Triathlon – Ironman in Tallin: ein Erlebnisbericht des Altmärkers Karsten Thiede

Prickelndes Gefühl vor dem Ziel

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Unendlich erschöpft, aber auch sehr stolz, es geschafft zu haben: Karsten Thiede von den Triathlonfüchsen Osterburg bestritt vor Kurzem in Tallinn seinen zweiten Ironman. 

Altmark. Knapp vier Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren und einen Marathon laufen. Alles hintereinander. Ein Ironman ist echt nur etwas für eisenharte Triathleten. Karsten Thiede ist so ein Extremsportler.

Der 55-jährige Altmärker hat vor kurzem seinen zweiten Ironman absolviert. Begleitet wurde er von seinem Coach und Freund Pitt. Von seinem Erlebnis in der estnischen Hauptstadt Tallinn berichtet er:

„Nach einer langen Anreise über den Landweg durch Polen, Litauen und Lettland erreichten wir nach 1700 Kilometern die alte Hansestadt Tallinn. Zwei Tage vor dem Start bezogen wir das Quartier und fuhren zunächst in die City, um die Startunterlagen abzuholen und uns einen Überblick zu verschaffen. Der Freedom Square am Rande der Altstadt war Mittelpunkt für die Expo, das Infozentrum, Wechselzone (Rad / Lauf) und den Zielbereich. Wenn man die Startnummer, den Transponder und alles andere in der Hand hält, meldet sich die Vorfreude langsam. Das galt übrigens auch für Pitt, denn am Sonntag sollte für ihn ein Jedermann auf dem Programm stehen. Noch war ich aber ruhig und entspannt. Am Vortag des Wettkampfes stand noch eine lockere Runde auf dem Rad an, verbunden mit einer Teilbesichtigung der Radstrecke. Das Wetter war sommerlich warm und lud deshalb anschließend zu einem Bad in der Ostsee ein.

Irgendwie hat es mit der Einstellung des Weckers nicht richtig geklappt, jedenfalls wurden wir am Renntag um 5:30 Uhr eine Stunde zu spät wach. Das fing also gut an, ich versuchte ruhig zu bleiben und beim Packen der Sachen nichts zu vergessen. Trotzdem ging es etwas hektisch zu und das Frühstück gab es im Auto. Zum Glück war der Hafen nur zehn Minuten entfernt und wir fanden noch einen Parkplatz in der Nähe. So checkte ich noch rechtzeitig in die Wechselzone ein und konnte mich startfertig machen.

Als ich den Worten der Moderatoren lauschte, glaubte ich zunächst, mich verhört zu haben, denn die Wassertemperatur sollte nur 15,4 Grad betragen. Aber es stimmte. Wo war das warme Wasser vom Vortag hin? Um mich herum hatten Teilnehmer zusätzlich zum Neoprenanzug auch Mützen, Handschuhe und Schuhe aus Neopren an. Da ich schon in so kaltem Wasser geschwommen bin, allerdings noch nie fast vier Kilometer, dachte ich ‘das kriegst du hin, ruhig blieben!’.

Um 6:45 Uhr fiel der Startschuss für die Profis, unter anderem mit meinem Vereinskollegen Per Van Vlerken (Bittner), erst danach ging es für alle anderen Starter ins Ostseewasser. Also, die Luft bleibt einem schon kurz weg und auf den ersten 400 Metern dachte ich, mein Gesicht friert ein. Dann aber habe ich meinen Rhythmus gefunden und behielt die Bojen im Auge, um den kürzesten Weg zu finden. Als Brustschwimmer finde ich mich meist im hinteren Mittelfeld wieder und kann auch diesmal zahlreiche Krauler überholen, da ich weit hinten im Feld gestartet bin. Längst nicht alle Triathleten beenden das Schwimmen, lassen sich rausziehen. Nach rund 1,5 Stunden gehe ich wieder an Land und laufe zur Wechselzone, finde meinen Beutel sofort und ziehe mich im Zelt ruhig aber zügig um. Ab zum Rad, raus auf die Strecke!

Meine Lieblingsdisziplin steht an. Die ersten Kilometer aus der Stadt heraus sind noch eng, kurvig und holprig. Die Streckenbesichtigung macht sich hier bezahlt. Ich kann viele überholen und zweite Spur fahren. Raus über die letzte Brücke auf die Bundesstraße und wieder gilt es den Rhythmus zu finden und aufzupassen, nicht zu überziehen. 180 Kilometer sind nicht zu unterschätzen. Es macht richtig Spaß und es rollt ganz gut durch die ländliche Umgebung Tallinns. Das Profil ist zunächst wellig und der Asphalt gut, später auch holprig und grob. In Richtung Küste ziehen sich zwei drei moderate Anstiege hin, die dann aber mit einem Blick über die Steilküste aufs Meer belohnen. An der Strecke hat sich Pitt eine Stelle gesucht, um mich anzufeuern und Zeiten zuzurufen. Das motiviert mich weiter, denn das Tempo stimmt, ist sogar etwas zu schnell, also muss ich korrigieren. Es sind zwei Runden zu fahren und ein Abstecher nach Süden hält Gegenwind, Hügel, zwei Autobahnbrücken und zahlreiche Kreisel bereit. In diesem Rennabschnitt begegne ich zweimal Per und wir feuern uns gegenseitig an. Wieder ein Motivationsschub. Kurz nach dem Wendepunkt setzt ein erster Regenschauer ein, die dunklen Wolken lassen nichts Gutes erahnen. In der zweiten Runde gibt es dann richtig Wasser von oben und Graupelkörner prasseln auf den Helm, begleitet von Blitzen und Donnergrollen. Ich lasse mich davon nicht beeindrucken und versuche mein Tempo zu halten, auch wenn das Wasser auf den Straßen steht. Andere Athleten sind vorsichtiger und so kann ich diese noch überholen. Auf dem Rückweg nach Tallinn lässt der Regen nach. Auf der letzten großen Brücke, 10 Kilometer vor dem Ziel, melden sich die Oberschenkel protestierend. Also ein bisschen Tempo rausnehmen und vor dem Wechsel lockerer in die City rollen.

Nach weniger als sechs Stunden wird mir das Rad in der Wechselzone von Bike-Fängern abgenommen und ich trabe zu den Umkleidezelten, meinen Beutel reicht mir ein Helfer. Nun Radschuhe aus und in die Laufschuhe rein, Cap und Brille auf, Beutel abgeben, weiter geht’s. Die vierte Disziplin, der Wechsel, klappt ganz gut.

Mit Beginn des Marathons wartet gleich der erste 500 Meter lange Anstieg zur Altstadt hoch, also gehe ich erst mal, um meinen Rhythmus zu finden, wieder einmal. Das Laufen ist nun mal meine ‘Lieblingsdisziplin’. Ich lasse es ruhig angehen und nutze jede Versorgungsstation zum Auftanken. Es ist ein ständiges Auf und Ab, wechselnde Untergründe verlangen alle Aufmerksamkeit. In der ersten Runde bremsen mich kurze Krämpfe gleich zu Beginn und auch auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt, die sich zum Glück wieder rausdrücken lassen. Die Sonne ist nach dem Gewitter mit Macht zurückgekehrt und so bin ich froh, dass die Verpflegung alles bereit hält was man braucht. Die Helfer sehr engagiert und reichen einem alles zu. Es gibt sogar Crash-Eis und zwei Duschen auf der Strecke. Die ersten beiden Runden fühle ich mich gut, laufe einfach mein Tempo und werde an den Bergaufpassagen zum Fußgänger, wie viele andere Läufer auch. Pitt taucht an verscheiden Ecken auf, pusht und motiviert mich, macht Fotos. Es ist gut, jemanden an der Strecke zu wissen, ein Backup zu haben.

Wie im letzten Jahr gilt es auch hier vier Runden zu absolvieren. Die von mir gefürchtete dritte Runde läuft viel besser als erwartet, mein Tempo erhöht sich sogar wieder ein wenig. Es liegt sicher auch an den Zuschauern an der Strecke, die jeden anfeuern. Viele Gesichter sieht man Runde für Runde wieder. Auch andere Teilnehmer pushen mich, mit manchen bleibt Zeit, ein paar Worte zu wechseln. Endlich gibt es das dritte Rundenband und die letzte Runde fühlt sich an, als wenn man bergab läuft. Jetzt ist es gleich soweit, das Ziel kommt näher. Die Gedanken kreisen, Erinnerungen an Hamburg kommen hoch, die Kilometer der Vorbereitung lasse ich Revue passieren und Zufriedenheit macht sich breit. Hast es wieder geschafft, denke ich. Zu keinem Zeitpunkt hab ich ans Aufgeben gedacht, nur ab und zu: ‘Was machst du hier eigentlich?’

Die letzten paar hundert Meter bedanke ich mich bei den Helfern, klatsche Zuschauer ab und genieße die Atmosphäre. Das prickelnde Gefühl auf der Zielgeraden läuft den Rücken runter und ich kann es selbst kaum fassen, es wieder geschafft zu haben.“

Mit einer Gesamtzeit von 13,5 Stunden belegte der Arendseer, der für die Triathlonfüchse Osterburg startet, Platz 979. Doch die Platzierung ist nicht entscheidend, sondern vielmehr, die Herausforderung ein zweites Mal bewältigt zu haben. Hamburg 2017 sollte eigentlich ein einmaliges Erlebnis bleiben. Doch es „verlangte nach Wiederholung, so überwältigend und unvergesslich war diese Erfahrung“, sagt Thiede.

Von Sabine Lindenau

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