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Dauert ein Spiel 135 Minuten?

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Von: Michael Jacobs

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Zwei Fußballer im Kampf um den Ball
Danny Schulz (links) und der TSV Kusey warfen in Osterburg eine Halbzeit lang alles in die Waagschale. Jetzt sollen sie nochmal in die Ostaltmark reisen. © Sensenschmidt, René

Osterburg/Kusey – „Ein Spiel dauert 90 Minuten.“ Dieser Ausspruch wird dem ehemaligen deutschen Fußball-Nationaltrainer Sepp Herberger zugeschrieben. Und in den meisten Fällen - lässt man etwaige Nachspielzeiten oder Verlängerungen außer acht - trifft die bekannte Fußball-Weisheit auch zu. Eine Ausnahme bildet die Partie der Landesklasse (Staffel 1) zwischen dem Osterburger FC und dem TSV Kusey. Für dieses Spiel werden wohl 135 Minuten Spielzeit notwendig sein um die Punkte zu verteilen. Ein Umstand, der bei beiden Vereinen für gewaltiges Kopfschütteln sorgt. 

Zur Erinnerung: Am 26. November 2022 machten sich die Kuseyer trotz großer Besetzungsprobleme auf nach Osterburg und die Partie wurde wie geplant angepfiffen. Doch nach 45 Minuten, die Osterburger führten bereits mit 6:0, hatten die Kuseyer durch einen Platzverweis und mehrere verletzt ausgeschiedene Spieler die notwendige Mindest-Mannschaftsstärke von sieben Spielern unterschritten. Die Folge: Spielabbruch und ein Verfahren beim Sportgericht des FSA (Fußballverband Sachsen-Anhalt). Und eben jenes Sportgericht fällte nun ein unerwartetes Urteil. Die Partie muss nämlich erneut ausgetragen werden. Der Termin dafür steht mit dem 25. Februar 2023 auch schon fest. Beim Stand von 0:0 gibt es also weitere 90 Minuten Osterburg gegen Kusey.

Bei TSV-Trainer Klaus Steckhan sorgt das für Unverständnis: „Das ist totaler Blödsinn. Normalerweise gibt es eine Spielwertung und gut. Ich habe noch nie gehört, dass in einem solchen Fall ein Spiel wiederholt wird. Wir standen ja schon vor der Frage, ob wir überhaupt hinfahren. Haben uns dann dafür entschieden, auch wenn wir vielleicht 20 Stück kriegen. Auch unsere Verletzungen im Spiel waren mit Rippenprellung und Oberschenkelzerrung ja keine Allerweltsgeschichten“, blickt Steckhan zurück. Doch der zuständige Sportrichter schätzt das offensichtlich ganz anders ein und entschied auf ein Wiederholungsspiel.

Ein Umstand, der Osterburgs Vereinschef Sven Metzlaff regelrecht auf die Palme bringt. „Mit einer solchen Entscheidung sind doch Spielabbrüche zukünftig vorprogrammiert. Dann können Mannschaften mit elf Mann anreisen, fünf sagen sie sind verletzt und dann wird abgebrochen. Da ist dem Betrug doch Tür und Tor geöffnet“, echauffiert sich Metzlaff.

Und noch etwas stört den OFC-Chef gewaltig. Er und sein Verein wurden über das Urteil gar nicht informiert, können somit formell auch kein Rechtsmittel dagegen einlegen. Metzlaff sah über das DFB.net-Postfach (offizielles Kommunikationsmittel zwischen Verband und Vereinen/Anm. d. Red.) in der Woche vor Weihnachten lediglich die Neuansetzung für kommenden Februar. „Ich habe daraufhin den Staffelleiter kontaktiert, der mir dann sagte, dass es ein Urteil gibt und deshalb die Neuansetzung erfolgt ist“, berichtet Sven Metzlaff.

Den genauen Inhalt des Richterspruches kennt man beim OFC also gar nicht. Kuseys Fußballabteilungsleiter Sven Behrendt kann etwas Licht ins Dunkel bringen. „Im Urteil steht sinngemäß drin, dass das Spiel annuliert und neu angesetzt wird, weil der TSV Kusey den Abbruch nicht beeinflussen konnte“, berichtet Behrendt. Richtig fassen konnte auch Behrendt das nicht. „Das Urteil kam und ich dachte, ‘okay, jetzt kommt die Wertung von der wir alle ausgegangen sind’. Ich wollte es schon in unsere Mannschaftsgruppe stellen, habe dann aber erst nochmal genauer geschaut und war selbst überrascht“, schildert Behrendt.

Unterdessen will man die Neuansetzung in Osterburg nicht einfach so über sich ergehen lassen. Beim OFC denkt man darüber nach, das Spiel nicht auszutragen. Schriftlichen Kontakt mit dem Verband wird es definitiv geben. Sportrechtliche Schritte prüft der Verein laut Sven Metzlaff ebenfalls.

Doch wie groß sind überhaupt die Chancen, dass das von beiden Parteien als unsinnig angesehene Urteil nochmal revidiert wird? Zumindest laut Spielordnung erscheint die Entscheidung zur Neuansetzung wasserdicht. Denn wenn der Richter laut Paragraph 23 zu der Erkenntnis gelangt ist, dass die Kuseyer alles in ihrer Macht stehende getan haben um das Spiel durchzuführen beziehungsweise fortzusetzen, ein Abbruch wegen der weniger als sieben noch zur Verfügung stehenden Spieler jedoch unumgänglich war, ist die Neuansetzung rechtens.

Was bleibt, ist der gesunde Menschenverstand. Und bezüglich dessen hat sich das Sportgericht - und damit auch der Fußballverband - einmal mehr blamiert. Denn zum einen ist es den Kuseyern sportlich hoch anzurechnen, dass sie das Spiel nicht von vornherein durch einen Nichtantritt abgeschenkt haben. Zum anderen haben sich die Osterburger die drei Punkte und 6:0-Tore redlich verdient. Auch wenn sie dafür nur 45 Minuten Zeit hatten. Hinzu kommt, dass die Übermittlung des Urteils an den TSV Kusey, jedoch kein Informationsfluss in Richtung Osterburger FC, ein kommunikatives Armutszeugnis ist.

Man kann beiden Vereinen eigentlich nur anraten, dass sie gemeinsam dafür sorgen, dass nicht nochmal gespielt wird und somit die Farce eines 135- Minuten-Spiels ausbleibt.

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