Fußball – Oberliga: Lok-Ikone Peter Güssau platzt der Kragen / Berlin-Klatsche im Rückblick

„Sie lassen den Trainer im Stich“

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Martin Krüger (links), der zuletzt noch ansteigende Form gezeigt hatte, ging gegen Berlin (rechts, Marcel Czekalla) ebenso unter wie der Rest der Stendaler Mannschaft. 

Stendal. „Die Woche endet so, wie sie begonnen hat. “ Der erste Satz von Lok Stendals Neu-Trainer Jörn Schulz auf der Pressekonferenz nach der 0:5-Abreibung gegen Blau-Weiß Berlin traf es ziemlich gut.

Auf die unglückliche Inthronisierung des 41-Jährigen zu Wochenbeginn folgte am Sonntag ein empfindlicher Rückschlag im Abstiegskampf. Vom veritablen Fehlstart des als Retter angeheuerten Schulz ganz zu schweigen. Ein Rückblick in fünf Punkten.

„Wir werden mit Schulle noch viel Spaß haben“

Als Jörn Schulz die Mannschaft am Dienstag übernommen hat, war seine Mission klar: In den ausstehenden beiden Partien bis zur Winterpause wollte er so gut punkten, dass der 1. FC Lok im Kampf gegen den Abstieg mit einer guten Ausgangsposition ins neue Jahr geht. Nach dem 0:5 gegen bärenstarke Berliner bleibt festzuhalten, dass der neue Trainer dieses Ziel schon mal nicht erreichen wird. „Wir haben hier heute die Chance verpasst, einen großen Schritt zu machen. Das tut weh“, hielt Schulz nach seiner Heim-Premiere fest. „Ich werde jetzt aber nicht gleich alles in Frage stellen.“ Spielmacher Moritz Instenberg schlug in die gleiche Kerbe, übte ausschließlich Kritik an sich und seiner Mannschaft, nahm den Trainer aber aus der Schussbahn. „Er hat heute wenig verändert, das war total richtig. Unabhängig von dem Ergebnis heute, bin ich mir sicher, dass wir mit Schulle noch viel Spaß haben werden.“ Der Druck vor dem Jahresabschluss am kommenden Sonntag gegen den SC Staaken ist jetzt allerdings schon immens – auch für Jörn Schulz. Geht auch dieses Spiel verloren, braucht es schon fast ein Wunder.

Keine Alternative zum Konterfußball

Vor der richtungsweisenden Partie gegen Blau-Weiß vertraute der neue Lok-Coach auf Bewährtes. Die Mannschaft sollte kompakt stehen und über Konterfußball zum Erfolg kommen. Mit Niclas Buschke und Maurice Pascale Schmidt standen die bekannten Umschalt-Waffen auch zur Verfügung. Da die Stendaler aber bereits nach 19 Minuten mit 0:3 zurücklagen, war die Erfolgstaktik der Vorwochen hinfällig. Berlin ließ sich bis auf ganz wenige Momente der Leichtsinnigkeit nicht mehr locken und Stendal fehlte der Plan B. Darauf, dass Lok nun die Initiative übernahm, wartete der Anhang vergeblich und wurde dementsprechend unruhig. „Die Mannschaft wird nervös, die Spieler verstecken sich und dann hat es seinen Lauf genommen“, konstatierte Schulz.

Erstaunlicher Doppelwechsel

In der Endphase der ersten Halbzeit wirkte die Stendaler Mannschaft regelrecht hilflos. Berlin ließ Ball und Gegner perfekt laufen, fand reihenweise Lücken zwischen den Linien der Gastgeber. Der Treffer zum 5:0 fiel derart einfach, dass er einer Demütigung gleich kam. Publikum und Mannschaft warteten sehnsüchtig auf eine Reaktion von außen und staunten zur Pause nicht schlecht. Schulz ließ mit Franz Erdmann und Steven Schubert beide Sechser in der Kabine. Zwei Spieler, die in der Vergangenheit immer gesetzt waren. Für sie kamen Moritz Instenberg, der einen anständigen Eindruck hinterließ, und Vincent Kühn. Lok stellte auf ein klassisches 4-4-2-System um und überstand zumindest den zweiten Durchgang schadlos. Die Tatsache, dass Berlin sein Pensum um mindestens zwei Gänge runtergeschaltet hatte, spielte allerdings keine unerhebliche Rolle bei diesem kleinen Stendaler Teil-Erfolg.

Gebhardt genießt seine Rückkehr

Ob Berlin-Trainer Marco Gebhardt an alter Wirkungsstätte Mitleid mit seinem Ex-Klub verspürte und seine Mannschaft in der Pause deshalb zur Zurückhaltung aufgerufen hat, ist nicht übermittelt. Offensichtlich war jedoch, dass sich der einstige Bundesliga-Profi im „Hölzchen“ sichtlich wohlfühlte. Ehe die Pressekonferenz startete, suchte er an den Wänden des Vereins-Casinos zunächst nach dem alten Mannschaftsfoto aus seiner Stendaler Saison (1994/95) – und wurde fündig. „Es ist immer schön, wenn man irgendwo hinkommt, wo man schon mal gespielt hat“, erklärte er. Anschließend stand Gebhardt den Fans auch noch für Selfies und Autogrammwünsche zur Verfügung.

Lok-Legende Güssau teilt aus

Er ist eine Legende bei Lok Stendal, bestritt für den Verein insgesamt 136 DDR-Oberliga-Spiele und erzielte dabei 32 Treffer: Peter Güssau. Am Sonntag war der 80-Jährige Gast im Stadion und ließ auf der Pressekonferenz kein gutes Haar an seinem Ex-Klub. „Unsere Leitung kann man vergessen. Aber wir haben ja auch nicht die Mittel, mal einen Präsidenten zu stellen. Wir sind zufrieden, dass Nellessen und andere überhaupt in der Öffentlichkeit auftreten.“ Noch härter ging Güssau mit den Spielern ins Gericht: „Es ist schlecht von der Mannschaft. In Malchow gewinnen sie 5:1 und jetzt lassen sie den Trainer im Stich. Es liegt an der Mannschaft. Wenn du richtige Spieler hast, brauchst du gar keinen Trainer!“

Von Tobias Haack

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