VIDEO ASSISTANT REFEREE SORGT FÜR DISKUSSIONEN

Videobeweis: Sinnvoll, aber (noch) nicht perfekt

Dr. Felix Brych bei einem Videobeweis
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Dr. Felix Brych fällt nach Videobeweis eine Entscheidung
  • Renee Sensenschmidt
    vonRenee Sensenschmidt
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  • Patrick Nowak
    Patrick Nowak
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Der Video Assistant Referee (VAR) hat sich seit seiner Einführung im Jahr 2017 bewährt, zahlreiche Fehlentscheidungen konnten verhindert werden. Dennoch reißt die Kritik am Videobeweis nicht ab. Eine Umfrage in der Fußball-Altmark.

In der 1. und 2. Fußball-Bundesliga sowie im DFB-Pokal sorgte der Einsatz des Video Assistant Referees (VAR) zuletzt wieder für zahlreiche Diskussionen. Zwar hat sich der VAR seit seiner Einführung im Jahr 2017 bewährt, zahlreiche Fehlentscheidungen konnten verhindert werden. Dennoch reißt die Kritik aufgrund mangelnder Transparenz für die Zuschauer, Manipulationsvorwürfen, der Untätigkeit der Videoassistenten bei offensichtlichen Vergehen oder umgekehrt das Eingreifen des VAR, obwohl keine klare Fehlentscheidung vorliegt, nicht ab. Die Umsetzung ist schlecht und zudem raubt der Videobeweis die Emotionen beim Fußball, sind weitere Kritikpunkte.

Das sind die Meinungen aus der Altmark:

Torsten Felkel (Eintracht Salzwedel) hatte sich bereits 2017 gegen die Einführung ausgesprochen, weil es dann nichts mehr zu diskutieren gäbe, so seine damalige Vermutung. „Ich hätte nicht gedacht, dass der Videobeweis nicht fehlerfrei funktioniert“, so der Landesliga-Schiedsrichter, der sich noch immer nicht mit diesem Hilfsmittel anfreunden kann. „Abschaffen, Fußball soll Fußball bleiben.“ Die Torlinientechnik findet Felkel indes sinnvoll, denn „so schnell kann kein Assistent an der Grundlinie sein.“

Für Schiri-Kollege Christoph Rückmann (Eintracht Chüden) ist der Videobeweis indes „ein sehr gutes Hilfsmittel, um die richtige Entscheidung zu treffen.“ Allerdings kritisiert Rückmann die unterschiedliche Art und Weise, wie damit umgegangen wird. So hätte er sich gewünscht, dass beim Pokalspiel Borussia Dortmund gegen den SC Paderborn Schiedsrichter Tobias Stieler nach dem 3:2-Siegtreffer von Erling Haaland die Szene noch einmal selber am Bildschirm überprüft hätte. „In dieser Situation wäre es besser gewesen, raus zu gehen.“

Die Entscheidung muss der Schiedsrichter auf dem Feld treffen.

Martin Retzlaff (Vereinsvorsitzender des SV Arendsee)

Dirksen Höft (Trainer Heide Letzlingen) pflichtet dieser Aussage bei und konnte den Ärger seines Trainer-Kollegen Steffen Baumgart (Paderborn) verstehen. „Dieses Tor kann man nicht geben, auch wenn vielleicht der Schnürsenkel den Ball berührt hat“, so Höft, der die unterschiedlichen Regelauslegungen der Unparteiischen und Videoassistenten bemängelt.

„Ich bin froh, dass es den VAR zu meiner Zeit noch nicht gegeben hat“, meinte der frühere Verbandsliga-Schiedsrichter Martin Retzlaff. Der Vereinsvorsitzende des SV Arendsee hat für sich fehlende Transparenz festgestellt. „Die Entscheidung muss der Schiedsrichter auf dem Feld treffen. Oft hat man den Eindruck, dass die Entscheidung im ,Kölner Keller’ getroffen wird.“

Für Steven Beck ist der VAR einerseits eine gute Sache, werden doch Fehlentscheidung und Abseitsstellungen erkannt und dann korrigiert. „Im Großen und Ganzen ist es eine gerechte Lösung, da es im Profisport um sehr viel geht.“ Der Spieler des SSV Gardelegen würde aber andererseits auf den VAR verzichten. „Ich finde, dass der Fußball eher von den Emotionen leben sollte.“

Maurice Schmidt, Offensivspieler des Oberligisten 1. FC Lok Stendal, schließt sich Becks Meinung an. Er selbst als Fußballfan freue sich gar nicht mehr über die Tore, weil man sich sicher sein müsse, dass das Tor definitiv gecheckt werde, so Schmidt. Gleichzeitig rät er dem Fußball, dass er sich etwas von anderen Sportarten, bei denen Spielsituationen ebenfalls überprüft werden, abschaut: „Da werden die Entscheidungen akzeptiert und dann ist das gut.“ Der VAR sei gerecht, meint der Lok-Akteur, der aber auch kritisch feststellt: „Wir sehen ja auch, dass einige Entscheidungen trotz des Videobeweises Fehlentscheidungen sind. Die Einheitlichkeit fehlt.“

„Aber bei Entscheidungen, wo es einen Graubereich gibt, wo man sagen kann – man kann, aber muss es nicht pfeifen – dann hätte man es gleich beim Schiedsrichter belassen können.

Karsten Fettback (Schiedsrichter KFV Altmark-Ost)

„Eine klare Linie“, ist etwas, dass sich auch Philipp Kiebach wünscht. „Ich denke, man sollte den komplett weglassen“, erklärt der Osterburger Fuß- und Handballer, „damit man wieder normal spielen kann.“ Es sei fast nur noch über den Computer, moniert Kiebach, der wie viele Fußballzuschauer vor den heimischen Monitoren bekanntlich weiß: „Wenn er (der Unparteiische auf dem Platz, Anm. d. Red.) etwas alleine entscheidet, sitzt da immer noch ein anderer Schiedsrichter im Hintergrund.“

Karsten Fettback, der selbst als erfahrener Schiedsrichter Drucksituationen meistern und Szenen beurteilen muss, hat eine klare Meinung – gerade mit Blick auf die Unterscheidungen zwischen Profi- und Amateurbereich... „Im Amateursport kannst du so etwas nicht umsetzen. Dadurch wird die Schere immer größer, was sehr schade ist.“ Der Videobeweis solle dazu dienen, mehr Gerechtigkeit in den Sport zu bringen, betont Fettback. Und: „Hilfsmittel wie ‘GoalControl’, die sind eindeutig hilfreicher, wo man entscheiden kann zwischen schwarz oder weiß, ist der Ball drin oder nicht.“ Zudem ist Fettback ein Befürworter der klassischen Tatsachenentscheidungen, die den Fußball in vergangenen Zeiten ohne VAR emotionaler aussehen lassen haben. „Aber bei Entscheidungen, wo es einen Graubereich gibt, wo man sagen kann – man kann, aber muss es nicht pfeifen – dann hätte man es gleich beim Schiedsrichter belassen können.“

Von Jens Tuchen, den Abteilungsleiter des SV Eintracht Lüderitz, gibt es ein leicht positives Feedback bezüglich des VAR, ehe das bekannte „aber“ kommt: „Wenn es richtig gehandhabt wird, ist es ja gerechter als vorher. Aber da im ‘Keller’ ja auch Menschen sitzen, passieren da genauso Fehler.“ Man könne, wenn Zweifel bestehen, immer nachschauen. Deshalb sei es vorteilhaft, ergänzt Tuchen.

Dieses Wochenende geht es mit dem Fußball im Profibereich weiter. In der Hoffnung, dass strittige Szenen richtig bewertet werden.

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