„Wir haben das Maximum erreicht“

Martin Gödecke blickt auf bewegte Jahre beim 1. FC Lok Stendal zurück

Martin Gödecke jubelt über einen Treffer.
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Martin Gödecke (vorne) erzielte 22 Tore in 97 Liga-Spielen für Lok.
  • Tobias Haack
    vonTobias Haack
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Kaum ein Spieler hat den 1. FC Lok Stendal in den vergangenen Jahren mehr verkörpert als Martin Gödecke. Nach insgesamt 21 Jahren für die Eisenbahner zieht es den Angreifer nun in die Börde. Der Altmark-Zeitung stand der 30-Jährige für ein ausführliches Abschiedsinterview zur Verfügung.

Martin, Du warst, bis auf zwei Abstecher nach Bismark und Tangermünde, 21 Jahre für den 1. FC Lok Stendal am Ball. Was wird aus dieser langen Zeit bei Dir hängen bleiben?

Ich habe dort das Fußballspielen erlernt. Alles, was ich fußballerisch erreicht habe, habe ich Lok Stendal zu verdanken. Wir waren ja auch in der Jugend schon sehr erfolgreich, waren in der Verbandsliga immer oben dabei. Durch den Aufstieg bei den Herren später konnte man dann auch überregional in der Oberliga spielen. Ich denke, das war das Maximum, was man erreichen konnte und das haben wir alle zusammen für Lok Stendal erreicht. Darauf bin ich sehr, sehr stolz. Und, was noch viel wichtiger ist: Durch Lok habe ich viele gute Freunde kennengelernt, mit denen ich mein Leben lang Kontakt halten werde.

Klingt nach einer rundum tollen Zeit. Was war für Dich persönlich das Highlight, abgesehen von offensichtlichen Dingen wie Aufstieg und DFB Pokal?

Schwierig! In dem Jahr, wo wir im letzten Spiel gegen Malchow zuhause den Nichtabstieg geschafft haben, war das für mich besonders. Ich habe drei Tore gemacht und drei Tore in der Oberliga sind für mich nicht selbstverständlich. Das war ein besonderer Moment. Die beste Feier war aber auf jeden Fall, die nach dem Piesteritz-Spiel, als wir die Meisterschaft klargemacht haben. Wir waren damals eine super Truppe und es hat richtig Spaß gemacht. Auch die Stimmung damals, wir waren aufgestiegen und wussten nicht, was kommt. Das war schon gut.

Logische Anschlussfrage: Was war Dein persönlicher Tiefpunkt mit Lok Stendal?

Persönlich war es für mich schwierig, nach der Jugend im Männerbereich Fuß zu fassen. Ich war Stürmer und auch nicht der robusteste. Dann hat es auch mit dem Beruf nicht so gut geklappt. Ich konnte nur zweimal in der Woche trainieren und musste mich dann verabschieden. Das war schwierig, aber der richtige Schritt, um mich zu entwickeln. Sehr bitter war dann später auch, als ich erfahren musste, dass ich im DFB Pokal nicht von Anfang an spiele.

Damals hat Dich Sven Körner aus taktischen Gründen geopfert und auf die Schnelligkeit von Maurice Schmidt gesetzt. Was hättest Du ihm in dem Moment am liebsten an den Kopf geworfen?

Er hatte mich damals vor dem Spiel in sein Büro geholt und mir mit Daniel Fest, der sein Co-Trainer war, die Entscheidung mitgeteilt. Rein vom Taktischen konnte ich das vielleicht nachvollziehen, aber ich war trotzdem richtig sauer. Ich habe eine gute Vorbereitung gespielt, habe in dem Oberliga-Spiel vorher gegen Greifswald sogar getroffen und dann sitzt du auf einmal auf der Bank. Das war persönlich ein ganz schöner Nackenschlag. Aber ich musste es akzeptieren und habe es gemacht. Ich habe mich dann natürlich gefreut, als ich eingewechselt wurde. Aber das ist eine Sache, die vergisst du nicht als Spieler.

Du hast es angesprochen. Bevor, du bei Lok durgestartet bist, musstest du einen Umweg über Bismark und Tangermünde gehen. Als es dann wieder zu Lok ging, warst du zunächst ein halbes Jahr gesperrt, konntest nur trainieren. Wie hast du es damals geschafft, die Motivation hochzuhalten?

Ich muss sagen, dass ich überhaupt zurückgekommen bin, habe ich Sven zu verdanken. Der hatte sich damals sehr um mich bemüht. Ich habe dann einen riesen Schritt gemacht. Ich habe mir viel bei Sven abgeguckt und auch selbst versucht, als Trainer zu denken. Das hat mich enorm weitergebracht. Ein halbes Jahr nur zu trainieren, war natürlich relativ schwer. Aber ich hatte dann am Wochenende mehr Zeit für die Freundin und das war dann auch nicht übermäßig schlimm, zumal ein Ende in Sicht war. Viel schlimmer war, dass ich wieder spielberechtigt war und dann Pfeiffersches Drüsenfieber bekommen hatte. Da war ich dann acht Wochen komplett raus, habe auch sechs Kilo abgenommen und habe viele Wochen gebraucht, um wieder ranzukommen.

Danach nahm Deine Entwicklung Fahrt auf und du warst relativ schnell Führungsspieler. Als Sven Körner plötzlich freigestellt wurde, warst Du für eine Einheit sogar mal kurz Trainer. Wie hast Du diese turbulenten Wochen damals erlebt?

Das war für alle komisch. Sven war fünf Jahre unser Trainer und plötzlich war er weg. Keiner wusste, wie es weitergeht. Daniel Fest hat dann übernommen, aber keiner wusste, wie lange er Trainer bleibt. Es war eine große Ungewissheit. Als Daniel in der ersten Einheit wegen seines Berufs gefehlt hat, habe ich das mal übernommen, aber das war keine große Sache. Wir haben ein bisschen über Eck gespielt, Fußballtennis gemacht und ich habe versucht, für Spaß zu sorgen.

Danach blieb es sportlich schwierig. Bis heute ist Lok dem Abstiegskampf in der Oberliga nie entkommen. Wie ist das für den Kopf, wenn jedes Spiel ein Endspiel ist und über Jahre jeder Punkt zählt?

Wir wussten als Mannschaft in jeder Saison, dass es schwierig wird. Dadurch, dass wir untereinander aber immer eine gute Dynamik hatten, haben wir uns gegenseitig gut gepusht, auch wenn wir mal richtig auf die Mütze bekommen haben. In der ersten Corona-Saison hatten wir dann eine richtig gute Truppe. Auch da haben wir Spiele verloren, aber immer nur knapp. Letzte Saison war dann schwieriger und die neue Saison wird es vermutlich auch. Zu meiner Zeit war aber immer alles machbar. Wir waren nie chancenlos!

Jetzt geht Deine Zeit am „Hölzchen“ zu Ende. Du hast Deinen Abgang früh kommuniziert, alles lief fair, keiner wird Dir böse sein. Du wechselst in die Landesklasse nach Oschersleben. Freust Du dich auf ein bisschen weniger Druck und mehr Spaß am Fußball?

Grundsätzlich bin ich ein Spieler, der sehr ehrgeizig ist. Das wird auch in Oschersleben nicht anders laufen. Klar, dass der Spaß dort mehr im Vordergrund stehen wird, aber trotzdem hat man sportliche Ziele. Festlegen kann ich die jetzt noch nicht, weil ich die Liga und die Mannschaft nicht kenne. Wir hatten jetzt einmal Training und es hat schon Spaß gemacht. Da sind gute Jungs dabei.

Du bist im Besitz der Trainer-B-Lizenz und wärst wahrlich nicht er erste Ex-Spieler, der irgendwann als Trainer ans „Hölzchen“ zurückkehrt. Könntest Du dir das in Zukunft vorstellen?

Grundsätzlich kann ich mir sehr gut vorstellen, mal Trainer zu sein. Ob das aber im Jugend- oder Herrenbereich sein wird, weiß ich jetzt noch nicht. Ich mache ja jetzt schon die Fußballschule beim VfL Wolfsburg mit. Aber eine Rückkehr ans „Hölzchen“? Dadurch, dass ich komplett in die Börde ziehe, wäre das eine ganz schöne Entfernung. Und Beruf und Familie werden bei mir immer vorgehen.

Beim 1. FC Lok wird es erstmal ohne Dich weitergehen. Und wieder steht ein großer Umbruch an. Wie siehst Du den Verein gewappnet?

Fakt ist, dass sich bei der Infrastruktur um den Verein herum richtig viel zum Positiven getan hat. Vor allem im Bereich Sponsoring sind da jetzt richtig gute Leute im Verein. Das Problem bleibt aber das Sportliche. Wir haben das Problem, Spieler in der Region zu finden, die Oberliga spielen können und vor allem wollen. Es gibt gute Kicker, vor allem in Tangermünde, aber irgendwas ist immer im Weg, ob beruflich oder privat. Oder sie haben einfach keine Lust. Deshalb muss man leider Gottes wieder über den Tellerrand schauen, mit Spielerberatern sprechen und ausländische Spieler verpflichten. Aber wie lange sind die dann da? Ich fände es gut, weiter auf die Jugend zu setzen. Vielleicht sollte man mehr Geld in Trainer investieren, damit die noch bessere Trainerscheine machen können. Oder man versucht, die A-Jugend in die Regionalliga zu bringen, damit der Sprung in die Oberliga dann nicht so groß ist. Es ist aber alles sehr schwierig.

Die Generation, die Lok in die Oberliga geführt hat, verabschiedet sich nach und nach aus dem Verein. Du bist nun der Nächste. Wer könnte von der neuen Generation in Eure Fußstapfen treten?

Niclas Buschke, Max Salge, Lukas Breda sind super Fußballer und super Menschen. Ich persönlich mag auch Lukas Pfeiffer sehr gern, weil das ein Spieler ist, der auch im Training immer tausend Prozent gibt. Mit solchen Spielern arbeite ich sehr gerne zusammen. Solche Typen braucht ein Verein einfach. Ich persönlich hoffe, dass es Lok langfristig gelingt, eine Kooperation mit dem FCM aufzubauen, um Spieler zu bekommen, die es dort nicht schaffen.

Aufgrund der Pandemie blieb es Dir verwehrt, Dich sportlich aus dem „Hölzchen“ zu verabschieden. Hat der Verein noch etwas für Dich geplant?

Ja, tatsächlich ist am 24. Juli ein Abschiedsspiel für mich geplant. Da komme ich mit Oschersleben ins „Hölzchen“ und wir spielen dann ein Freundschaftsspiel. Im Rahmen dessen wird dann eine offizielle Verabschiedung erfolgen. Als Jörn Schulz mir das letzte Woche geschrieben hat, habe ich mich sehr gefreut, weil es auch eine gewisse Würdigung dessen ist, was man geleistet hat.

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