INTERVIEW Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Lutz Wagner im AZ-Gespräch

„Fußball muss verständlich bleiben“

Authentisch, ehrlich, berechenbar: DFB-Lehrwart Lutz Wagner hat klare Vorstellungen, welche Anforderungen ein guter Schiedsrichter heutzutage erfüllen muss.
+
Authentisch, ehrlich, berechenbar: DFB-Lehrwart Lutz Wagner hat klare Vorstellungen, welche Anforderungen ein guter Schiedsrichter heutzutage erfüllen muss.

Stendal – 197 Spiele in der Bundesliga, knapp 100 Spiele in Liga zwei, dazu ein Meisterschaftsfinale in Südkorea. Lutz Wagner hat in seiner Schiedsrichter-Karriere wahrlich viel gesehen.

Mittlerweile ist der 57-Jährige unter anderem Lehrwart beim DFB, bildet Amateurschiedsrichter ebenso weiter, wie die Elite der drei Profi-Ligen oder das Who-is-Who der Fernseh-Kommentatoren. Vor Kurzem war der Hesse in Stendal zu Gast und referierte für den hiesigen KFV. AZ-Redakteur Tobias Haack stand Wagner dabei für ein Interview zur Verfügung.

Herr Wagner, was zeichnet für Sie einen guten Schiedsrichter aus?

Es sind immer mehrere Sachen. Natürlich muss er gewisse Grundvoraussetzungen mitbringen. Er muss fit sein, die Regeln kennen, eine gewisse Persönlichkeit haben. Es kommt aber auch darauf an, dass er das Ganze authentisch rüberbringt. Man muss also spüren, dass der Schiedsrichter den Fußball auch lebt. Am Ende ist es dann halt ein Gesamtpaket.

Welche Qualitäten sind im Amateurbereich wichtig, die bei den Profis vielleicht nicht so gefragt sind?

Im Amateurbereich haben es die Schiedsrichter in vielerlei Hinsicht ungleich schwerer. Wenn es zum Beispiel darum geht, ohne Assistenten zu pfeifen. Außerdem ist es so, dass ein Bundesliga-Schiedsrichter immer wieder mit den bekannten Leuten zu tun hat. Er weiß, was auf ihn zukommt, alles ist relativ gläsern. Ein Amateurschiedsrichter fährt manchmal irgendwo hin, ohne zu wissen, was auf ihn zukommt, welcher Spieler spielt oder wie die Mannschaft in Form ist. Er muss sich also blitzartig auf die Situation einstellen. Das ist eine gewaltige Herausforderung. Die Umstände sind auch andere. Er muss sich um diverse Dinge selbst kümmern, die einem im Profibereich abgenommen werden. Dafür ist dort wiederum das Spiel viel schneller. So hat alles seine eigenen Herausforderungen.

Schiedsrichter wie Manuel Gräfe und Deniz Aytekin gelten als beliebt bei den Spielern, weil sie eine lockere Art haben und einem auf Augenhöhe begegnen. Ist das der entscheidende Tipp, den man jungen Schiedsrichtern mit auf den Weg geben kann?

Ja, aber es muss sich entwickeln. Auch ein Gräfe und Aytekin waren in ihrer Anfangszeit lange nicht so anerkannt wie heute. Es muss sich entwickeln und auch zum Typ passen. Auch eine Schiedsrichterpersönlichkeit muss ja reifen. Erfahrung ist im Umgang mit Spielern etwas ganz Wichtiges. Man muss authentisch sein, darf sich nicht verstellen, muss ehrlich sein und berechenbar. Die Erfahrungswerte kommen im Laufe der Jahre. Dafür lässt dann vielleicht das Körperliche ein wenig nach.

Rund 94 Prozent der Spiele in Deutschland finden im Amateurbereich statt. Dort ist immer wieder von Problemen bei der Nachwuchsgewinnung und Gewalt gegen Schiedsrichter zu lesen. Wo steht das deutsche Schiedsrichterwesen aktuell?

Ich glaube, es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, dass Personen die richten, oder schlichten nicht mehr die Wertschätzung erhalten, die sie verdienen. Das sieht man ja auch, wenn es um Polizisten, Feuerwehrleute oder Sanitäter geht. Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es werden aber weder die Schiedsrichter noch die Vereine alleine schaffen. Es schaffen nur alle Beteiligten zusammen, wenn jeder vor der eigenen Haustür kehrt. Wir haben das Problem, dass viele junge Schiedsrichter im ersten Jahr aufhören, weil sie über die ersten Klippen nicht kommen. Denen macht es Spaß zu pfeifen, aber mit den Begleitumständen auf den Plätzen sind sie überfordert. Dafür haben wir jetzt ein Paten-System eingeführt, damit sie besser begleitet werden. Es sind aber auch die Vereine in der Pflicht. Natürlich macht ein junger Schiedsrichter am Anfang Fehler, die muss man bereit sein, ihm auch zu zugestehen.

Im Profibereich kommt immer mal wieder das Thema Berufsschiedsrichter auf. Ist das ein Modell, das aus Ihrer Sicht Sinn machen würde?

Der Schiedsrichter heute ist bereits absolut professionell und stellt die Schiedsrichterei voll in den Vordergrund. Er soll aber seinen Beruf nicht ganz aufgeben. Wenn nämlich ein Spieler nicht mehr gebraucht wird, wechselt er einfach den Verein. Für professionelle Schiedsrichter gäbe es aber nur etwa 25 Arbeitsplätze in Deutschland. Wo sollen die denn hinwechseln? Deswegen braucht ein Schiedsrichter eine gewisse Absicherung, aber er muss es so regeln, dass der Sport im Vordergrund steht. Es ist eben ein Fulltime-Job. Mit Vorbereitung, Nachbereitung, Reisen, Spielen am Wochenende und unter der Woche, aber auch Zeit zur Erholung ist ein Schiedsrichter heutzutage schon voll gebunden.

Einfacher wird es ja auch nicht. Sie haben in Ihrem Vortrag die jüngsten Regeländerungen erklärt. Ziel dieser Anpassungen ist es ja immer, das Spiel einfacher zu machen. Kann man das überhaupt noch erreichen, so komplex wie das Spiel ist?

Grundsätzlich bin ich auch nicht immer mit jeder Änderung glücklich. Aber es ist halt eine Gewaltenteilung: Die einen machen die Gesetze und die anderen führen aus. Da müssen wir uns fügen. Aber wir Schiedsrichter haben mittlerweile Mitgestaltungsrechte. Die Regeländerungen jetzt finde ich sehr vernünftig, weil sie manches klarer machen. Mein Ziel ist immer, alles so einfach wie möglich, mit möglichst wenig Ausnahmen. Fußball muss für jeden verständlich bleiben. Manchmal sind die Regeln aber einfach nur ein bisschen kompliziert formuliert.

Der Fußball wird für Schiedsrichter immer vielschichtiger. Videobeweis, Handspielregel und Ähnliches. Würden Sie heute Schiedsrichter sein wollen oder sind Sie zufrieden mit der Zeit, in der Sie Bundesliga pfeifen durften?

Ich glaube, jede Zeit hat ihren Vorteil. Mit Sicherheit gibt es heute ein paar mehr Euro zu verdienen. Ich habe zu meiner Zeit aber auch schon gut verdient. Ich habe als Aktiver die Zeit zwischen 1990 und 2010 mitgemacht, wo sehr viel im Umbruch war. In den letzten Jahren kam dann die Sache mit dem Videoschiedsrichter dazu, was das Ganze eigentlich einen Tick einfacher macht, weil die ganz gravierenden Fehlentscheidungen nicht mehr passieren können. Es gibt jetzt einen doppelten Boden. Von daher hätte ich mir den Videoschiedsrichter schon zu meiner Zeit gewünscht. Was früher besser war, ist, dass nicht alles so gläsern war. Man konnte dem Spieler auch mal einen lockeren Spruch mitgeben. Das hatte auch seine Vorteile. Aber man kann nicht alles haben. Jede Zeit hat ihren Reiz.

Was es zu Ihrer Zeit noch nicht gab, womit die Schiedsrichter aber jetzt klarkommen müssen, ist die Situation rundum Corona. Was bedeutet das Virus für die Schiedsrichter, wie sehen deren Einschränkungen in der Praxis aus?

Die sind genauso im Hygienekonzept der DFL vorgesehen wie die Mannschaften auch. Es gibt klare Vorgaben, wann sie testen müssen, wie sie testen müssen, wo sie sich aufhalten müssen. Wir haben im Stadion keine zusätzlichen Personen mehr, die mit ihnen Kontakt aufnehmen. Am Tag vor dem Spiel selbst werden sie getestet, am Anfang der Woche werden sie getestet. Sie haben die gleichen Corona-Regeln zu befolgen wie die Spieler und Mannschafts-Verantwortlichen auch. Sie sind halt in dieser Blase Profifußball tätig, deshalb müssen sie da auch mitmachen. Alle haben sich an die Regeln zu halten.

Dürfen die Schiedsrichter ihre Berufe denn aktuell ausüben?

Es ist kaum ein Schiedsrichter noch umfangreich in seinem Beruf tätig. Wenn, dann läuft das meiste über Home Office. Ansonsten müssen sie, wie die Spieler auch, die Kontakte auf ein Minimum beschränken. Es sind alle in dem Hygienekonzept der DFL enthalten. Alle haben die gleichen Rechte und Pflichten. Ich persönlich finde das DFL-Konzept übrigens sehr gut. Es ist auch vorbildhaft für andere Sportarten und andere Verbände.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare