FUSSBALL – 3. LIGA Joachim Streich sieht Fortsetzung skeptisch

„Da gibt es Körperkontakt“

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Gemeinsam im Stadion den FCM anfeuern: Für Joachim Streich (l.), Wolfgang Seguin und die Fußball-Anhänger ist das vorerst nicht möglich.

Magdeburg – Das grüne Licht der Politik steht noch aus. Das Land Sachsen-Anhalt hat bis vorerst 27. Mai keinen Mannschaftssport erlaubt. Doch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) will den Ball in der 3. Liga wieder rollen lassen.

Auch wenn sich mehrere Drittliga-Vereine, darunter der 1. FC Magdeburg, gegen eine Fortführung der Saison ausgesprochen haben, soll der Pflichtspielbetrieb in nicht einmal mehr zwei Wochen wieder aufgenommen werden.

Das beschloss das DFB-Präsidium am Montag. Eine Entscheidung, die nicht nur bei den Verantwortlichen des FCM auf Unmut stößt. Auch Clublegende Joachim Streich kann die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Bedenken nachvollziehen.

Seit Wochen keine Sportschau, kein Gang ins Stadion. Der Fußball fehlt dem erfolgreichsten DDR-Oberliga-Torschützen aller Zeiten schon sehr. „Es ist schon komisch über diesen langen Zeitraum, ich bin ja schon noch verwachsen mit dem Fußball.“ Für die Corona-Beschränkungen hat er dennoch Verständnis. Die Gesundheit sollte immer an erster Stelle stehen. Die Drittliga-Vereine hängen aber auch finanziell am Tropf. Die Umsetzung des umfangreichen Hygienemaßnahmen-Paketes, das für die Erst- und Zweitligisten aufgestellt worden ist, koste die Clubs rund eine Dreiviertelmillion Euro. Hinzu kommen die wegbrechenden Einnahmen durch die Zuschauer.

„Da kann ich Herrn Kallnik schon verstehen“, sagt Achim Streich mit Blick auf die Hoffnung des FCM-Geschäftsführers auf den Abbruch der Saison. Streich fragt sich auch: „Wie will man die ganzen Maßnahmen einhalten? Das ist doch von den Gegebenheiten her gar nicht möglich“, kennt er die beiden engen Kabinen in der Arena genau. Auch einen Hygienebeauftragten zu finden, sei nicht einfach. Dass der DFB neutrale Spielorte in Betracht zieht, könne nicht die Lösung sein.

Der 69-Jährige hat aber auch immer die sportliche Seite im Blick. „Die Vereine aus dem NOFV-Bereich, außer Hansa Rostock, stecken alle noch im Abstiegskampf.“ Sie alle wollten den Abbruch. Für den FCM, der nur einen Zähler Vorsprung auf die Abstiegsränge hat, könnte die Corona-Krise zum richtigen Zeitpunkt gekommen sein. „So blöd das auch klingt.“ Denn spielerisch habe er, Streich, den Club zuletzt immer schlechter erlebt. „Von Woche zu Woche haben wir uns durchgemogelt“, war er von der Leistung des Zweitligaabsteigers enttäuscht. Das Ziel, schnellstmöglich wieder zurück ins Fußball-Unterhaus zu kommen, ist lange passee. „Jetzt müssen wir daran denken, nicht in die Regionalliga abzusteigen“, sagt der Experte kopfschüttelnd. Und sieht die Fakten: Platz 15 in der Tabelle. „Die beiden Mitabsteiger stehen oben, da hat der Verein Fehler gemacht.“ Streich denkt dabei an die Kaderplanung und die ständigen Trainerwechsel. Doch er hofft natürlich, dass der FCM nicht in die vierte Liga und damit in die fußballerische Bedeutungslosigkeit abstürzt. Trotz Corona dürfe der Blick nicht verklärt sein. Ein Trainer werde immer an den Ergebnissen gemessen, weiß Streich aus eigener Erfahrung. „Und die waren zuletzt katastrophal. Die Fakten kann man nicht wegdiskutieren.“

Fest steht allerdings: Es macht einen großen Unterschied, im leeren Stadion oder vor vollen Rängen zu spielen. Streich hält nichts von Geisterspielen. „Obwohl wir auch vor Zuschauern wenig Siege eingefahren haben: Block U ist eine Wand im Rücken, das ist ein Riesenvorteil.“ Statt lauter Gesänge und rhythmischem Geklatsche wird dann Totenstille herrschen. Das passe einfach nicht. „Der Fußball lebt von Emotionen, von Anfeuerungen. Selbst wenn die Zuschauer pfeifen, aber das Stadion lebt. Das wird eine Riesenumstellung auch in den Köpfen bedeuten.“ Auch wenn die Spieler Profis seien, so spielen sie ja nicht nur für sich und den Verein, sondern für die Fans. „Der Fußball bewegt Massen, das ganze Drumherum fehlt dann.“

Eine Wettbewerbsverzerrung, weil der FCM im Gegensatz zu anderen Drittligisten erst am Dienstag ins Mannschaftstraining gestartet ist, sieht der frühere Stürmer indes nicht. Die Spieler haben sich individuell fit gehalten. Was fehlt, und das sei bei allen Teams gleich, sei die Wettkampfphysis. Und diese lasse sich auch nicht trainieren. „Laufen können sie alle. Und wenn ich vor acht Wochen den Ball stoppen konnte, kann ich das jetzt auch.“ Auch wenn Geisterspiele niemandem gefallen, so sollte bei jedem Profi jetzt innerlich eine Riesenfreude aufkommen, dass es wieder losgehe. „Fußball ist eine Mannschaftssportart. Da gehört auch die Mannschaft zusammen. Dieser tägliche Umgang fehlte einfach.“

Aus sportlicher Sicht hofft Achim Streich weiterhin darauf, dass die restlichen elf Spieltage noch über die Bühne gehen können. Doch die Skepsis bleibt. „Man sieht es ja gerade bei Dynamo Dresden.“ Nach bestätigten Corona-Fällen muss die ganze Mannschaft zwei Wochen in Quarantäne. „Das ist schon ein Nachteil.“ Die Tests in Liga drei sollen in dieser Woche starten. Da hat der 69-Jährige Bedenken. „Beim Fußballspielen gibt es Körperkontakt, da ist es schon schwierig.“ Nicht weniger schwierig sei die finanzielle Misere, in die viele Drittligisten stürzen dürften, fürchtet Streich auch Insolvenzen.

VON SABINE LINDENAU

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