Fußball: Neuer Zwischenfall in Sachen „Gewalt gegen Schiedsrichter“ in Jübar

Spielabbruch: Kein „Richtig“, kein „Falsch“

Dass sich Schiedsrichter von Spielern einiges anhören dürfen, ist keine Seltenheit. Gewalt durch Zuschauer hatte es zumindest in der Westaltmark aber länger nicht gegeben. Ein neuer Zwischenfall ereignete sich jüngst aber in Jübar.
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Dass sich Schiedsrichter von Spielern einiges anhören dürfen, ist keine Seltenheit. Gewalt durch Zuschauer hatte es zumindest in der Westaltmark aber länger nicht gegeben. Ein neuer Zwischenfall ereignete sich jüngst aber in Jübar.
  • Florian Schulz
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Gewalt gegen Schiedsrichter: Deutschland- und auch weltweit in den letzten Jahren durchaus ein großes Thema, in der Westaltmark aber – glücklicherweise – eher nicht. Dachte man zumindest bis zum Sonnabend... Im Kreispokal-Achtelfinale der Herren zwischen dem FC Jübar/Bornsen und der SG Eintracht Mechau musste seit langer Zeit mal wieder ein Abbruch erfolgen, weil der junge Referee Sebastian Dembeck von einem Zuschauer attackiert wurde.

Altmark – Es lief die 110. Minute auf dem Kahnberg. Zu diesem Zeitpunkt spielte der heimische FC auch nur noch zu neunt. Der erst 17-jährige Dembeck schickte zunächst Robin Kirmeß und später auch noch Christian Schulz mit Gelb-Roten Karten vom Platz. Das schien einen mutmaßlichen Anhänger der Heimmannschaft so auf die Palme gebracht zu haben, dass er sich dazu hinreißen ließ, auf den Platz zu laufen und in Richtung des Unparteiischen Bier zu kippen. Daraufhin entschied sich Dembeck für den endgültigen Cut. Wie es weitergeht? „Es ist ein schwebendes Verfahren“, verdeutlicht Thomas Kölle, Schiedsrichter-Obmann des KFV Altmark West. Der Sonderbericht ist erst frisch beim Sportgericht eingegangen, nun steht noch eine Anhörung des heimischen Vereins aus. Erst dann wird eine Entscheidung getroffen. „Aus meiner Sicht war es kein tätlicher Angriff gegen den Schiedsrichter. Das alles passierte, auch wenn es ein emotionales Spiel war, aus dem Nichts, dass der Mann auf das Feld lief. Beide Teams wollten danach zu Ende spielen“, äußerte sich Jübars Trainer Marco Siebenmorgen.

„Man muss in einem solchen Fall die Gesamtsituation betrachten“, erklärt Kölle: „Wenn ich mich als Schiedsrichter nicht mehr sicher fühle, kann beziehungsweise muss ich das Spiel abbrechen.“ Scheinbar spielte bei Dembeck die Unsicherheit in diesem Fall eine tragende Rolle, da er sich durch die Jübarer Ordner nicht ausreichend geschützt fühlte. „Sebastian ist ein junger Schiedsrichter, den man einfach auch schützen muss“, setzen Kölle und der gesamte Schiedsrichter-Ausschuss nach wie vor großes Vertrauen in den 17-jährigen Salzwedeler. Nach Ansicht des KFV-Obmanns spielt das Alter ohnehin keine entscheidende Rolle. Als anderes Beispiel nennt er einen 19-Jährigen, der vom Landesverband bereits in der Landesliga eingesetzt wird. Auch ein erfahrenerer Referee hätte an Dembecks Stelle womöglich nicht anders gehandelt. Kurzum: Es gibt kein „Richtig“ und auch kein „Falsch“, sondern es ist reine Ermessenssache.

„Wenn man als Schiedsrichter der Meinung ist, das Fass ist übergelaufen, muss man so entscheiden“, verdeutlicht Thomas Kölle, der selbst nicht vor Ort war, sich aber bei verschiedenen Personen über den Sachverhalt informierte. Vergleichbare Situationen hatte es in Jübar in der Vergangenheit bereits zweimal gegeben – konkret in den Fällen von Norbert Möllmann und Burkhard Kramp. Zunächst gab es für den FC eine Geldstrafe, dann eine übergangsweise Platzsperre. Für den aktuellsten Fall steht die Entscheidung indes noch aus.

Kölle ist froh, dass „seine“ Schiedsrichter im Altmarkkreis Salzwedel in den letzten Jahren weitestgehend von Gewalt durch Aktive, Funktionäre oder Zuschauer verschont blieben. „Da sieht es in anderen Bundesländern teilweise ganz anders aus“, weiß das KFV-Vorstandsmitglied, um anzufügen: „Das zeigt auch, dass die Vereine ihre Arbeit mit den Ordnungsdiensten ordentlich machen.“ Gerade in der aktuellen Corona-Lage mit den immer weiter steigenden Inzidenzzahlen käme es auf jeden einzelnen Unparteiischen an. Zumal die Zahlen der Herren mit Pfeife schon seit Jahren immer weiter sinken. „Es kommen sicherlich einige junge Schiedsrichter nach, aber oft ist es dann so, dass sie mir frühzeitig sagen, dass sie auch noch selbst für ihren Verein spielen müssen“, erklärt Kölle. So gebe es ein „begrenztes Einsatzfeld“ für besagte Youngster. Dieses Problem legte der Obmann bereits vor mehreren Jahren auf dem Kreisfußballtag auf den Tisch. Allzu viel ist seitdem aber nicht geschehen. Viel Arbeit lastet noch immer auf den Schultern älterer Schiedsrichter, die aber selbst vermehrt in „Sportrente“ gehen. „Dazu ist es leider so, dass viele Leute zu bequem sind, einen Kreisoberliga-Einstufungstest zu machen, stattdessen lieber als Assistenten oder in niedrigeren Spielklassen aktiv sind“, verrät Thomas Kölle.

Die „Abbrecherquote“ in den letzten Jahren war ebenfalls besorgniserregend. Nach streckenweise nur einem Jahr zogen sich zahlreiche – vorwiegend jüngere – Unparteiische wieder zurück. „Sie sind dann einfach nicht bereit, sich neue Ziele zu setzen“, hat Kölle erkannt. Aktionen wie beispielsweise am Sonnabend in Jübar sind für diese Entwicklung zudem nicht förderlich. „Dann sagen sich natürlich mehrere junge Schiedsrichter: Das kann mir ja auch passieren“, weiß der Obmann. Daher appelliert er an die einzelnen Vereine, eine konkrete Stadionordnung aufzustellen. „Wer gegenüber dem Schiedsrichter aufmuckt, sollte durch die Ordner zunächst ermahnt und dann gegebenenfalls des Platzes verwiesen werden“, so Kölles mögliche Lösung. Nun liegt es wohl tatsächlich an den einzelnen Klubs, wie sie handeln, um vor möglicher Gewalt gegen Referees gewappnet zu sein...

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