AZ-SERIE „MEIN BESTES LIVE-ERLEBNIS“ Eintracht-Triumph im San Siro

Kaum zu glauben, aber wahr

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Ein Mekka für Fußball-Romantiker: Das Giuseppe-Meazza-Stadion war am 14. März 2019 ebenso in Hand der Frankfurter Anhänger wie die Mailänder Innenstadt. 

Mailand/Tangerhütte – Es ist der frühe Morgen des 14. März 2019. Auf den Straßen von Tangerhütte ist es dunkel, kalt und menschenleer. Wie sollte es auch anders sein in der tiefsten altmärkischen Provinz wochentags um 3. 30 Uhr.

Vor meiner Wohnung wartet mein Vater in seinem Alfa. Ein italienisches Auto.

Wie passend für das Programm, das vor uns liegt. Unsere erste Etappe führt uns zum Flughafen Berlin-Schönefeld. Von dort startet um 7. 15 Uhr der Flieger mit der Destination MXP: Mailand Malpensa. Am Abend wird unser Herzensverein Eintracht Frankfurt in der italienischen Metropole zu einem historischen Spiel auflaufen. Und wir wollen dabei sein. Um jeden Preis und Stand jetzt auch noch ohne Eintrittskarte!.

In unserer Vater-Sohn-Konstellation haben wir den divenhaften Traditionsklub aus Hessen – öfters auch in Begleitung meines Bruders oder Großvaters – durch die vergangenen knapp 25 Jahre begleitet. Eine schöne Zeit war es in der Historie der SGE wahrlich nicht. Statt nach Mailand führte uns die Reise nicht selten nach Cottbus, Rostock oder sogar Babelsberg.

Doch heute wurde es surreal: Die Eintracht im Sehnsuchtsort San Siro. Und das nicht für ein Testspiel, als Teil eines Traums oder im Karrieremodus von FIFA 20. Nein! Frankfurt trifft im Europapokal-Achtelfinale auf den FC Internazionale Milano. Kurz: Inter Mailand. Das Hinspiel im Waldstadion endete 0:0, sodass die SGE an diesem Tag sogar realistische Chancen auf den ganz großen Coup haben sollte.

Stadt der schönen Menschen

Das Abflug-Gate in Berlin, gut 550 Kilometer entfernt von der Bankenstadt am Main, war bereits fest in Frankfurter Hand. Bei einigen jüngeren Fans floss der Alkohol schon großzügig, andere waren einfach nur so bester Laune. Die Stimmung war fröhlich. Zu fröhlich für einen etwas vornehmeren Italiener, der den feierwütigen Fan-Nachwuchs nachdrücklich um etwas mehr Ruhe bat.

Knapp zwei Stunden später, nachdem wir bei klarem Himmel sogar einen malerischen Blick auf die Alpen genießen durften, landete unsere Maschine sicher in Mailand. Ehe wir unser Hotel am Flughafen bezogen, starteten wir mit einem entspannten Frühstück und einer ersten kleinen Büchse Gerstensaft. Auswärtsfahrt ist halt Auswärtsfahrt. Egal, ob Babelsberg oder Mailand.

Mit dem Zug ging es anschließend in die Mailänder Innenstadt. Wie bei jedem ihrer internationalen Auswärtsspiele versammelten sich die Frankfurter Fans (an diesem Tag weit über 20.000) auch in der Mode-Metropole an einem zentralen Platz. In diesem Fall vor dem Wahrzeichen schlechthin: Dem Mailänder Dom. In der Nähe des Hauptbahnhofs legten wir zunächst einen kleinen Pizza-Stop ein. Und was auffiel: In Mailand achtet offensichtlich jeder penibel auf sein Äußeres. Schöne, gepflegte Menschen, wohin das Auge blickte. Eine andere Welt im Vergleich zu den Boulevards der grauen Jogginghosen in Tangerhütte, Stendal oder Magdeburg!

Doch zurück zum Fußball und damit zum Fantreff auf dem Piazza del Duomo. Bereits am frühen Nachmittag ist dieser bestens gefüllt. Ein toller Anblick, Gänsehaut. Darauf erstmal ein Bier. Von wegen: Die italienischen Behörden hatten Alkohol in der Öffentlichkeit an diesem Tag verboten.

Nur ein einzelner Laden hatte die Gunst der Stunde erkannt, kurzerhand eine Zapfanlage angeschlossen und aus dem Geschäft heraus ausgeschenkt. Dass Italien kein Land der Bierkenner ist, offenbarte sich schnell. Keiner der Angestellten war in der Lage zu zapfen. Die Folge: viel Schaum, wenig Bier, lange Schlangen. Der Laune tat dies keinen Abbruch. Irgendwann ging es auch voran, da einige Frankfurter dem überforderten Kellner zur Seite sprangen und ihn in die Kunst des Zapfens einführten.

Deutsch? Arrivederci!

Für uns war es wenig später an der Zeit, zum Stadion aufzubrechen. Den obligatorischen Fan-Marsch mussten wir ohne uns ziehen lassen. Wir bevorzugten die U-Bahn. In der Hoffnung, durch frühzeitiges Erscheinen am Stadion noch irgendwo Karten ergattern zu können. Über die normalen Verkaufswege im Vorfeld war dies ohne Mitgliedschaft oder Dauerkarte unmöglich. Das Gäste-Kontingent war gewohnt schnell vergriffen. Letzte Hoffnung: Schwarzmarkt oder Tageskasse.

Als wir am Stadion ankamen, standen unsere Ticket-Sorgen zunächst hinten an. Der Anblick des einmaligen, inzwischen aber irgendwie aus der Zeit gefallenen, Giuseppe-Meazza-Stadions war schlicht überwältigend. Viel Zeit zum Träumen blieb nicht. Wir brauchten Karten und starteten einen Kampf, der letztlich knapp drei Stunden andauern sollte. Eine Tageskasse wurde zwar geöffnet, allerdings nur für Italiener. Chancen zum Verhandeln? Gleich null. Die Verkäufer kontrollierten die Pässe. Nationalität: Deutsch? Arrivederci! Man könnte diese Vorgehensweise rassistisch nennen, doch Zeit zum Lamentieren blieb nicht.

Ein Gäste-Ticket war nur schwer zu bekommen.

Wir gingen zum Gästebereich, wo sich auch eine Gruppe von Teenagern aus Frankfurt auf Kartensuche begeben hatte. Der richtige Moment für eine Verbrüderung. Ein Ordner hätte angedeutet, dass es später noch Tickets geben könnte, verriet uns einer der Jungs. Wir verharrten also in froher Hoffnung an einer Absperrung vor dem Einlass. Als der Andrang dort später zu groß wurde, konnten die Ordner nicht mehr jeden Fan kontrollieren, sodass wir die erste Schleuse schwarz passierten. Dahinter, ganz unscheinbar, ein kleines Ticket-Häuschen. „Inter hat das Gäste-Kontingent kurzfristig erhöht. Ihr könnt Karten haben“, sagte der Mann am Schalter, als ob es das Selbstverständlichste der Welt wäre. Geschafft! Unser Weg ins Stadion war frei.

Die Frankfurter Fans wurden direkt unter dem Dach platziert. Der Weg dorthin war epochal, immer im Kreis entlang der architektonisch einmaligen Säulen des WM-Stadions von 1990. Der Anblick innerhalb der Arena war nicht minder überwältigend. Ein Stadion im XXL-Format und ein prall gefüllter Gästebereich, der den halben Ring des Oberrangs ausfüllte. Am Ende stellte die SGE mit über 20.000 Auswärtsfans einen neuen Europa-League-Rekord auf. Den Zweiten nach Bordeaux 2013 (12.000).

Haller, Jovic, Viertelfinale!

Im Spiel war dann relativ schnell zu erkennen, welche Mannschaft mehr Wert auf den Viertelfinal-Einzug legte: die Eintracht. Bereits nach zwei Minuten scheiterte Sebastien Haller an der Querlatte. Kurze Zeit später setzte sich Luka Jovic unnachahmlich durch und lupfte zum 1:0 ein (5.). Das Auswärtstor war da. Inter benötigte nun zwei Treffer, um das Spiel zu drehen. Doch die Mannschaft, die in der Champions League-Vorrunde nur knapp an Barcelona und Tottenham gescheitert war, hatte nicht den Elan, sich gegen die wuchtigen Hessen zur Wehr zu setzen. Da diese aber zahlreiche Groß- und Konterchancen liegen ließen, musste der weit gereiste Anhang bis zum Schluss bangen, ehe die Sensation perfekt war. Die Eintracht eliminiert Inter Mailand im eigenen Stadion – und das hochverdient. Niemand unter den 20.000 Anhängern hätte gedacht, so was zu Lebzeiten jemals erleben zu dürfen. Dass einige fragwürdige Gestalten diesen Erfolg mit Pyrotechnik und Leuchtraketen zwischenzeitlich gefährdet hatten, trübte die Freude über den historischen Coup leider spürbar. Knapp ein Jahr später ist der traurige Teil der Geschichte zum Glück vergessen. Die Erinnerungen an den Auswärtssieg im San Siro werden hingegen bleiben.

Unser Weg zurück zum Hotel wurde nach dem Spiel übrigens zu einer ähnlichen Odyssee wie die Ticket-Suche. Irgendwann aber lagen wir im Bett, schliefen zwei Stunden und machten uns anschließend auf den Heimweg. Von Mailand über einen Umstieg in Stuttgart nach Berlin und per PKW zurück nach Tangerhütte. „Was tut man nicht alles für die Eintracht“, dachte ich mir, als Vaters Alfa am frühen Freitagabend durch die noch immer nicht viel volleren Tangerhütter Straßen davon fuhr.

VON TOBIAS HAACK

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