FUSSBALL Stendaler VfL-Kicker quält sich in den eigenen vier Wänden

„Heute nicht so doll, okay?“

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Das Wohnzimmer als Trainingsplatz: Vin Kastull, U16-Spieler des VfL Wolfsburg, hält sich während der Corona-Pause unter professioneller Anleitung in seiner Stendaler Heimat fit.

Stendal/Wolfsburg – Die Möbel kurz beiseite gerückt, den Couchtisch in die Mitte des Raumes geschoben, ein Feld abgesteckt und los geht’s: Fußball-Tennis.

Die heißen Duelle mit Sven Körner, seines Zeichens Regionalliga-Trainer bei Germania Halberstadt, sind das einzige, was Vin Kastull aktuell Praxis am Ball verschafft.

Der 15-jährige Stendaler war bis zur Corona-Zwangspause fester Bestandteil der U16 des VfL Wolfsburg (Regionalliga). Seit knapp acht Wochen ist das NLZ-Internat der Wölfe geschlossen. Kastull ist zurück in Stendal und muss sich individuell fit halten.

„Heute aber nicht so doll, okay?“ Es ist vormittags 10.30 Uhr. Vin Kastull hat seinen Rechner hochgefahren und über ein Videochat-Programm die Verbindung zu einem Physiotherapeuten seines Teams hergestellt. An sechs Tagen in der Woche trainiert die U16 des VfL auf diese Weise in kleinen Gruppen unter professioneller Anleitung mit verschiedenen Schwerpunkten. Koordination, Kraft, Fitness.

Eine Einheit dauert bis zu 45 Minuten und geht nicht selten ans Eingemachte. Kontakt zu seinen Mitspielern hat der Stendaler situationsbedingt derzeit kaum. Die Teamkollegen, die mit ihm in einer virtuellen Trainingsgruppe sind, sieht er auf dem Bildschirm. Das war’s. Der Mannschaftssport ruht komplett, jeder kämpft für sich allein.

Kastull gelingt das relativ gut. Er hat gelernt, sich durchzubeißen. Vor einem Jahr stand er vor dem Aus in Wolfsburg. Die sportliche Leitung war von seiner Perspektive nicht mehr vollends überzeugt. Der defensive Mittelfeldspieler zeigte Mentalität und überzeugte die Entscheidungsträger vom Gegenteil. In der U16 ist der Stendaler mittlerweile gesetzt, zur kommenden Saison rückt er in die U17-Bundesliga-Mannschaft der Wölfe auf.

In Zeiten von Corona besteht die Schwierigkeit für Fußballer darin, sich selbst zu motivieren und sein Programm auch ohne den Spaß in der Gemeinschaft durchzuziehen. Kastull gelingt das bislang ganz gut und sogar den täglichen Video-Einheiten kann er etwas abgewinnen: „Man sieht wenigstens ein paar Mitspieler und es macht mir mehr Spaß, als ins Fitnessstudio zu gehen.“

Das tägliche Video-Training ist allerdings nur eine von drei Säulen, auf denen das Corona-Home-Konzept des Wolfsburger Nachwuchses steht. So ist an sechs Tagen in der Woche auch eine Laufeinheit zu absolvieren. Sie schwankt zwischen klassischer Ausdauer (acht bis zehn Kilometer) und einem knackigen Sprint-Programm, das in der Regel zweimal wöchentlich auf dem Plan steht. Jeder Spieler trägt dabei einen Brustgurt mit Chip, auf dem die Daten erfasst, an die Trainer übermittelt und dort ausgewertet werden. Der Fitnesszustand der potenziellen Profi-Fußballer von morgen bleibt somit trotz Corona-Pause auf hohem Niveau. „Vin hat körperlich in der Zeit richtig zugelegt, weil er unglaublich fleißig arbeitet und sich gut ernährt“, berichtet Sven Körner.

Neben den sportlichen Pflichten legt der VfL in der aktuellen Situation aber auch Wert auf die schulische Ausbildung seines Nachwuchses. Per App erhalten die Teenager täglich Aufgaben von ihren Lehrern, die in Heimarbeit erledigt werden müssen. Die Chance, sich zurückzulehnen, tendiert auch hier gegen Null. Ergebnisse ihrer Aufgaben müssen die Schüler hochladen und online an ihre Lehrer senden.

Von einer Corona-Pause kann für Vin Kastull daher keine Rede sein. Zwar hat sich die Form von Training und Schule geändert, doch der Anspruch bleibt trotzdem hoch. Einzig die Ballarbeit kommt aktuell zwangsläufig zu kurz. Doch dafür lässt sich ja spontan immer noch ein Fußball-Tennis-Match in den eigenen vier Wänden organisieren.

VON TOBIAS HAACK

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