INTERVIEW Videoanalyst über seine Aufgabe und die Anfänge in der Altmark

Riemann: „Wurde schief angeguckt“

Liebe fürs Detail: Julius Riemann.
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Liebe fürs Detail: Julius Riemann.

Magdeburg – Aufnehmen, schneiden, auswerten: Julius Riemann hat neben der Co-Trainertätigkeit bei der U15 des 1. FC Magdeburg eine zweite Aufgabe (AZ berichtete). Er ist Videoanalyst beim Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA).

Im Interview mit AZ-Sportredakteur Patrick Nowak sprach der 20-jährige Rossauer über seine Anfänge in der Altmark, kritische Blicke seines langjährigen Trainers Christian Schulze und deutlich ruhigere Fußballabende im Freundeskreis.

Julius, du studierst Bildungswissenschaften, beschäftigst dich aber seit dem Erhalt deiner B-Trainerlizenz im September 2018 beim Fußballverband Sachsen-Anhalt mit der Videoanalyse. Wie ist es dazu gekommen?

Generell glaube ich, dass Fußballschauen bei mir ein allgegenwärtiger Teil ist. Dieter Hausdörfer ist der FSA-Lehrgangsleiter gewesen und für die Qualifizierung in Sachsen-Anhalt zuständig. Mit der Trainerlizenz habe ich einfach mal gefragt, ob man mal bei den Videoanalysen oder den Auswahlmaßnahmen beim FSA dabei sein dürfte. Das hat dann sofort Gegenliebe gefunden. Und dadurch, dass ich mich im Vorfeld damit selber beschäftigt und beim Rossauer SV Spielsequenzen geschnitten habe, war ich da ein bisschen fit drin. Und dann ging das so weiter.

Heißt konkret?

In den Lehrgängen gab es auch einen gewissen Themenbereich, der sich auf Videoanalyse gestützt hat. Und da war ich auch sehr forsch in meiner Herangehensweise, sodass Dieter Hausdörfer gemerkt hat, dass man mir diese Position anvertrauen kann.

Klingt deinerseits nach einer frühen Affinität dazu.

Das ist extrem spannend, weil das so eine Thematik ist, die nicht sonderlich greifbar ist. Man liest mal ein Interview von Trainern. Aber selten kommt mal ein Videoanalyst zur Sprache. Ich habe dann geschaut, welche Software es da gibt und habe mich damit vorher schon ein wenig auseinandergesetzt.

Auseinandersetzen musst du dich auch mit deinem Zeitmanagement. Wie bekommst du das Studium, die Co-Trainertätigkeit und die Videoanalysen unter einen Hut?

Ein gut strukturierter Tag ist bei diesem Umfang sicherlich eine Stütze, weshalb ich all meine Universitätsveranstaltungen auch so gelegt habe, dass diese sich nicht mit unseren Trainingseinheiten kreuzen. Wenn der Fußball innerhalb der Woche mal stärker ins Gewicht fällt, dann kann man natürlich im Studium ein wenig Abstriche machen (lacht). Ansonsten ist es aber mein persönlicher Anspruch, dies zeitlich ordentlich zu managen und am Ende des Tages auch alles erfolgreich zu bewältigen.

Was reizt dich an der Videoanalyse am meisten?

Häufig schaut man ein Spiel über 90 Minuten. Viele Aspekte gehen aber im Laufe des Spiels verloren. Das einfach nach und nach aufzubereiten und zugänglich zu machen, ist extrem spannend. Ich habe auch bei Rossaus D- und C-Jugend die gute Erfahrung gemacht, dass ich ein Spiel aufgenommen und angeschaut habe. Dann habe ich das den Jungs gezeigt.

Wie haben sie reagiert?

Die Spieler fanden das alle richtig gut und waren erstaunt, sich selber aufgenommen zu sehen. Der Erste, der mich dafür schief angeguckt hat, war Christian Schulze (lacht). Beim zweiten Mal haben wir als C-Jugend gegen unsere eigene B-Jugend gespielt. Und da hat ein Kumpel von mir das Spiel gefilmt. Christian Schulze meinte: „Ist das nicht ein bisschen zu viel für den Bereich, in dem wir uns bewegen?“

Im Nachhinein hat es euch aber geholfen…

Es hat uns geholfen. Und die Spieler haben das sehr wertgeschätzt.

Wie verhält es sich denn bei Fußballabenden im Freundeskreis. Wird dort deinerseits aus dem Affekt heraus analysiert?

Ich will da auch gar nicht so den Besserwisser heraushängen lassen. Wenn ich mit Trainerkollegen beim FCM Spiele gucke, wird da aber schon gesprochen. Unter Freunden kann ich mich aber gut zurücknehmen.

Haben deine Analysen ein festes Schema?

Wir beim FCM wollen in der U15 primär nur nach unserer Mannschaft schauen. Im Trainerteam überlegen wir, welche Spieler wir in der kommenden Woche zur individuellen Analyse holen. Mit ihnen gehen wir dann positionsspezifisch die Abläufe durch.

Wie würdest du den Ablauf einer Arbeitswoche schildern?

Je nachdem, wann wir am Wochenende spielen, regenerieren wir am Montag oder am Mittwoch. Und an diesen Tagen probiere ich, jeweils mit einem Spieler eine Videoanalyse vorzunehmen. Dann kommt das Wochenende, wo wir spielen. Nach dem Spiel bin ich der Erste, der sich das Spiel anguckt und schneide die Szenen für unsere Jungs raus.

Das dauert wie lange?

Wir haben in der C-Jugend Regionalliga 70 Minuten Spielmaterial. Man macht sich Notizen während des Spiels und behält manche Szenarien im Kopf. Daher gehe ich mit einem gewissen Vorwissen in diese Videoanalyse rein. In Stunden ausgedrückt würde ich jetzt sagen, dass es anderthalb bis zwei sind.

Und wie ist es bei der Halbzeitanalyse?

Dass man in die Kabine kommt und da sind schon zehn Szenen aufbereitet, das machen wir bei uns in der U15 noch nicht. Wir arbeiten da als Trainerteam eher so, dass wir uns auf dem Weg in die Kabine über mögliche Schwerpunkte unterhalten oder Wechselszenarien durchgehen. Wir sind drei Leute im Trainerteam und nehmen uns erst mal die Zeit, damit sich alle sammeln. Bis dahin haben wir die wichtigsten Punkte besprochen.

Nach dem Spiel folgt dann die Teamsitzung…

Wir machen neben der individuellen Analyse eine Mannschaftsanalyse. Die fällt so zwischen 15 Minuten und einer halben Stunde aus. Meistens wird die Mannschaft am Montag im Videoraum versammelt und dann gehen wir da die prägnantesten Dinge durch.

Gibt es deiner Meinung nach ein Alter für Spieler, die diese Analysen am besten greifen können?

Wir können unsere U15-Spieler nicht mit sieben, acht Szenen überhäufen. Sie müssen ja auch immer wissen, welchen Schwerpunkt sie gerade mitgenommen haben. Ich würde sagen, dass man in der C-Jugend, bedingt durch das Großfeld, damit in Maßen einheitlich zu einem Schwerpunkt anfangen kann. Damit sie wissen, wo sie sich gerade thematisch befinden.

Wenn angesprochene Dinge zum Erfolg führen, was löst das in dir aus?

Da freut man sich natürlich. Es kann ein Tor von einem Stürmer sein oder eine Halbfeldflanke, die man mit dem Spieler geübt hat. Wenn so etwas zum Erfolg führt, bestätigt das einen in der Arbeit. Damit ist dann aber keine Endlichkeit erreicht.

Diese Tätigkeit bietet viele Facetten und beschäftigt sich ununterbrochen mit dem Fußball. Bist du nach gewisser Zeit manchmal auch satt davon?

An dem Punkt bin ich Gott sei Dank noch nicht angekommen. (lacht) Ich schaue wirklich sehr, sehr gerne Fußball.

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