Beleidigungen, Mangel an Unparteiischen, Spielabbruch: Sorgen um Schiedsrichterwesen im Handball

Probleme am Wochenende

Schiedsrichterwart im HVSA: Martin Harms. Foto: HVSA

Altmark/Magdeburg. Die Begegnung zwischen der SG Flensburg-Handwitt und den Rhein-Neckar Löwen empfand Jörg Mahlich als ein „hartes Spiel“, auch das Duell zwischen dem ThSV Eisenach und dem TV Hüttenberg war „keine einfache Partie“.

Mahlich musste bei beiden Partien, beim 30:27-Sieg der Flensburger in der 1. Handball-Bundesliga am Mittwoch, und beim Spitzenspiel der 2. Liga am Sonnabend, als Eisenach mit 27:24 gewann, Entscheidungen treffen.

Von Zeitstrafen und Schrittfehler in der Bundesliga sind die (jungen) Schiedsrichter in der Altmark noch weit weg. Der Spitzenhandball könnte ein Ziel sein – wenn die Unparteiischen nicht vorher schon die Pfeife weglegen. Mahlich, nicht nur Bundesligaschiedsrichter, sondern auch Betreuer des Handball-Nordligisten HV Lok Stendal sowie dessen Vereinsvorsitzender, registriert im hiesigen Handballgeschehen einen Negativtrend in Sachen Schiedsrichterwesen.

Zwar agiert der Stendaler an der Spitze der Unparteiischen, doch sein Blick geht in die unteren Ligen. Dort, wo die jungen Schiedsrichter ihre Karriere beginnen. Schließlich beobachtet Mahlich das Schiedsrichterwesen hierzulande, wenn er mit seiner Mannschaft auf der Platte steht oder Nachwuchskräften aus dem eigenen Verein zuschaut. „Mein Blick geht an die Basis“, erklärt er. Aus Gesprächen kennt Mahlich die Sorgen und Nöte der jungen Unparteiischen. Beleidigungen und Beschimpfungen in der Halle sind leider allgegenwärtig.

„Schiedsrichter werden von Zuschauern vergrault“, weiß Martin Harms, Schiedsrichterwart im Handballverband Sachsen-Anhalt (HVSA) und auch Bundesligaschiedsrichter. Und stimmt damit dem Negativtrend zu. Nachdenklich macht Spitzenschiedsrichter Mahlich nicht zuletzt ein jüngster Vorfall im altmärkischen Handball. Der Spielabbruch im Nordliga-Spiel zwischen dem VfB Klötze und der SG Neuferchau/Kunrau missfiel ihm. Die Klötzer gingen beim Stand von 21:25 sechs Minuten vor dem Ende der Partie von der Platte, da sie mit der Leistungen der beiden (jungen) Schiedsrichter nicht einverstanden waren. „Ein Spielabbruch ist das Letzte, was eintreten darf. So etwas darf nie wieder passieren“, mahnt Mahlich, Mitglied des Elitekaders des Deutschen Handballbundes, an.

Auf die Pfiffe in diesem Spiel kann und will er nicht eingehen. Ob die Referees richtig oder falsch entschieden haben, sei dahin gestellt. Was für ihn aber richtig ist: „Junge Schiedsrichter dürfen Fehler machen. Man muss das jungen Referees zugestehen. Sie sind in einer Lernphase und müssen Erfahrungen sammeln.“ Generell findet Mahlich, dass „Schiedsrichter Fehler machen dürfen, wie jeder Spieler“. Seiner Einschätzung zufolge stimmen die Leistungen der Unparteiischen im Spielbezirk Nord des HVSA, zum dem die Altmark und der Bördekreis zählt. „Zu 99 Prozent kann man zufrieden sein.“

Und mit entsprechenden Leistungen geht es nach oben. Die beiden Schiedsrichter vom Klötze-Spiel stehen im Bezirksförderkader, also unter besonderer Beobachtung, und könnten eventuell einmal höherklassig pfeifen. Wenn sie ihre Karriere nicht abbrechen, wie schon einige andere. „Wenn man nur auf die Schiedsrichter einprügelt, hat man in ein paar Jahren keine mehr“, merkt der Referee Mahlich an. Seiner Prognose nach sei es in „fünf bis sechs Jahren schwer, Spiele abzusichern“. Schon jetzt gibt es Probleme. „Wir hatten in dieser Saison schon fünf Spiele ohne Schiedsrichter“, erklärt Schiedsrichterwart Harms. „Wir haben am Wochenende grundsätzlich Probleme, Spiele mit Schiedsrichtern zu besetzen“, merkt Harms an.

Im Spielbezirk Nord gibt es einige Vereine, die gar keinen Schiedsrichter stellen. Manche melden dem HVSA Unparteiische, eingesetzt werden wollen sie jedoch nicht – auch aufgrund des rauen Alltags im Amateurhandball. Wenn kein Unparteiischer anreist, muss jemand vom Verein ran. „Wir haben ein Problem, Schiedsrichter zu akquirieren“, bemerkt Mahlich. „Viele Vereine blocken das von vornherein ab“, fügt Kollege Harms hinzu. Statt einen Schiedsrichter zu stellen, zahlt mancher Klub lieber eine Strafe. „Jeder Verein muss sich fragen: Wie gehe ich mit den Schiedsrichtern um?“, fordert Mahlich. Ob seine Pfiffe in der gemeinhin stärksten Handball-Liga der Welt oder in der Nordliga: Für ihn zählen die Schlagwörter „respektieren und akzeptieren“.

Das gilt in der erstklassigen Bundesliga, aber auch in der siebtklassigen Nordliga.

Von Benjamin Post

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