Fußball – Oberliga: Vorstand schmallippig

Plötzlich und unerwartet: Körner-Entlassung wirft Fragen auf 

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Nach exakt 1.900 Tagen im Traineramt des 1. FC Lok Stendal wurde Sven Körner am Sonntag vor die Tür gesetzt. Die Entlassung kam aus heiterem Himmel.

Stendal. Als die Partie des 1. FC Lok Stendal gegen den Charlottenburger FC Hertha (1:3) am Sonntag beendet war, lag eine drückende Schwere über dem Stendaler „Hölzchen“. Enttäuschung und Ratlosigkeit machten sich breit.

Bei Angreifer Vincent Kühn und Co-Trainer Martin Ritzmann entlud sich der Frust in einer kleinen Rangelei mit Spielern des Gegners. Nichts Ungewöhnliches nach einem Fehlstart mit null Punkten aus fünf Spielen. „Im Sport geht es immer weiter“, betonte Stadionsprecher Sven Jaluschka bei seiner Anmoderation der obligatorischen Pressekonferenz. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand auch nur erahnte, wurde wenig später auf der Facebook-Seite des Vereins publik. In sage und schreibe vier (!) Zeilen verkündete der 1. FC Lok Stendal die Trennung von Sven Körner. Dem Trainer, der den Verein in seiner fünfjährigen Amtszeit zurück in die Oberliga und in den DFB-Pokal geführt hatte. Am Montag folgte eine offizielle Pressemitteilung, die mit vier Sätzen nur unwesentlich länger war.

„Für das Ziel Klassenerhalt in der Oberliga Nord sehen wir in der gegenwärtigen Konstellation keine vernünftige Alternative“, hieß es darin. Immerhin bedankte sich der Vorstand, der aktuell nur noch aus Präsident Ulrich Nellessen und Schatzmeister Torsten Pfeiffer besteht, mit einigen warmen Worten für Körners geleistete Arbeit. Mit den Erfolgen der vergangenen Jahre werde sein Name immer untrennbar verbunden sein, so die Botschaft. Ein schwacher Trost für einen Trainer, der aus dem Nichts vor die Tür gesetzt wurde. „Ich habe das überhaupt nicht kommen sehen“, erklärte Körner gestern tief enttäuscht.

Der Vorstand – so geht es zumindest aus der Pressemitteilung hervor – habe dem Trainer die sportliche Wende nicht mehr zugetraut. Die Art und Weise dessen, was am Sonntag nach dem Spiel im „Hölzchen“ vorgegangen ist, lässt jedoch Fragen offen. Weder die Spieler noch Körner waren darüber im Bilde, dass der Trainer überhaupt zur Disposition stand. Ein Gespräch zwischen Vorstand, Trainerteam und Mannschaft zur Aufarbeitung der prekären sportlichen Situation hat es in den vergangenen Wochen nie gegeben. Kurzum: Die Entlassung Körners kam aus völlig heiterem Himmel. Nicht ausgeschlossen erscheint, dass auch die Vorwürfe des Ex-Sportvorstands Ralf Troeger, Mannschaft und Trainer hätten eine Intrige gegen ihn gesponnen, um Prämienzahlungen durchzudrücken, in die Entscheidung des amtierenden Vorstands eingeflossen sind. Auf Anfrage der Altmark Zeitung waren gestern weder Nellessen noch Pfeiffer für eine Stellungnahme bereit, bzw. zu erreichen.

Sven Körner erfuhr von seiner Freistellung am Sonntag nach der Pressekonferenz in einem persönlichen Gespräch. Anschließend trat er vor die Mannschaft und verkündete das für alle Unfassbare persönlich. „Das war eine emotionale Situation. Da sind nicht nur bei mir die Tränen geflossen“, schildert er seinen Abschied vom Team. Das verbreitete Gefühl: Schock. Beim anschließenden Gespräch zwischen Mannschaft und Vorstand legte sich das Team laut AZ-Informationen nochmals für seinen Trainer ins Zeug, konnte Präsident Nellessen aber nicht mehr umstimmen. Die von Körner geformte Mannschaft wird sich wohl oder übel mit der neuen Situation arrangieren müssen.

Wie schwierig das wird, lassen die ersten Reaktionen aus Spielerkreisen erahnen. „Die Mannschaft und auch ich persönlich sind sehr traurig. Wir haben das nicht im Ansatz für notwendig gehalten und immer für die Arbeit von Sven Körner gebrannt“, sagte etwa Angreifer Vincent Kühn. Der 24-Jährige gilt neben Niclas Buschke als einer der Musterschüler Körners. Anfangs belächelt und vom eigenen Anhang kritisch beäugt, haben es Spieler wie Kühn und Buschke geschafft, sich zu Leistungsträgern eines Oberligisten zu entwickeln. Daran, dass diese Entwicklung hauptsächlich der kontinuierlichen Arbeit ihres Trainers geschuldet war, lassen beide keinen Zweifel. Gleiches gilt für Kapitän Philipp Groß, Steven Schubert, die Breda-Zwillinge und viele Spieler aus den eigenen Nachwuchsreihen mehr.

Die Stendaler Eigengewächse müssen ihren Weg nun ohne Mentor Körner weitergehen. „Das, was wir in den letzten zwei Jahren bei Lok erreicht haben, ist wie Champions League für einen Bundesligisten. Das in Stendal zu erhalten, bedarf großer Arbeit. Ich wünsche dem Verein dabei viel Erfolg“, lässt sich der Ex-Trainer zitieren. Trotz aller Enttäuschung wollte es der 36-Jährige aber auch nicht versäumen, dem 1. FC Lok Stendal, dem er seit 2003 angehört hat, zu danken: „Ich bedanke mich beim Vorstand, dass ich als sehr junger Trainer vor über fünf Jahren das Vertrauen bekommen habe. Ich bedanke mich auch bei allen im Verein, die sich ehrenamtlich gekümmert haben.“

An der denkbar schlechten sportlichen Situation, in die er und die Mannschaft geraten sind, wollte Körner nichts beschönigen. Null Punkte nach fünf Spielen sind zu wenig, erst recht für einen ehrgeizigen Trainer wie ihn. Dennoch gibt er zu bedenken, dass mit Moritz Instenberg das Herzstück der Mannschaft seit einem Jahr verletzt fehlt und zuletzt mit Steven Schubert ein weiterer Leistungsträger mit einer Knieverletzung weggebrochen ist.

Rückendeckung erhält Körner auch von Trainerkollegen aus der Oberliga. „Man muss auch mal sehen, gegen welche Gegner Stendal bis jetzt gespielt hat und wie die Spiele verlaufen sind. Es war oft auf der Kippe und hätte auch anders laufen können. Ich glaube schon, dass diese Mannschaft da unten rauskommen wird“, sagt etwa Murat Tik vom CFC Hertha.

In Stendal war das Vertrauen in den Trainer Sven Körner nach dem schwachen Saisonstart auf Vorstandsebene nicht mehr gegeben. Das ist – trotz allem Unverständnis – legitim. Entscheidend ist es jetzt, möglichst zeitnah einen geeigneten Nachfolger zu finden. Zunächst soll Co-Trainer Daniel Fest die Verantwortung übernehmen. Der jedoch ist zum heutigen Auftakt der Trainingswoche privat verhindert. Es gibt viel zu tun für die Entscheidungsträger des 1. FC Lok Stendal, damit sich die bedrückte Stimmung am „Hölzchen“ schnellstmöglich aufhellt. Aber zum Glück geht es ja im Sport immer weiter. Auch für Sven Körner, der sich nun seiner Familie widmen wird und im November den Trainer-A-Lizenz-Lehrgang erfolgreich abschließen möchte.

Von Tobias Haack

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