Para-Sportler schlägt neues Kapitel auf

Thomas Ulbricht setzt Laufbahn beim Radsport fort

Sechs Männer bei einer Siegerehrung
+
Erster gemeinsamer Erfolg: Der Salzwedeler Thomas Ulbricht (sitzend links) und Robert Förstermann gewannen beim Para-Cycling in der Schweiz den Sprint.
  • Renee Sensenschmidt
    VonRenee Sensenschmidt
    schließen

Altmark/Berlin – Hinter dem gebürtigen Salzwedeler Thomas Ulbricht liegt eine erfolgreiche Laufbahn in der Leichtathletik. Der stark sehbehinderte Sportler nahm an den Paralympics in Athen, Peking, London und Rio de Janeiro teil. In Peking gewann der inzwischen 36-Jährige die Silbermedaille im Siebenkampf, in Rio holte er Bronze im 100-Meter-Sprint. Auch in Tokio wollte Thomas Ulbricht im Speerwerfen dabei sein, doch aufgrund von Verletzungen der Achillessehnen konnte der Wahl-Berliner die geforderte Norm nicht erfüllen.

Die sportliche Laufbahn schien für den Altmärker beendet, doch inzwischen hat Thomas Ulbricht ein neues Kapitel aufgeschlagen - im Bahnradsport. Gemeinsam mit Robert Förstermann, die kurz vor Weihnachten bei ihrem ersten internationalen Wettkampf Platz zwei über 1000 Meter und Rang eins im Sprint belegten.

Robert Förstermann ist ein erfolgreicher Bahnradsportler, der im Teamsprint mit Deutschland Welt- und Europameister wurde und bei den Olympischen Spielen in London mit Maximilian Levy und René Enders Bronze in diesem Mannschafts-Wettbewerb gewann. Seit 2018 hat sich der gebürtige Greizer dem Behindertensport verschrieben und ist dort als Pilot auf dem Tandem unterwegs. Der 35-Jährige fuhr zuletzt zusammen mit dem sehbehinderten Kai Kruse. Beide verpassten in Tokio um 0,082 Sekunden die Bronzemedaille über 1000-Meter, was auch am Material lag, weil das Tandem der beiden Deutschen vier Kilogramm schwerer als die Räder der beiden brittischen Duos, die Gold und Silber holten, war.

Da Kai Kruse seine Laufbahn beendet hat, war Robert Förstermann nach Tokio auf der Suche nach einem neuen Partner. Seine Wahl fiel auf Thomas Ulbricht, der ihm in den Jahren zuvor regelmäßig im Kraftraum des Olympiastützpunktes in Berlin-Hohenschönhausen über den Weg gelaufen war. Es gab intensive Gespräche und so entschlossen sich beide, es gemeinsam zu probieren. „Ich habe erste Tests auf dem Ergometer absolviert, die recht vielversprechend waren“, berichtet der Salzwedeler, der in der Spitze eine Leistung von 1800 Watt erreicht hat. Ergometer und Bahnrad sind aber zwei unterschiedliche Paar Schuhe. „Auf die Bahn habe ich erst 1200 Watt gebracht. Da ist noch viel Luft nach oben.“

Kraft- und Ergometertraining ist die eine Seite, das Training auf dem Tandem die andere. Seit Anfang November dreht das Duo Förstermann/Ulbricht im Berliner Velodrom seine Runden, wobei die einzelnen Leistungsparameter genau registriert und analysiert werden. Für den Jeetzestädter eine völlig neue Erfahrung. „Ich wusste zunächst nicht, was ich auf dem Rad machen sollte, es war ja alles neu für mich.“ Thomas Ulbricht musste lernen, auf der hinteren Position des Tandems den Körper ruhig und im Windschatten des Vordermannes zu halten. „Meine Aufgabe ist treten, treten, treten und dabei im Rhythmus von Robert zu bleiben.“ Dies ist nicht so einfach, verfügt doch der ehemalige Weltklassesprinter über einen Oberschenkelumfang von 74 Zentimeter, mit denen er das Rad auf Geschwindigkeit bringt. Und wenn Thomas Ulbricht auf dem hinteren Sattel nicht entsprechend mit tritt, wird es für den Piloten vorn immer schwieriger. „Über 1000 Meter kann ich seine Tritt-Geschwindigkeit bereits zwei Runden lang voll mitgehen. Danach werden meine Beine momentan aber noch sehr schwer. Doch ich trainiere hart, damit ich mein Potenzial so schnell wie möglich erschließen kann.“

Denn das neue Radsportduo ist ehrgeizig und arbeitet auf ein gemeinsames Ziel hin - eine Medaille bei den Paralympics 2024 in Paris. Dass dieses Ziel realistisch ist, bewiesen Förstermann/Ulbricht vor wenigen Tagen bei ihrem ersten gemeinsamen Wettkampf in Grenchen in der Schweiz. Über 1000 Meter belegten die beiden Deutschen in 1:03,74 Sekunden hinter den Franzosen Raphael Beaugillet und Quentin Calyron Platz zwei. Indes beherrschten Förstermann/Ulbricht den Sprint-Wettbewerb. In der Qualifikation erreichten sie in 10,151 Sekunden fliegend über 200 Meter die beste Zeit und bestätigten diese auch mit jeweils zwei souveränen Siegen im Halbfinale und im Finale, in dem sie das genannte Duo aus Frankreich bezwangen.

„Damit haben wir ein kleines Ausrufezeichen setzen können und ich konnte meinen Status als Kaderathlet rechtfertigen“, freut sich Thomas Ulbricht, der auch „grünes Licht“ von seinem Arbeitgeber, der Bundesanstalt für den Digitalfunk, erhalten hat, bis Paris weiterhin halbtags trainieren zu können. „Mein Arbeitgeber ist damit mein größter und wichtigster Unterstützer. Ohne diese Freistellung wäre für mich Leistungssport mit Blick auf die nächsten Spiele in Paris nicht möglich.“

Leider ist der Sprint bislang noch kein Bestandteil des paralympischen Radsport-Programms. Aber vielleicht wird dies ja noch geändert. „Dann hätten wir zwei Medaillenchancen“, hofft der ehemalige Leichtathlet.

Thomas Ulbricht ist erfolgreich in seine zweite Karriere gestartet. An der Seite von Robert Förstermann soll die schnelle Fahrt bis in die französische Metropole gehen. Der Salzwedeler vertraut dabei seinem in puncto Radsport äußerst erfahrenen Partner, der als Pilot die Hände am Lenker hat und damit auch dafür sorgt, dass es trotz der hohen Geschwindigkeiten auf der Bahn zu keinen Stürzen kommt. „Robert bringt uns sicher nach Hause“, ist der Salzwedeler von den Qualitäten seines neuen Sportpartners überzeugt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare