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„Es hätten alle an einen Tisch gehört“ 

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Von: Michael Jacobs

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Fußballer beim Einwurf
Sportlich standen Paul Morgenroth und Preußen Dobberkau im Pokalspiel gegen Post Stendal vor einem großen Wurf. Nun soll die Partie jedoch erneut ausgetragen werden. © Jacobs, Michael

Dobberkau/Stendal – Während mit Germania Tangerhütte und der SpVgg Havelberg/Kamern bereits zwei Halbfinalisten feststehen, wird im Altmark-Strom-Pokal, dem Fußball-Kreispokalwettbewerb des KFV Altmark Ost, seit mittlerweile mehr als drei Monaten der letzte Viertelfinalist gesucht. Der Grund dafür ist ein Spielabbruch im Achtelfinalspiel zwischen Kreisoberligist Preußen Dobberkau und dem Landesklasse-Team von Post Stendal am 23. September 2022.

Die Partie wurde seinerzeit drei Minuten vor Ende der Verlängerung durch Schiedsrichter Justin Miemel abgebrochen. Zu diesem Zeitpunkt führten die unterklassigen Dobberkauer mit 3:1 und waren auch personell überlegen. Denn die Stendaler kassierten zwei Platzverweise. Das Spiel schien entschieden, Dobberkau auf dem sicheren Weg in die nächste Runde. Doch wegen vermeintlich rassistischer Äußerungen aus Reihen der Zuschauer sah sich Schiedsrichter Miemel gezwungen, das Spiel abzubrechen.

Eben jener Abbruch sorgte dafür, dass das Sportgericht sich mit dem Sachverhalt auseinandersetzen musste. Zuständig ist in Fällen, die im Zusammenhang mit mutmaßlicher Diskriminierung oder ähnlichem stehen, das Sportgericht des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt (FSA). Und das hat nun geurteilt. Die Folge: Eine Neuansetzung des Spiels.

Ein Urteil, das selbstredend für Diskussionen sorgt. Nicht nur bei den beteiligten Vereinen. Auch den Kreisfachverband beschäftigt die Thematik, wie Präsident Michael Müller im Gespräch mit der Altmark-Zeitung klar machte. „Solche Art von Vorkommnissen sind in unserer Region zum Glück selten. Ich denke, dass Sportgericht hatte eine schwierige Entscheidung zu Fällen. Diese ist an sich auch nachvollziehbar“, so Müller, der erklärt, warum es zur Neuansetzung kommt. „Wenn es zu solchen Vorfällen kommt, muss der Schiedsrichter einen Drei-Stufen-Plan einhalten. Die erst Stufe ist die Aussprache mit den beteiligten Vereinen. Stufe zwei ist eine Unterbrechung des Spiels und die dritte Stufe ist dann der Abbruch“, so Müller. Und eben jene drei Stufen sieht das Sportgericht offensichtlich nicht eingehalten und entschied deswegen auf eine Wiederholung der Partie.

KFV-Präsident Müller will von einem Fehlverhalten des Unparteiischen aber nicht sprechen: „Für ihn war ein Punkt überschritten. Deshalb hat er den Entschluss gefasst, abzubrechen. „Ich habe Respekt vor der Entscheidung des Schiedsrichters“, sagt Müller und weist in diesem Zusammenhang auch auf ein Spiel im Profibereich aus dem Dezember 2021 hin. „Da wurde in der 3. Liga zwischen dem MSV Duisburg und den VfL Osnabrück wegen einem Rassismusvorfall abgebrochen. Später entscheid das Sportgericht auf ein Wiederholungsspiel“, erinnert sich Müller. Beweise für eine rassistische Äußerung eines Duisburger Zuschauers gegen den dunkelhäutigen Osnabrück-Spieler Aaron Opoku gab es nicht.

Als Präzedenzfall wollte man die Partie seiner Zeit allerdings nicht verstanden wissen. DFB-Sportrichter Stephan Oberholz erklärte damals: „Es muss klar bleiben, dass das Recht zum Spielabbruch grundsätzlich allein dem Schiedsrichter zusteht (...) Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass in künftigen, vergleichbaren Fällen eines Spielabbruches in Bezug auf die Spielwertung immer auch Tatintensität, Täterprofil, Zeitpunkt und Spielstand näher in den Blick genommen werden müssen.“

Unter diesem Aspekt scheint der Spielabbruch durch Schiedsrichter Miemel nicht falsch. Die von DFB-Richter Oberholz ausgegebene Marschroute, bei der Spielwertung den Zeitpunkt des Abbruchs und den Spielstand genau zu beäugen, scheint bei der Urteilsfindung jedoch eine untergeordnete Priorität gehabt zu haben. Das frustet auch Dobberkaus Trainer Marco Schönhoff. „Ich empfinde, dass wir das Spiel nach 117 Minuten sportlich gewonnen haben“, sagt Schönhoff und berichtet, von etwaigen Äußerungen außerhalb des Platzes nichts mitbekommen zu haben. Diese würden auch grundsätzlich den Werten seines Vereins wiedersprechen: „Wir distanzieren uns klar davon“, sagt Schönhoff mit Nachdruck. Ob die Dobberkauer gegen die Neuansetzung weitere Schritte einleiten, steht indes noch nicht fest. „Wir möchten das auch mit dem KFV besprechen, haben großes Interesse an einer einheitlichen Vorgehensweise.“

Eben jenem KFV bleibt vorerst aber wohl nichts anderes übrig, als das Spiel neu anzusetzen um den Viertelfinalgegner des 1. FC Lok Stendal II zu ermitteln. Wenn es zu einer erneuten Austragung kommt, würde der Post SV Stendal das so hinnehmen, wie Vereinsvorsitzender Rico Goroncy bestätigt. „Das Urteil ist rechtlich sauber. Wir werden das Spiel spielen. In welcher Art und Weise, werden wir sehen.“

Und dennoch spart Goroncy nicht mit Kritik. „Die ganze Art und Weise finde ich falsch. Das Urteil ist so wahrscheinlich legitim, aber wir reden über einen Spielabbruch wegen Rassismus und Diskriminierung. Und dann hat sich das Sportgericht zwölf Wochen Zeit gelassen ein Urteil zu fällen. Dieses Urteil besteht dann aus vier Seiten, von denen drei aus den zusammenkopierten Stellungnahmen der Vereine besteht und lediglich eine vom Gericht selbst stammt“, ärgert sich Goroncy.

Der Stendaler macht somit auch dem FSA klare Vorwürfe. „Es hätten alle an einen Tisch gehört. Entweder zu einer mündlichen Verhandlung oder zumindest zu einem Gespräch. Das Thema ist viel zu sensibel, um das nur schriftlich zu verhandeln. Deshalb bin ich von den drei Sportrichtern auch sehr enttäuscht.“

Der Post-Vereinschef findet, dass man den Ball jetzt an die falsche Stelle gespielt hat. „Es ist doch jetzt nur wieder die Verantwortung an den KFV abgegeben worden. Der muss jetzt das Spiel neu ansetzen und sehen wie er damit klar kommt. Das ist ein völlig falsches Zeichen“, meint Goroncy und berichtet, dass er das in einem Schreiben auch FSA-Präsident Holger Stahlknecht sowie Jörg Bihlmeyer (Vizepräsident Spielwesen) und Lothar Bornkessel (Vizepräsident Gesellschaftliche Verantwortung) mitgeteilt hat.

„Was soll dieses Urteil Positives nach sich ziehen?“, fragt sich Goroncy. Einer erneuten Durchführung dieser Partie sieht man bei den Stendalern auch mit gemischten Gefühlen entgegen. Die Brisanz würde schon im Vorfeld beinahe ins Unermessliche steigen, „selbst wenn wir uns alle einen Maulkorb verpassen“, meint Goroncy. Der Druck auf Spieler und Fans wäre wohl ungewöhnlich hoch, würde doch von vielen Seiten das gesamte Treiben genau beobachtet werden.

Ob eine erneute Austragung tatsächlich Sinn ergibt, bleibt fraglich. Ebenso der Umgang mit dem Thema Diskriminierung. Der FSA unternimmt hier im Bereich Prävention viel. Angebote und Aktionen gibt es zuhauf. Doch wenn es im sportlichen Alltag akut wird, dann fehlt entschlossenes und vor allem richtiges Handeln oft. Statt mündlich von Angesicht zu Angesicht, wird im stillen Kämmerlein schriftlich verhandelt. Und letztendlich stehen Satzungen und Ordnungen den handelnden Personen zu oft im Weg.

Im aktuellen Fall muss vor allem Preußen Dobberkau als Heimverein – und damit für Ordnung und Sicherheit hauptverantwortlich – wohl mit der ausgesprochenen Geldstrafe von kolportierten 200 Euro leben. Denn diskriminierende Äußerungen gegenüber eines Post-Spielers sieht das Sportgericht als erwiesen an. Wenngleich Täter und Fanzugehörigkeit im unklaren bleiben.

Und so bleibt für die Zukunft wohl nur die Erkenntnis, dass Schiedsrichter sich um die sportlichen Belange auf dem Platz kümmern sollten und Vorkommnisse außerhalb des Platzes am besten durch couragiertes Auftreten anwesender Zuschauer geregelt werden. Die empathischen unter ihnen erkennen gewiss den Unterschied zwischen Sportplatzpöbelei und Rassismus.

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