AZ SERIE „MEIN BESTES LIVE-ERLEBNIS“ Paul Berghoff und die U19-Ruder-WM

Im Gold- und Tokio-Rausch

Tokio bei Nacht und vier Ruderer vor der Olympiastrecke: Für Paul Berghoff (2. v.r.) wurde die WM 2019 zum besten Live-Erlebnis - sowohl als Athlet als auch als Zuschauer.
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Tokio bei Nacht und vier Ruderer vor der Olympiastrecke: Für Paul Berghoff (2. v.r.) wurde die WM 2019 zum besten Live-Erlebnis - sowohl als Athlet als auch als Zuschauer.

Stendal – Auf der Tribüne sitzen, die Athleten lautstark anfeuern, mitfiebern. Live dabei sein, wenn Medaillen vergeben werden. Große Sportereignisse hautnah erleben zu können, ist etwas, was man nie vergisst.

Erst recht nicht, wenn man nicht nur Zuschauer ist, sondern in erster Linie Wettkämpfer. Für Stendals Ruder-Ass Paul Berghoff wurde die Junioren-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Tokio zum schönsten Live-Erlebnis.

„Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir der Morgen vor dem Finale“, blickt der 18-Jährige zurück. Für ihn war die Zeit in Japan in vielerlei Hinsicht einzigartig. Er konnte doppelt feiern – seine Volljährigkeit und WM-Gold. Im Doppelvierer wurde Paul Berghoff zusammen mit Alexander Finger, Sören Henkel und Elrond Kullmann U19-Weltmeister. Der Weg dahin war hart. Doch das wurde am Morgen vor dem Finalrennen ausgeblendet. „Alle saßen angespannt am Tisch, keiner hat geredet, alle haben auf ihre Teller geschaut.“

Mittendrin statt nur dabei zu sein, auch noch den Titel zu holen und zu wissen, dass die eigenen Eltern von der Tribüne aus mitfiebern: Noch heute bekommt der Stendaler eine Gänsehaut, wenn er an dieses Großereignis zurückdenkt. Die Junioren-WM auf der Olympiastrecke in Tokio war der Testlauf für die Spiele, die aufgrund der Corona-Pandemie erst 2021 ausgetragen werden. Und es war ungewohnt. Denn: „Es war Salzwasser. Man merkt schon den Unterschied, wenn man sonst nur auf Süßwasser rudert.“ Doch damit hätten alle Athleten anfangs ihre Probleme gehabt. „Ich habe kaum Druck gespürt.“ Während der Ruderer bei den eigenen Rennen total im Tunnel war und kaum etwas gemerkt hat, was um ihn herum geschieht, konnte er sich die anderen Wettkämpfe von der Tribüne aus entspannter anschauen.

Zumindest, wenn es sich nicht um die Vorläufe mit anderen Doppel-Vierern handelte. „Das waren ja unsere Gegner.“ Zwar habe er keine echten Freundschaften mit Startern anderer Nationen knüpfen können, aber zumindest Trikots getauscht. Wettkampfkleidung aus Polen, Russland, Frankreich, Australien und der Schweiz nennt Paul nun sein Eigen. Und weiß durchaus auch noch, gegen welche Teams das deutsche Boot so seine Probleme hatte. Die genannten Nationen gehörten weniger dazu. Italien war der größte Konkurrent, der bis zur 1500-Meter-Marke noch vorn lag. Doch wie im Vorlauf bewies Deutschlands Doppelvierer seine Spurtstärke und schob sein Bug auf den letzten Metern noch auf den Goldrang. Ein unvergessener Moment.

Genau wie die Siegerehrung. Mehrfach erklang bei der WM die Deutsche Nationalhymne. Von den Zuschauerrängen hat Paul Berghoff dabei auch seine Teamkollegen aus anderen Booten beobachtet. Doch als er selbst ganz oben auf dem Siegerpodest stand, war das Gefühl noch mal ein ganz anderes. „Ich hatte zwar keine Tränen in den Augen, aber es war super schön, dass die Nationalhymne für mich gespielt wurde.“ Ein Augenblick, den er nach all den Strapazen genießen konnte.

Die WM in Tokio wird für den 18-Jährigen ewig als schönstes Live-Erlebnis im Gedächtnis bleiben. Auch wegen des Drumherums. Die laute Stadt voller Menschen, das ungewohnte Essen, die freundlichen Japaner, die stets gut gefüllte Tribüne, die Jubelrufe, die Goldmedaille: Perfekter kann ein Sportereignis kaum sein ...

VON SABINE LINDENAU

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