Fußball - Zeitreise: 1995

Als Lok Stendal im DFB-Pokal groß aufspielte

Packende Szene im DFB-Pokal-Viertelfinale 1995 zwischen Lok Stendal und Bayer Leverkusen.
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Volle Hütte im Stendaler Stadion: Als Lok im Viertelfinale des DFB-Pokals Ende Oktober 1995 auf Bayer Leverkusen traf, war die Euphorie groß. Markus Hoffmann (4. v.r.) war damals Stammspieler.
  • Sabine Lindenau
    vonSabine Lindenau
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Stendal – „Ich habe nicht oft getroffen, aber da habe ich getroffen.“ Markus Hoffmann muss grinsen. Der 53-Jährige, der im Winter 1988 vom 1. FC Magdeburg zum FSV Lok Stendal gewechselt war, erinnert sich noch bestens an das grandiose DFB-Pokal-Jahr 1995.

„Da denkt man einfach gern dran zurück, weil das auch die erfolgreichste Saison für Lok Stendal war“, so der frühere Mittelfeldmann, der in der Zentrale die Fäden zog. Damals war Stendal die Nummer eins in Sachsen-Anhalt, noch vor dem FCM und dem Halleschen FC.

Die Zeiten haben sich längst geändert. Umso schöner ist es für Hoffmann, zurückzuschauen. Zumal es im DFB-Pokal kuriose Erlebnisse gab. In der ersten Runde trafen die Eisenbahner auf den VfL Wolfsburg. Es war der 26. August 1995. Anstoß war 18 Uhr. Obwohl es Sommer war, ziemlich spät. Flutlicht gab es noch nicht. Aber beim DFB, der die Partie ansetzte, hätte wohl auch niemand damit gerechnet, dass der Underdog den damaligen Zweitligisten würde ärgern können. Doch Hoffmann traf zum 1:1-Ausgleich. Es ging in die Verlängerung. Doch in der 116. Minute wurde es zu dunkel, um weiterspielen zu können. Das Erstrundenmatch wurde abgebrochen.

Ich habe nicht oft getroffen, aber da habe ich getroffen.

Markus Hoffmann

Am 6. September ging es von Null los. Allerdings schon um 15.30 Uhr. „Ich glaube, wir haben im zweiten Spiel sogar besser gespielt als im ersten“, erinnert sich Hoffmann. Wieder ging es in die Verlängerung. Und dann ins Elfmeterschießen. Rainer Wiedemann traf zur Stendaler Führung, Heiko Buchheim vergab den zweiten Schuss. Aber auch beim VfL ging ein Elfer daneben. Es folgten drei Lok-Treffer durch Torsten Aurich, Steffen Lenz und Markus Hoffmann. „Wenn ich geschossen habe, war ich immer der letzte Schütze“, so der gebürtige Halberstädter. Den letzten Wolfsburger Schuss parierte Frank Pietruska. Lok war eine Runde weiter.

„Wir waren wie auf einer kleinen Euphoriewelle, die uns da ein bisschen getragen hat. Dann klappen auch mal Dinge, die sonst nicht klappen.“ Und diesen Flow nahmen die Eisenbahner mit in die zweite Runde. Mit Hertha BSC Berlin wartete erneut ein Zweitligist auf den damaligen Regionalligisten. Es war regnerisch, ein Wetter, das den Gastgebern entgegenkam. Wieder war es „Hoffi“, der für den 1:1-Ausgleich sorgte. Die Szene, die darauf folgte, brachte ihm einen neuen Spitznamen ein: Zaunkönig. „Ich bin nach dem Tor zum Zaun gerannt, hab mich drauf gestellt und zu den Fans gejubelt“, erzählt er schmunzelnd. Sein Treffer brachte Lok in die Verlängerung. Endstand: 3:2. Wieder war der Underdog aus dem Osten eine Runde weiter. Und in seiner Euphorie kaum zu bremsen.

Der im Vergleich stärkste Gegner kam in der 3. Runde. Waldhof Mannheim, seinerzeit noch Zweitligist. Das Stadion platzte am 3. Oktober 1995 mit mehr als 6000 Zuschauern fast aus allen Nähten. „Die haben uns echt auch psychisch bearbeitet.“ Doch die Eisenbahner ließen sich von Sprüchen nicht beeindrucken, ließen sich von den Zuschauern tragen. Ein 1:2-Rückstand hielt sie nicht auf. Den 2:2-Ausgleich besorgte, na klar, Markus Hoffmann. Wieder ging es ins Elfmeterschießen, in dem die Stendaler Nervenstärke bewiesen. Der 5:4-Erfolg ließ sie ins Viertelfinale einziehen.

Es war die schönste Saison in meiner Karriere. Die Mannschaft hatte es sich verdient, weil wir über sieben, acht Jahre ein sehr gutes Kollektiv waren.

Markus Hoffmann

Erst Bundesligist Bayer Leverkusen bremste die starken Ostaltmärker aus. Die Enttäuschung bei Hoffi und seinen Teamkollegen war groß. Waren sie doch so nah dran, ins Halbfinale einzuziehen. Im Elfmeterschießen mussten sie sich dann aber mit 4:5 geschlagen geben. Profis wie Bernd Schuster, Rudi Völler und Paulo Sergio trafen unter anderem für die Werkself. „Wir waren niedergeschlagen. Der nächste Gegner wäre Kaiserslautern gewesen. Wir hätten im Berliner Olympiastadion gespielt, weil wir nicht mehr zu Hause hätten spielen dürfen. Das war natürlich schon ein Anreiz. Aber es sollte nicht sein.“ So endete eine spektakuläre DFB-Pokal-Saison am 31. Oktober 1995. Spätestens nun kannte jeder Fußballfan in Deutschland Lok Stendal.

„Es war die schönste Saison in meiner Karriere. Die Euphorie kann man gar nicht beschreiben. Die Mannschaft hatte es sich verdient, weil wir über sieben, acht Jahre ein sehr gutes Kollektiv waren.“ Hoffmann blieb noch bis 2000 in Stendal, spielte dann noch acht Jahre lang für den TuS Schwarz-Weiß Bismark, bevor er seine aktive Laufbahn beendete. Ein Leben ohne Fußball ist für den 53-Jährigen aber nicht vorstellbar. Er ist seit Jahren DFB-Stützpunkttrainer.

So gern er an die erfolgreichen Zeiten zurückdenkt, so traurig stimmt ihn doch die aktuelle Situation. Wenn heute die Oberliga-Mannschaft aufläuft, sind weitaus weniger Zuschauer im Stadion. Früher waren immer mehr als tausend Fans bei den Punktspielen. „Die Zeit damals war prägend für Lok. Wenn man diese Phase mitgestaltet hat, dann ist das schon sehr schön.“

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