Lok Stendal ist 1984 zu einem Freundschaftsspiel in der BRD zu Gast – und diktiert gegen den SC Willingen das Geschehen

Klassenkampf auf dem Fußballfeld

Wimpeltausch vor dem Spiel: Stendals Kapitän Uwe Buschmann (rechts) und Willingens Spielführer „Bolle“ Gerhard reichen sich vor 350 Zuschauern im Hoppecketal-Stadion die Hand. Die westdeutschen Journalisten (links) beäugten dieses Bruderduell besonders, wie an den Überschriften (siehe Text) deutlich wird. Fotos: Privatarchiv Wetzel

Stendal/Willingen. Hans-Jürgen Meißner schwimmt noch eine Bahn im Pool des „Domizil-Hotels Jägerhaus“, dreht sich dann zu Hartmut Sommer um und fordert ihn auf: „Kneif mich mal!“ Alles erscheint ihm so unwirklich, beim Besuch in der Bundesrepublik Deutschland.

Die beiden ehemaligen Fußballer reisten im Oktober 1984 mit der BSG Lokomotive Stendal zu einem Freundschaftsspiel in den Westen. Genauer zum Skiclub (SC) Willingen, einem Verein im Hochsauerland. Die Reise wurde zu einem Politikum – für die zwölf Lok-Spieler aber vor allem zu einem unvergesslichen Erlebnis. Auch wenn ein Funktionär aus Berlin, den die Fußballer aus der Ostaltmark gar nicht kannten, sie auf Schritt und Tritt verfolgte.

„Das Wichtigste war, dass wir gewonnen hatten“, erinnert sich der damalige Stendaler Torhüter Norbert Wetzel, deshalb durften die Gäste aus der DDR nach dem sportlichen Vergleich auch einige Annehmlichkeiten genießen. So wie den Sprung in den Hotelpool nach dem verdienten 2:0-Erfolg.

Doch von vorn: Nach dem Bezirksmeistertitel verpasste die Lok-Elf 1984 den Aufstieg in die DDR-Liga, weil sie gegen Grimma verlor. Trotzdem wurde sie für ein deutsch-deutsches Freundschaftsspiel ausgewählt. Eines von nur fünf in diesem Jahr. „Warum, hat uns niemand gesagt“, erklärt Hartmut Sommer, der damals in der Offensive für Gefahr sorgte. Die Willinger hatten sich bereits Jahre zuvor beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) für einen solchen Vergleich beworben und schließlich den Zuschlag für eine Partie gegen Lok erhalten.

Monate vor dem deutsch-deutschen Duell wurden bereits Vorbereitungen getroffen. Von Seiten der DDR-Funktionäre vor allem in Form von regelmäßigem Politikunterricht. Unter anderem hatte Radsport-Legende Gustav-Adolf („Täve“) Schur eine solche Vorbereitungssitzung als Stellvertretender Vorsitzender des DTSB-Bezirksvorstandes Magdeburg geleitet. „Wir sollten im Westen berichten, wie gut die Sozialpolitik im Osten funktioniert. Dass wir beispielsweise sehr günstig wohnen“, blickt Norbert Wetzel zurück. Dann wurde knallhart aussortiert. Trainer Ernst Lindner durfte nicht mit nach Willingen fahren, weil er in den 1950er Jahren mal einen Fluchtversuch unternommen hatte. Er wurde von Jörg Ohm vertreten. Auch Manfred Garlipp musste in Stendal bleiben, er hatte kurz vor der Abreise mit seiner Westverwandtschaft telefoniert und wollte sich mit seiner Tante in Willingen treffen. Das gefiel den Funktionären überhaupt nicht. Aufgrund der strengen Auswahlkriterien blieben nicht mal mehr elf Spieler übrig, die Mannschaft wäre also überhaupt nicht spielfähig gewesen. Die Funktionäre fanden aber eine Lösung: Helmut Hirsch und Hans-Jürgen Meißner wurden wenige Tage vor der Abreise reaktiviert.

Am Freitag, 12. Oktober 1984, stiegen die Stendaler früh in den Bus und brachen zu diesem „internationalen Vergleich“ – so lautete die Formulierung im DDR-Jargon – auf. Nachdem ein den Spielern unbekannter Herr aus Berlin unterwegs zugestiegen war und alle in Waltershausen zu Mittag gegessen hatten, überquerte die Lok-Delegation bei Herrenhausen die innerdeutsche Grenze und erreichte Willingen am späten Nachmittag, wo sie vom damaligen Bürgermeister und Vereinsvorsitzenden begrüßt wurden.

„Bei denen habe ich eine gewisse Lockerheit gespürt“, berichtet Hans-Jürgen Meißner. Am Abend stand noch eine Trainingseinheit auf dem Programm, danach ein gemeinsames Essen im Hotel, bei dem jedem Stendaler Spieler genau drei Bier zugeteilt wurden. Hartmut Sommer und Norbert Wetzel hatten sich mit Hilfe des Willinger Vereinsvorsitzenden Hans-Herbert Kesper – von den mitgereisten DDR-Funktionären unbemerkt – noch eine kleine extra Ration organisiert, wie sie gut 38 Jahre später schmunzelnd berichten können. Dem Leistungsvermögen der beiden waren die sechs Flaschen nicht abträglich, denn beim Spiel gegen den Bezirksligisten SC Willingen vor 350 Zuschauern zeigten sie wie ihre Mannschaftskameraden eine starke Leistung.

Wechseln konnten die Stendaler allerdings nur einmal. „Ich war der einzige, der neben Jörg Ohm auf der Bank saß und bin in der 79. Minute für Hirsch in die Partie gekommen“, erinnert sich Hans-Jürgen Meißner an seinen Auftritt. Zu diesem Zeitpunkt lag die Gäste-Elf durch ein Tor von Jürgen Ebeling bereits mit 1:0 in Führung, zuvor hatte Lok Pech, Ebeling und Detlef Franke trafen in der ersten Halbzeit nur das Torgehäuse.

Zwei Minuten vor Schluss machte Frank Richter mit dem 2:0 schließlich alles klar, die Gäste aus der Altmark hatten damit den „Bruderkampf“ für sich entschieden, die mitgereisten Funktionäre um Hans-Georg Moldenhauer (von 1994 bis 2006 auch Vizepräsident des DFB) waren zufrieden.

Zur Belohnung ging’s schließlich in den Pool. „Wir hatten gefragt, ob wir das Schwimmbad und die Sauna benutzen dürfen, aber gesehen, dass Herr Moldenhauer schon längst im Wasser war. Da sind wir natürlich sofort hinterher“, lacht Hartmut Sommer. Und sein Zimmerkollege Norbert Wetzel fügt an: „Wir haben uns gefühlt wie in Dallas.“

Beim anschließenden Bankett, bei dem die Lok-Männer nochmal auf die Willinger Fußballer getroffen sind, sorgte Wetzel gleich für einen kleinen Eklat. „Ich hatte mich nach dem Spiel mit dem gegnerischen Torwart angefreundet und ihn gefragt, ob er mir nicht seine Handschuh geben könnte. Deshalb habe ich mich beim Bankett gleich neben ihn gesetzt, wurde aber von dem Berliner Funktionär sofort darauf hingewiesen, dass es erstmal eine getrennte Sitzordnung gibt.“ Seine Handschuhe hat der ehemalige Lok-Keeper aber noch bekommen, auch wenn er das geheim halten musste.

Nach der etwa dreistündigen Veranstaltung, bei der sich die Altmärker und ihre Gastgeber irgendwann doch noch etwas näher kamen, saßen die Lok-Fußballer auf einem Zimmer in gemütlicher Runde zusammen – und malten sich aus, wie das dauerhafte Leben im Westen wäre. „Da gab es erstmals Gespräche darüber, dass man einfach das Fenster aufmachen und abhauen könnte“, erinnert sich Hans-Jürgen Meißner. Gewagt hat es allerdings niemand. „Wir waren alle verheiratet und hatten Kinder zu Hause“, fügt Wetzel an. „Das konnte sich keiner von uns erlauben.“

Auch am Sonntag, als die Spieler aus dem Arbeiter- und Bauernstaat frei durch die Kreisstadt Korbach schlendern durften, gab es keine Fluchtversuche, so dass der Ausflug in die BRD ohne Zwischenfälle zu Ende ging.

Große Augen bekamen die ostdeutschen Gäste bei einer Shopping-Tour durch die Stadt. Die Schaufenster waren voll mit Dingen, die sich die Stendaler nicht leisten konnten. Jeder Spieler hatte für die drei Tage in der BRD 30 Deutsche Mark (West) bekommen. „Im Bus wurde uns noch gesagt, dass wir die in Forum-Schecks umtauschen sollten, damit die DDR auch noch etwas davon hat“, sagt Sommer, der sich ganz stolz eine Jeans und für seine Frau Parfüm gekauft hat, ehe es wieder zurück in den „real existierenden Sozialismus“ ging. Im Interhotel in Magdeburg wurden die siegreichen Altmärker empfangen und bekamen am Montag obendrein auch noch frei. Dann war er wieder da, der Fußball-Alltag in der DDR. Am Wochenende darauf kickte Lok in der Bezirksliga nämlich wieder in Magdeburg.

Ein knappes Jahr später, am 29. September 1985, kam es am „Hölzchen“ zum erneuten Aufeinandertreffen mit dem SC Willingen. Wieder gewann Lok – diesmal mit 4:1.

Von Christian Buchholz

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