AZ-Serie „Der letzte Mann“

Lok-Torhüter Giebichenstein zwischen Paraden und Pleiten

Lok-Torhüter Bryan Giebichenstein gibt seinen Teamkollegen Anweisungen.
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Antreiber mit Handschuhen: Bryan Giebichenstein hütet das Tor des 1. FC Lok Stendal seit nunmehr sieben Jahren.
  • Sabine Lindenau
    VonSabine Lindenau
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Stendal – Er kann mal der rettende Held sein, mal der verfluchte Versager. Seine Position ist Fluch und Segen zugleich. Mal wird er gefeiert, mal ausgepfiffen. Der Torhüter wandelt stets auf dem schmalen, oder eben torbreiten Grat zwischen Triumph und Niederlage. Dadurch nimmt er im Fußball eine ganz besondere Rolle ein. In unserer neuen AZ-Serie widmen wir uns dem „letzten Mann“ auf dem Rasen. Den Auftakt macht Bryan Giebichenstein, der seit sieben Jahren Schlussmann beim 1. FC Lok Stendal ist.

„Torwart ist ja eine böse Position. Du kannst für alle der Held sein. Aber du kannst mit einer doofen Aktion auch der Idiot auf dem Platz sein. Aber das macht den Reiz auch irgendwo aus.“ Bryan Giebichenstein ist Keeper mit Leib und Seele. Dabei hat er als Achtjähriger im Angriff angefangen. Die Laufbahn auf der anderen Seite des Rasens fand aber schon nach wenigen Monaten ihr Ende. In seinem Heimatverein in Osterweddingen fiel der Stammtorhüter in der Jungenmannschaft aus, Ersatz gab es nicht. Da er seinerzeit der Größte war, wurde er vom Trainer gefragt, ob er sich ins Tor stellen würde. „Ich habe dann mit meinem damals besten Freund eine Woche lang trainiert“, blickt der heute 26-Jährige zurück. Schnell fand er Gefallen daran, den Ball in die Hand nehmen zu dürfen. Und blieb im Kasten. „Unser erstes Spiel mit mir im Tor haben wir 8:2 verloren“, weiß er noch genau. „Aber ich habe einen Neunmeter gehalten.“

Das Feuer für die Position war entfacht. Und ließ den jungen Bryan nicht mehr los. Er wollte mehr. „Ich hatte mich in die Position verliebt und wollte nicht mehr raus aus dem Tor.“ Für ihn war klar, er musste zu einem größeren Verein. Und wechselte in die nahe gelegene Landeshauptstadt zum MSC Preussen, wurde dort vom DFB-Stützpunkt entdeckt. Der Zufall verhalf ihm in die Landesauswahl. Der Keeper des 1. FC Magdeburg verletzte sich, Bryan Giebichenstein rückte in die Mannschaft – als einziger Spieler, der nicht beim FCM oder Halleschen FC aktiv war. Das war im Jahr 2006 mit der U14. Immer öfter nahm er an Landesauswahlvergleichen teil. „Ich habe schnell gemerkt, dass da noch eine Menge fehlt.“ Mit zwei Einheiten beim MSC konnte er einfach nicht mit den Keepern des FCM oder HFC mithalten, die mindestens achtmal in der Woche trainierten. Der Ehrgeiz war längst gewachsen. Nach Gesprächen mit seinen Eltern schrieb Bryan Giebichenstein mehrere Vereine an, die mit ihren U17- und U19-Teams mindestens in der Regionalliga aktiv waren. Probetrainings beim VfL Wolfsburg, Eintracht Braunschweig, Hansa Rostock und dem Halleschen FC folgten. Auch Borussia Mönchengladbach stand auf der Liste, war aber zu weit weg. So entschied sich der Nachwuchstorwart für Halle. Dort ging er aufs Sportinternat und stand täglich auf dem Fußballplatz. Eine prägende Zeit, die ihn aber auch gestärkt hat.

Du kannst für alle der Held sein. Aber du kannst mit einer doofen Aktion auch der Idiot auf dem Platz sein.

Bryan Giebichenstein, Torhüter 1. FC Lok Stendal

Dass er den HFC nach Querelen verlassen musste, ärgerte ihn kurz. „Ich war nur drei Stunden ohne Verein“, schaut er zurück. Seine Kontakte zum FCM zeigten Wirkung, er wechselte im November 2011 zu den Blau-Weißen. „Am 2. Januar 2012 hat mich dann Ronny Thielemann angerufen.“ Der damalige Trainer der FCM-Männer lud ihn zum Trainingsauftakt am folgenden Tag ein. So war Bryan Giebichenstein zusammen mit Matthias Tischer auf dem Platz, der heute Torwart-Trainer bei den Drittliga-Profis ist. Mehrere Monate durfte er bei den Herren mittrainieren, bekam sogar schulfrei dafür. Und absolvierte seine Punktspiele in der U19. „Das war eine Mega-Erfahrung.“ Als Thielemann durch Andreas Petersen ersetzt wurde, spielte Giebichenstein aber keine Rolle mehr beim FCM. Auf der Bank sitzen wollte er nicht, sondern den Sprung von den Junioren zu den Senioren schaffen. Der Schönebecker SC war für eine Saison Zwischenstation. Seit 2014 ist der 26-jährige Torhüter beim 1. FC Lok Stendal. Auch hier war er schon des Öfteren der gefeierte Paraden-Held, aber eben auch schon der Schuldige bei Niederlagen.

Eine Pleite schmerzt noch heute besonders. Als Lok im Oktober 2018, seinerzeit unter Interimstrainer Daniel Fest, im Hölzchen mit 0:6 gegen Altlüdersdorf unterlegen war, gab es heftige Kritik. Dabei gingen gar nicht alle Gegentreffer allein auf seine Kappe. Doch die Fans brauchten ihren Schuldigen und warfen Fest bei der Pressekonferenz vor, auf den falschen Keeper gesetzt zu haben. Doch er löste die Situation souverän. Bryan Giebichenstein schüttelte sich kurz, fand Halt bei seiner Freundin und ging gestärkt zurück in sein Tor.

Bryan Giebichenstein

Alter: 26
Verein: 1. FC Lok Stendal
Position: Tor
Rückennummer: 1
Vorbilder: Oliver Kahn, Manuel Neuer, Marc-André ter Stegen

Stationen:
Nachwuchs:
2005 - 2006 Osterweddingen (D-Jugend),
2006 - 2009: MSC Preussen (U14)
2009 - 2012: Hallescher FC (U17 und U19)
2012 - 2013: 1. FC Magdeburg (U19).
Herren:
2013 - 2014: Schönebecker SC
seit Juli 2014: Lok Stendal.

Seine schönste Parade war eine für sein Ego. Als er mit der Landesauswahl gegen Sachsen spielte und einen Elfmeter von Maximilian Arnold, der heute beim VfL Wolfsburg spielt, hielt, war Giebichenstein mächtig stolz. Die wichtigsten Glanzleistungen auf der Linie zeigte er in der Saison, als Lok Stendal in die Oberliga aufstieg. Beim 0:0 gegen Halle Ammendorf war er es, der das Remis und dem wertvollen Punkt im Aufstiegskampf festhielt.

Wenn er in Erinnerungen schwelgt, sehnt sich der Keeper, dessen Idole Oliver Kahn, Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen sind, zurück auf den Rasen. Der Corona-Lockdown sorgt für Frust. Laufen und Kraftübungen reichen dem Sportler nicht. Zwar genießt er es auch, mehr Zeit für seine Freundin, seinen dreijährigen Sohn und die beiden Hunde zu haben. „Aber ich will endlich wieder auf den Platz.“

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