Reportage: Ausbilder Dieter Hausdörfer und 16 Absolventen arbeiten gemeinsam an der B-Lizenz

Der Trainer und sein Team

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Trainerarbeit ist Detailarbeit: Seminarleiter Dieter Hausdörfer führt die Teilnehmer des B-Lizenz-Lehrgangs in die Feinheiten des Trainerjobs ein. Jörn Schulz und Martin Gödecke (kleines Bild) sind von ihrem Lehrmeister beeindruckt. 

Osterburg. Der Raum ist abgedunkelt, auf der Leinwand laufen ausgewählte Spielszenen, die darauf warten, analysiert zu werden. Wie gebannt blicken die 16 Teilnehmer des aktuellen B-Lizenz-Trainerlehrgangs in Osterburg auf die Videosequenz.

Der ein oder andere schüttelt den Kopf. Für den Osterburger FC (Landesklasse), gegen den die Seminargruppe in einem eigens anberaumten Testspiel ein beachtliches 2:2-Unentschieden erreichte, ging es in diesem Fall dann doch zu einfach. Osterburg verlagert das Spiel auf rechts, der Stürmer der Trainerauswahl läuft gut an, doch der Außenverteidiger hinter ihm träumt. Die Konsequenz: Der OFC hat Platz auf dem Flügel, spielt sich durch und kommt beinahe zu einer Großchance. „Da haben wir Glück, dass die Stürmer in der Mitte schlecht laufen und nicht kreuzen“, meint einer der angehenden B-Lizenz-Inhaber. Der Rest stimmt zu. Seminarleiter Dieter Hausdörfer ebenfalls.

Die Stimmung im Raum ist entspannt. Nichts ist davon zu spüren, dass in knapp einer Woche eine umfangreiche Abschlussprüfung auf die Absolventen wartet. Vortrag, Praxisübung, mündliche Prüfung, Klausur und ein praktischer Fußballtest. „Die Prüfung hat es in sich! Wir wollen natürlich niemanden durchfallen lassen. Aber geschenkt bekommt hier auch niemand etwas“, sagt Hausdörfer. Wenn man den leicht sächselnden Ausbilder im Umgang mit seinen Schülern beobachtet, ist es auch nur schwer vorstellbar, dass jemand bei den Prüfungen Probleme bekommen könnte. Im Gegenteil: Hausdörfer lebt seine Rolle so, wie es passender kaum sein könnte. Er ist der Trainer, die Schüler sind die Mannschaft. Sein Unterricht wirkt wie eine Teambesprechung. „Es bringt nichts, wenn ich hier vorne stehe und alles runterbete. Ich will die Jungs einbeziehen. Wir erarbeiten uns hier alles gemeinsam“, erklärt er.

Der Schwerpunkt heute: Spielszenen analysieren, Fehler erkennen und als Schlussfolgerung daraus passende Trainingsformen entwickeln. Gefragt sind Fachwissen, Kreativität und Methodik gleichermaßen. An der Taktiktafel erklärt jeder Teilnehmer dem Rest der Gruppe, welches Thema er bearbeitet hat und wie sein Training dementsprechend aussehen würde. Hausdörfer hält sich zunächst zurück und gibt später Denkanstöße zur Diskussion. Kein Kaugummikauen, kein Smartphone, kein Smalltalk, kein Kopf auf dem Tisch. Die üblichen „Schülerkrankheiten“ gibt es hier nicht. Alle machen mit, alle beteiligen sich. „Wir sind hier ein tolles Team. Alle ziehen mit und unterstützen sich gegenseitig“, sagt Jörn Schulz. Der Oberliga-Trainer des FSV Barleben ist der prominenteste Teilnehmer der Runde. „Toll ist, dass hier alle Meinungen akzeptiert werden, solange man sie gut begründen kann. Das ist wichtig, denn im Fußball gibt es immer viele verschiedene Ansätze“ spricht der Barleber aus Erfahrung.

Schulz kann selbst auf eine bewegte Spielerkarriere zurückblicken. Bei Werder Bremen II agierte er unter anderem unter Vereinsikone Thomas Schaaf. Ein Trainer, der heute schon ein bisschen aus der Zeit gefallen scheint. Doch auch die Einflüsse der „Generation Schaaf“ sind für zukünftige Trainer nicht zu unterschätzen. „Es ist schon immer cool, wenn Schulle hier ein paar Phrasen von früher in den Raum wirft“, scherzt Martin Gödecke. Der Stürmer des 1. FC Lok Stendal gehört ebenfalls zur Seminargruppe. Als aktiver Spieler bringt der 27-Jährige andere Aspekte in die Diskussionen ein. Vor allem aber erweitert der Lehrgang seinen eigenen Horizont. „Ehrlich gesagt habe ich mich als Stürmer nie mit der Defensive beschäftigt. Aber jetzt kann ich auf jeden Fall besser erkennen, was Marcel Werner und Tim Schaarschmidt bei uns in der Abwehr so treiben“, grinst Gödecke.

Schulz und Gödecke – das ist erkennbar – haben das Zeug, gute Trainer zu sein. Jörn Schulz hat es in der Vergangenheit mit zahlreichen Erfolgen bei Medizin Uchtspringe ohnehin bereits bewiesen. Doch auch der Rest der bunt gemischten Gruppe macht einen patenten Eindruck. „Hier sind locker sieben, acht Leute dabei, die ich sofort für höherklassige Aufgaben beim FCM oder HFC weiterempfehlen könnte“, schwärmt Hausdörfer. Das war in der Vergangenheit wahrlich nicht immer so. Doch die Trainer in Sachsen-Anhalt haben sich weiterentwickelt und sind längst auch bestrebt, voranzukommen. Die zuletzt aufgekeimte Diskussion um die eingeführte Trainerlizenzpflicht auf Verbandsliga-Niveau hält er für überflüssig: „Natürlich habe ich Verständnis für die Standpunkte der Vereine. Aber wer im leistungsorientierten Bereich arbeiten will und dort von seinen Spielern in jedem Training vollen Einsatz verlangt, der darf sich selbst nicht vor einem etwas schwierigeren Weg drücken.“

Für die Absolventen des aktuellen Kurses an der Osterburger Landessportschule ist diese Debatte ohnehin ganz weit weg. Sie freuen sich, den Schritt gegangen zu sein und genießen die Vorzüge der knapp dreieinhalbwöchigen Ausbildung. „Ich bin durchweg positiv begeistert. Man bekommt hier viele verschiedene Lernansätze und kann einiges mitnehmen“, bestätigt Schulz das Offensichtliche.

Die taktischen Fehler im Spiel gegen den Osterburger FC sind nun – gegen Ende der Ausbildung – für niemanden mehr zu übersehen. Später geht es raus auf den Platz. Es wird trainiert, die erarbeitete Theorie in die Praxis umgesetzt. Denn in dem abgedunkelten Raum befindet sich nicht nur eine lernwillige Klasse, sondern auch alles, was es an Trainingsmaterialien braucht. „Wir arbeiten praxisnah. Die Jungs bekommen hier das Rüstzeug, um richtig gute Trainer zu werden. Wenn das hier vorbei ist, werden sie so selbstbewusst sein, dass sie vor ihren Mannschaften ganz anders auftreten“, freut sich Routinier Hausdörfer, eine weitere Trainergruppe auf den richtigen Weg gebracht zu haben.

Von Tobias Haack

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