FUSSBALL Sammel-Leidenschaft wurde Ingo Drechsel fast zum Verhängnis

Gewartet, um zu betteln

Die beiden EC-Spiele des 1. FC Magdeburg 1983 gegen Swansea und Barcelona wurden dem Salzwedeler Ingo Drechsel fast zum Verhängnis.
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Die beiden EC-Spiele des 1. FC Magdeburg 1983 gegen Swansea und Barcelona wurden dem Salzwedeler Ingo Drechsel fast zum Verhängnis.
  • Renee Sensenschmidt
    vonRenee Sensenschmidt
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Salzwedel – Vor wenigen Tagen verstarb im Alter von nur 60 Jahren Diego Maradona, den viele für den besten Fußballer aller Zeiten halten, der in Neapel und Argentinien einen gottähnlichen Status besitzt.

Der Salzwedeler Ingo Drechsel war im September 1983 dabei, als Maradona beim Europapokal-Spiel des FC Barcelona beim 1. FC Magdeburg groß aufdribbelte und drei Treffer zum 5:1-Sieg der Spanier beisteuerte. Eine unvergessene Partie, die für Ingo Drechsel allerdings ein Nachspiel hatte.

Meister und Pokalsieg

Groß geworden bei der BSG Motor Salzwedel, spielte Ingo Drechsel von 1979 bis 1986 beim 1. FC Magdeburg. Mit dem FCM-Nachwuchs wurde der Jeetzestädter 1980 DDR-Meister der Jugend und vier Jahre später DDR-Pokalsieger mit den Junioren. Heiko Bonan, Markus Wuckel sowie die beiden späteren Stendaler Torsten Aurich und Rainer Wiedemann waren seine Mitspieler. 

1980 wurde Ingo Drechsel (hinten 3. v.l.) mit dem 1. FCM DDR-Jugendmeister. Mit dabei waren auch Heiko Bonan, Torsten Aurich und Rainer Wiedemann.

Mit der 2. Männer-Mannschaft des FCM stand Drechsel im selben Jahr im Achtelfinale des DDR-FDGB-Pokals. Die FCM-Reserve wurde 1984 auch Bezirksmeister, scheiterte aber an Aufstiegsspielen zur DDR-Liga. Da er unter dem damaligen Trainer Siegmund Mewes kaum Einsatzchancen bekam, entschloss sich der Altmärker, der 1980 auch ein Jugend-Länderspiel für die DDR bestritt, die Elbestadt zu verlassen und in seine Heimatstadt zurückzukehren.

Stationen

Danach wurde Ingo Drechsel, wie er selbst sagt, zu einem „Wandervogel“. Nach zwei Jahren bei Aktivist Salzwedel folgte während der Armeezeit ein Gastspiel bei Einheit Werder. Anschließend kickte er für Lok Stendal in der DDR- und Bezirksliga, zog sich dort aber einen schweren Knöchelbruch zu. Aktivist Staßfurt, TuS Lüchow, Eintracht Salzwedel, TuS Wustrow, TuS Bodenteich und zuletzt Eintracht Mechau waren seine weiteren Spielerstationen, ehe der heute 54-Jährige 2002 in Mechau seine aktive Laufbahn beendete.

Live bei EC-Spielen

Die Zeit beim 1. FC Magdeburg hat Ingo Drechsel geprägt, zu zahlreichen Mitspielern hat der Handelsvertreter heute noch Kontakt. Und natürlich war der Salzwedeler live im damaligen Ernst-Grube-Stadion dabei, wenn der FCM im Europapokal spielte. Auch 1983, als die Magdeburger im EC der Pokalsieger auf den walisischen Vertreter Swansea City und den FC Barcelona trafen. Der FCM-Nachwuchs hatte über Arbeitskarten Zugang, durfte sich im VIP-Bereich aufhalten. Seit einigen Jahren Sammler von Fußball-Pins, Anstecknadeln und Wimpeln, nutzte der damals 17-Jährige seine Arbeitskarte, um Vereinsvertreter mit der Bitte nach einer Anstecknadel anzusprechen.

Im Visier der StaSi

Was heute ein ganz normaler Vorgang ist, war damals hochbrisant, zumal es sich bei Swansea und Barcelona um Mannschaften aus dem kapitalistischen Ausland handelte, die Kontaktaufnahme zum „Klassenfeind“ verboten war. Und Drechsel blieb nicht unbeobachtet. Am Morgen nach dem Swansea-Spiel durfte er bei der Clubleitung um Präsident Herbert König antanzen und die beiden Kugelschreiber, die ihm geschenkt wurden, abgeben. Natürlich gab es auch ein längeres Gespräch, bei dem auch inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit (StaSi) anwesend waren und bei dem Ingo Drechsel ins Gewissen geredet wurde. In seiner Stasiakte findet sich folgender Vermerk. „… eine Stunde am Mannschaftsbus gewartet, um Souvenirs zu erbetteln.“

Rückfällig

Gefruchtet hat die Ansprache jedoch nicht, denn Ingo Drechsel wurde bereits wenige Wochen später „rückfällig“. Zwar blieb der Wimpel, den er von einem Barcelona-Betreuer geschenkt bekommen hat, unentdeckt, das Gespräch wurde jedoch registriert. „Am nächsten Morgen musste ich zum Tribunal“, erinnert sich der Salzwedeler. Auch seine Eltern, die früh um 7 Uhr aus dem Bett geklingelt und sofort nach Magdeburg befohlen wurden, waren dabei. „Mein Vater war Offizier der NVA. Das hat mich wahrscheinlich gerettet“, vermutet der Abwehrspieler, der bleiben durfte, danach aber keine Arbeitskarten mehr erhalten hat.

Maradona wirbelt

An den Auftritt von Diego Maradona in Magdeburg kann sich Ingo Drechsel natürlich erinnern. „Barcelona hat uns vorgeführt, Diego hat alle schwindlig gespielt.“ Nach der 0:2-Hinspielniederlage pilgerten 26.000 FCM-Fans ins ausverkaufte Ernst-Grube-Stadion, die erhoffte Überraschung blieb jedoch aus. Bereits nach drei Minuten traf Bernd Schuster für die Katalanen, Diego Maradona legte schnell zum 2:0 nach. Kurz nach der Pause erzielte Jürgen Pommerenke den Anschlusstreffer, doch anschließend zerlegte Maradona den FCM mit zwei weiteren Treffern endgültig. Am Ende hieß es 1:5, die höchste Niederlage in der EC-Geschichte der Magdeburger, die 1974 den Cup der Pokalsieger gewonnen haben.

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