AZ-SERIE „MEIN BESTES LIVE-ERLEBNIS“ Derbys, Dosenbier, Fish and Chips

Kick and Rush in Schottland

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Edinburgh-Derby statt Old Firm: Heart of Midlothian gastiert bei Hibernian Edinburgh (grüne Trikots).

Edinburgh/Stendal – „Wenn du mich besuchst, schauen wir uns das Old Firm im Stadion an“, sagte mein Kumpel Sebastian fast schon bestimmend zu mir. Dann brach er 2017 in die schottische Hauptstadt Edinburgh auf.

Mit Old Firm ist das Stadtduell der beiden Top-Vereine Celtic Glasgow und Glasgow Rangers gemeint.

Den deutschen Klassiker zwischen Borussia Dortmund und Bayern München hatte ich bereits live gesehen. Den schottischen? Noch nicht. Let’s go! Ich willigte ein. Ohne zu wissen, dass wir zweifach an diesem Vorhaben scheitern werden. Und uns beim erstmaligen Stadionbesuch im Ausland mit dem „Kick and Rush“ (deutsch: „schießen und stürmen“), einem bekannten britischen Spielprinzip, zufriedengeben würden.

Das Old Firm gibt die Planung vor

Winter 2017: Ich plante meine Reise. Und richtete mich nach dem Spielplan der höchsten schottischen Liga. Das Zeitfenster war klar. Dabei fuhr ich zweigleisig. Es sollte der 30. Spieltag sein, an dem die Rangers ihren Rivalen Celtic empfingen. Gleichzeitig hatten wir das Edinburgh-Derby zwischen Hibernian Edinburgh und Heart of Midlothian im Hinterkopf, um einem Wochenende ohne Live-Fußball vorzubeugen. Sicher ist sicher.

Nun war Sebastian am Zug. Er probierte alles. Telefonierte. Durchstöberte Ticketseiten. Und hatte eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Schlechte: Wir haben keine Tickets für das Old Firm. Die Gute: Wir sind im 9. März 2018 beim Edinburgh-Derby dabei. Besser als nichts.

Unterstützung: Hearts oder Hibs?

Nächste Station: Edinburgh. Ich erfuhr, dass wir uns im etwas heruntergekommenen Wohngebiet Gorgie aufhielten. Gorgie wirkte kalt. Etwas grün oder Natur hätten sicher nicht geschadet. Es ist das zu Hause der „Hearts“. Wenn es am nächsten Abend ins „Easter Road“ ginge, beträten wir die Heimspielstätte der „Hibs“. „Für wen sind wir morgen?“, fragte Sebastian. Die Frage erübrigte sich mit dem Blick auf das Ticket. Wir stünden im „Hearts“-Gästeblock. Es folgte ein Besuch im Fanshop, der sich neben dem Stadion „Tynecastle Park“ befand. Mitten im tristen Wohngebiet. Direkt um die Ecke von Sebastians Wohnung. Aufgrund der happigen Preise verzichteten wir auf den Erwerb von „Hearts“-Artikeln.

Derbyzeit: Erst Stadion, dann Pub

Freitag: Matchday. Noch ein paar Stunden bis zum Anpfiff unter Flutlicht. In schottischen Stadien wird kein Bier ausgeschenkt. Deshalb tranken wir in der Wohnung ein Tennent’s aus der unverkennbaren Dose mit dem roten T. Los geht’s. Spätestens an der Bushaltestelle bemerkte ich endgültig, dass ich mich in Edinburgh befand. Der Mann, der auf der anderen Straßenseite in bester schottischer Manier vor sich hin lamentierte, hatte bereits am späten Nachmittag offenbar einige Tennent’s zu viel.

Angekommen. Auch das Stadion der „Hibs“ steht mitten im Wohnviertel. Wir fügten uns in die Warteschlange zum Gästeblock, die von in kastanienbraun gekleideten „Hearts“-Fans nicht zu übersehen war. Anpfiff. Es gab nur Sitzplätze. Doch jeder stand. Ein taktischer Plan war auf beiden Seiten nicht erkennbar. Vielmehr ging es gleich zur Sache. Kick and Rush. Einer torlosen ersten Hälfte folgten zwei Tore der Gastgeber. „Unsere“ Hearts verloren das unspektakuläre Edinburgh-Derby auswärts 0:2. Der Schotte neben uns war bedient, beneidete Deutschland aber im Kurzgespräch um den technisch anspruchsvollen Fußball.

Während der Rückfahrt beschlossen wir, am übernächsten Tag nach Glasgow zu fahren. Wenn wir das Stadtduell der Rangers gegen Celtic nicht live sehen können, dann im Pub. Sonntagmittags im eine Stunde entfernten Glasgow. Der Vorbericht lief, das Lokal füllte sich mit beiden Fanlagern. „Ich tippe auf einen Auswärtssieg von Celtic und einen Platzverweis“, sagte ich zu Sebastian und fügte ein entschlossenes „mindestens“ an. Schließlich war Derby. Die Stimmung im friedlichen Pub wechselte ebenso wie der Spielstand. Jubel. Neckereien. Verschüttetes Bier. Klebriger Boden. Celtic gewann im Stadion des Rivalen trotz Roter Karte 3:2. Sehr zum Unmut von Sebastian, der für die Rangers war.

Wir bezahlten unsere Rechnung und ließen den Tag in Glasgow ausklingen. Ein Schild, auf dem „Celtic Park“ stand, erweckte in mir das Verlangen, zum Stadion der Gewinner zu gehen. Auch wenn der Fußmarsch mehrere Minuten in Anspruch nehmen sollte, ließ sich Sebastian kopfschüttelnd überreden. Wir machten aus, das Old Firm nächstes Jahr erneut anzupeilen, falls er sich weiter in Schottland befinden sollte.

Ein Jahr später: Hearts-Heimspiel 

Hallo Portobello! Sebastian war im Folgejahr umgezogen. Zum Glück. Er wohnte an einem Badeort mit Sandstrand an der Nordsee in Edinburgh. Im Vergleich zum letztjährigen tristen und von alten Steinen bedeckten Gorgie war Portobello um einiges besser. Vor allem lebensfroher und familienfreundlicher. Und deutlich frischer. Doch zurück zum Wesentlichen. Der zweite Versuch misslang erneut. Wiederholt erhielten wir keine Karten für das Old Firm. Der Trost: Ein Heimspiel der „Hearts“ im März 2019. Diesmal gegen den Aberdeen FC. Na gut.

Es war sonnig und warm. Kalt erwischt wurden die „Hearts“ dennoch. Aberdeen machte im „Tynecastle Park“ das Spiel und ging verdient mit 1:0 in die Pause. Die „Hearts“ spielten überwiegend lange Bälle auf den 1,90m-Stürmer Uche Ikpeazu, der seine Chance noch bekommen sollte. Nach dem Seitenwechsel wurden die Gastgeber besser. Zunächst traf Ikpeazu das leere Tor nicht. Per Strafstoß gelang das 1:1, das äußerst sanft auf den Rängen beklatscht wurde.

Ikpeazu blieb weiterhin im Pech, bekam statt eines Elfmeters eine Gelbe Karte. Dann kam sein Moment. Achtung, Ironie: Natürlich nach einem langen Ball. 2:1 „Hearts“. Kick and Rush wie aus dem Lehrbuch. Diesmal fiel der Jubel auf den Rängen um einige Dezibel lauter aus. Abpfiff. Heimsieg. Schnell legte ich mich mit Sebastian auf Ikpeazu als „Spieler des Spiels“ fest. Ob die schottische Fachpresse das auch so sieht?

Frühstück, Zeitung und die Nordsee

Fish and Chips.

Sonntag. Old Firm. Oder wie es für uns wiederholt hieß: Pub-Besuch statt Live-Erlebnis. Diesmal blieben wir in Edinburgh, statt nach Glasgow zu reisen. Bei frischgezapftem Tennent’s und Fish and Chips, dem bekannten britischen Gericht aus frittiertem Fisch und Pommes, setzte sich Celtic mit 2:1 gegen die Rangers durch.

Am nächsten Morgen kaufte ich mir zwei Zeitungen. Einfach aus beruflicher Neugier. Anders als in Deutschland, war der Sportteil als Heftbeilage enthalten. Wenig überraschend dominierte das Old Firm beide Titelseiten mit Celtic-Jubelbildern. Während ich auf dem Balkon mit Blick auf die Nordsee frühstückte, blätterte ich mich trotz des starken Windes zu dem Spiel der „Hearts“ gegen Aberdeen, das Sebastian und ich besucht hatten. Zuvor legten wir uns auf Siegtorschütze Ikpeazu als „Matchwinner“ fest. Volltreffer! Er wurde von der Presse als „der unglaubliche Hulk“ gefeiert. Somit lagen wir mit unserer Einschätzung goldrichtig.

Und bezüglich des Old Firm live im Stadion: Wer weiß, vielleicht klappt es beim dritten Anlauf. Bekanntlich sind doch aller guten Dinge drei...

VON PATRICK NOWAK

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