Fazit rückblickend aus?

„Der Trainer hat uns gesagt, dass in manchen Spielen mehr drin gewesen wäre, wenn wir uns mehr zugetraut hätten. Es war für uns halt eine Umstellung, unter der Woche nach Spanien zu fliegen, anstatt in der Bundesliga zu spielen. Klar wäre mehr drin gewesen, aber jeder Einzelne hat jetzt seine Erfahrungen gesammelt und das kann einem keiner mehr nehmen. Ich hoffe, wir können es nächstes Jahr vielleicht nochmal spielen.“

Die anderen deutschen Mannschaften haben auch nicht geglänzt. Nur Dortmund hat die Vorrunde überstanden. Der FC Bayern und RB Leipzig mussten ebenfalls als Gruppenletzte die Segel streichen. Worauf würdest Du es zurückführen, dass sich der deutsche Fußball im Nachwuchs so schwertut?

„Es ist einfach eine andere Spielart in den anderen Ländern. Zum Beispiel Dynamo Kiew hat bei den Männern nicht mehr den ganz großen Namen, ist in der Jugendabteilung aber brutal gut. Man unterschätzt die oft, auch Club Brügge zum Beispiel. Aber das sind richtig gute Ausbildungsvereine. Wenn du teilweise auch gegen zwei Jahre ältere Spieler spielst, ist es halt auch etwas anderes. Die sind einfach weiter und das merkst du.“

Was nimmst Du persönlich als wichtigste Erfahrung für deinen weiteren Weg mit?

„Ich habe gesehen, dass ich auf diesem Niveau mitspielen kann und diese Erfahrung möchte ich jetzt mit in die U19-Bundesliga nehmen. Ich denke, es hat mich fußballerisch und als Mensch weitergebracht.“

Als jüngster Spieler im Wolfsburger Kader hattest Du zwei Kurzeinsätze und durftest im letzten Gruppenspiel gegen Lille über die vollen 90 Minuten ran. Wie zufrieden bist Du persönlich mit deiner Youth League-Saison?

„Natürlich möchte man gerne noch mehr spielen, aber es ist halt schwierig. Wenn von den Profis A-Jugend-Jahrgänge runtergegeben werden, müssen die auch spielen. Deshalb bin ich persönlich zufrieden. Als jüngster Spieler im Kader komme ich auf drei Einsätze und das gibt mir den Ansporn, weiterhin noch mehr zu machen.“

In einem Spiel warst Du nach deiner Einwechslung sogar für ein paar Minuten Kapitän. Wie kam das zustande?

„Ich wurde für unseren Kapitän eingewechselt und ich bin im Mannschaftsrat, deshalb habe ich mir einfach die Kapitänsbinde genommen und wollte die Jungs die letzten 20 Minuten nochmal gut anführen. Ich habe ein gutes Selbstvertrauen und das habe ich dann ins Spiel mit rein genommen.“

Geschadet hat es auf jeden Fall nicht. Gegen Lille hast Du die komplette Spielzeit absolviert, allerdings auf einer ungewohnten Position rechts auf der Schiene in der Fünferkette.

„Ja, das war natürlich eine völlig neue Position für mich. Von den Abläufen her ist diese Position sehr anstrengend, erst recht auf diesem Niveau. Mein Gegenspieler war dann auch noch ein Altjahrgang, also schon 19 und damit zweieinhalb Jahre älter als ich. Das war schon technisch und athletisch etwas anderes. Und diese Jungs sind auch schneller im Kopf. Es war gewöhnungsbedürftig, aber am Ende des Tages habe ich meinen Job gut gemacht.“

Wie geht es jetzt für Dich weiter? Welche Ziele hast Du dir für die laufende Saison noch gesteckt?

„Ich möchte die Rückrunde effektiv nutzen und Stammspieler werden. Perspektivisch ist mein Ziel, bei den Profis mitzutrainieren und irgendwann auch dort zu spielen. Das ist doch völlig normal. Dafür trainiere ich und dafür mache ich auch immer ein bisschen mehr. Das nächste Jahr in der U19 möchte ich unangefochtener Stammspieler werden und auch als Führungsspieler die Jungs antreiben.“

Auf welcher Position siehst Du dich in der Zukunft am ehesten?

„Meine Lieblingsposition bleibt die in der Innenverteidigung, weil ich dort meine Stärken sehe. Mein Zweikampfverhalten und meine defensive Qualität. Außerdem pushe ich die Jungs von dort auch an. Deshalb sehe ich mich ganz klar dort.“

Wie ist bezüglich Deiner Zukunft der Austausch mit dem Verein? Gab es schon Signale, wie Deine Chancen auf einen Profivertrag stehen?

„Jeder Spieler ist mit den Verantwortlichen permanent im Austausch. Es ist jetzt schon ein Niveau, auf dem viele Berater mitspielen und für ihre Jungs nachhaken. Es gibt beim VfL auch keine zweite Mannschaft mehr und deshalb guckt man schon jetzt genau hin, wie es nach der U19 weitergehen kann.“

Auch interessant

Kommentare