KRAFTSPORT Der Klötzer Günter Lüdecke im großen Porträt

Eine außergewöhnliche Karriere

Ein Ende ist (noch) nicht in Sicht: Der mittlerweile 72-jährige Günter Lüdecke vom VfB Klötze denkt noch nicht ans Aufhören und hat durchaus noch weitere sportliche Ziele. Foto: Weber
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Ein Ende ist (noch) nicht in Sicht: Der mittlerweile 72-jährige Günter Lüdecke vom VfB Klötze denkt noch nicht ans Aufhören und hat durchaus noch weitere sportliche Ziele.

Klötze – Kraftsport in Klötze – Bringt man diese beiden Worte in Verbindung, dann kommt man unweigerlich an einem Namen nicht vorbei: Günter Lüdecke. Der mittlerweile 72-Jährige ist der Kopf der Sparte Kraftsport beim VfB Klötze und hat diese selbst aufgebaut.

Zudem kann der Purnitzstädter selbst auf eine lange und in erster Linie erfolgreiche sportliche Laufbahn zurückblicken, wobei ein Ende derzeit noch nicht in Sicht ist. Ein Porträt.

Einen Weltmeistertitel zu gewinnen, ist gewiss nicht jedem vergönnt und daher auch ein absoluter Höhepunkt meiner Karriere.

Günter Lüdecke ist Klötzer durch und durch. „Ich bin nie wirklich weit weggekommen“, erzählt er schmunzelnd. „Ich bin 1948 sogar im eigenen Elternhaus in Klötze zur Welt gekommen und wohne noch heute praktisch in unmittelbarer Nähe.“ Lüdecke besuchte die Schule in Klötze und begann die Lehre zum Landmaschinen- und Traktorenschlosser im benachbarten Kunrau. 1968 ging es für Lüdecke dann nach Falkensee (bei Berlin) zur Armee. Zwei Jahre später kehrte er nach Klötze zurück, arbeitete in der dortigen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), machte seinen Meister und wurde ab 1975 als Werkstattmeister eingesetzt. Nach der Wende war Lüdecke dann in der heutigen Milcherzeugergenossenschaft Klötze tätig, betreute dabei ab 2001 die dortige Biogasanlage, ehe es am 29. Dezember 2019 in den wohlverdienten Ruhestand ging.

Über Judo und Radsport zum Kraftsport

Mit dem Sport im Allgemeinen kam der Klötzer schon früh in Kontakt. „Mit zwölf Jahren habe ich mit Judo angefangen, aber auch mal Boxen und natürlich Fußball ausprobiert. Über die Kleine Friedensfahrt bin ich dann zum Radsport gekommen. In Kalbe gab es damals eine Außenstelle von Dynamo Berlin“, so Lüdecke. Doch all diese Sportarten sollten schon bald nicht mehr aktuell sein. „Ich habe dann irgendwann im Fernsehen mal einen Bericht über Gewichtheben gesehen und war direkt interessiert. Da muss ich so 15 oder 16 gewesen sein“, kramt er gedanklich in seinen Erinnerungen. „Ich wollte einfach sehen, ob ich das auch kann.“ Lüdecke nahm sich kurzerhand eine alte Wagenachse, die er auf dem elterlichen Hof fand, und begann in Eigenregie damit zu üben. „Für uns Radsportler stand in den Wintermonaten immer ein Kraft- und Athletiktraining auf dem Programm, was mir immer mehr zugesagt hat“, berichtet der Klötzer.

Mit seiner Dienstzeit bei der Armee sollte der Sport dann eine noch größere Rolle spielen. Es gab damals den armeeinternen Wettbewerb „Stärkster Soldat“, bei dem ein Vierkampf aus Klimmzügen, Schlussdreisprung, Beugestützen am Barren und Kniebeuge mit Gewicht absolviert werden musste. „Das hat mir richtigen Spaß gemacht und mit stetigem Training stellten sich auch schnell die Erfolge ein“, berichtet Lüdecke, der 1969 bei den Berliner Meisterschaften den zweiten Platz belegte. Nach seiner Armeezeit durfte Lüdecke nicht nur in der Außenstelle der Grenztruppen in Klötze weiter mittrainieren, sondern auch weiterhin an den armeeinternen Wettkämpfen der Grenztruppen teilnehmen. Mit großem Erfolg. „Bis zur Wende konnte ich insgesamt 17 Finalteilnahmen, die übrigens Rekord sind, vorweisen und habe dabei auch sehr viele Medaillen gewonnen“, sagt der Klötzer stolz.

Das Training bei der Armee reichte ihm irgendwann nicht mehr aus, sodass Lüdecke selbst aktiv wurde und sich in der Scheune beziehungsweise im Pferdestall der Eltern eigene Trainingsmöglichkeiten schuf. Die sportlichen Erfolge blieben natürlich nicht unbemerkt. „Das Interesse an meiner Person stieg“, so Lüdecke. In der ehemaligen DDR gab es parallel zur „Armee-Variante“ den Wettkampf „Stärkster Lehrling“ der damaligen Betriebsberufsschulen. „Die Schule in Klötze trat an mich heran und fragte, ob ich nicht das Training für die Lehrlinge übernehmen und sie auf diese Wettkämpfe vorbereiten könnte. Ich sagte zu und es wurde die Betriebsschulsportgemeinschaft gegründet. Der Erfolg stellte sich dann auch schnell ein und ich habe ab 1975 einige Lehrlinge bis zu den Bezirksmeisterschaften begleitet“, erzählt der Klötzer und ergänzt: „1980 haben wir dann auf Initiative von Manfred Lietze, der damals DTSB-Vorsitzender in Klötze war, die Sparte Gewichtheben und Kraftsport gegründet.“

„Dann kam die Wende und alles war anders“

„Dann kam die Wende und alles war anders“, erinnert sich Lüdecke. Die Betriebsberufsschule in Klötze wurde aufgelöst und die Kraftsportler standen damit auch irgendwie am Scheideweg. Relativ schnell kam dann jedoch der Kontakt zum VfB zustande. „Wir standen dann schlussendlich auch vor der Entscheidung, in welche Richtung wir sportlich gehen wollten, denn Gewichtheben und Kraftsport waren in unterschiedlichen Verbänden organisiert. Wir haben uns dann aber relativ schnell für Kraftsport entschieden“, so Lüdecke. Es war die richtige Wahl, wie sich rückblickend ohne Frage feststellen lässt.

Lüdecke war nun Feuer und Flamme und ging in seiner Sportart voll auf. Er besuchte Übungsleiter-Lehrgänge, wurde Kampfrichter und engagierte sich zudem im Landesverband. Doch neben all diesen Sachen blieb er natürlich auch aktiver Kraftsportler. Am 2. Februar 1992 fanden dann in Klötze die ersten Landesmeisterschaften im Kraftdreikampf für Mannschaften und Einzelstarter statt. „Damals haben insgesamt zehn Teams an dem Wettkampf teilgenommen. Das ist heute undenkbar“, erinnert er sich.

Eine Erfolgsgeschichte nimmt ihren Lauf

Für ihn persönlich begann mit diesem Wettkampf eine andere Geschichte. Denn an jenem 2. Februar erfolgte in Lüdeckes Startbuch, in dem alle Wettkampfteilnahmen vermerkt werden, der erste Eintrag. Und es sollte bei weitem nicht der Letzte sein. Bereits im Dezember 1992 nahm Lüdecke in Sarstedt bei Hannover an seinen ersten Deutschen Meisterschaften teil. Die Kraftsportsparte des VfB nahm eine ebenfalls erfolgreiche Entwicklung, denn 2001 gelang der Aufstieg in die 1. Bundesliga. 2007 folgte dann mit dem Gewinn der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft der bis dahin größte Erfolg des VfB.

Ohne Unterwäsche zum Meistertitel

2010 konnten die Purnitzstädter dieses Kunststück dann sogar wiederholen, wobei Lüdecke dabei eine durchaus interessante Geschichte parat hat. „Ich hatte den Jungs damals gesagt, sie sollten unbedingt ohne Unterwäsche zum Wiegen gehen. Das macht bei vier Athleten immerhin so ungefähr 300 Gramm aus. Wir haben am Ende mit lediglich zwei Zehntelpunkten gewonnen. Somit war es die richtige Entscheidung, denn das Gewicht der fehlenden Unterwäsche hat tatsächlich den Unterschied ausgemacht. Ich erzähle das auch immer wieder gern“, gibt Lüdecke diese fast schon unglaubliche Anekdote preis.

Auch internationale Einträge im Startbuch

Als Einzelstarter ging es für Günter Lüdecke nicht minder erfolgreich weiter, wobei in seinem Startbuch nach und nach auch immer mehr internationale Wettkämpfe, also Europa- sowie Weltmeisterschaften, vermerkt wurden. Im Oktober 1998 ging es für den Klötzer dann erstmals auf die ganz große Bühne. In Argentinien nahm er an seinen ersten Weltmeisterschaften teil und belegte dort den vierten Platz. 2008 folgte aus seiner Sicht dann der absolute Höhepunkt. Bei den Weltmeisterschaften im kalifornischen Palm Springs gelang der ganz große Wurf und Lüdecke kehrte erstmals als Weltmeister in die Heimat zurück. „Einen Weltmeistertitel zu gewinnen, ist gewiss nicht jedem vergönnt und daher auch ein absoluter Höhepunkt in meiner Karriere. Damit so was gelingt, muss schon wirklich alles passen“, weiß der erfahrene Kraftsportler. Es sollte natürlich nicht der letzte Erfolg für den Purnitzstädter bleiben, denn bei den Weltmeisterschaften 2012 in Killeen (Texas) landete er in der Gesamtwertung auf Rang vier, sicherte sich jedoch in der Teildisziplin Bankdrücken den WM-Titel. 2018 ging es für Lüdecke dann sogar in die Mongolei, wo eine weitere Weltmeisterschaft auf dem Programm stand. „Das war für mich ohne Frage ein ganz besonderer Wettkampf und mit Sicherheit ein weiterer Höhepunkt“, berichtet der Klötzer. Hier wurde Lüdecke Vize-Weltmeister und sicherte sich zudem den zweiten Platz in der Relativwertung seiner Altersklasse.

Im Laufe der Jahre füllte sich somit sein Startbuch immer weiter. Aktuell hat Lüdecke 180 Wettkämpfe absolviert. Besonders stolz ist er dabei natürlich auf seine zahlreichen internationalen Auftritte. „Insgesamt war ich bei 21 Europa- und zehn Weltmeisterschaften dabei“, hat er noch einmal ganz genau in seinem Buch nachgeschaut. Auf die Frage, wie viele Medaillen er denn seit 1992 gewonnen hat, muss Lüdecke allerdings passen. „Da müsste ich mal das gesamte Startbuch durchforsten.“ Fakt ist: Es dürften wirklich viele sein.

Bei all seinen Erfolgen, denkt Günter Lüdecke (noch) nicht ans Aufhören. „Ich möchte schon noch einmal an Europa- und wenn möglich auch an Weltmeisterschaften teilnehmen“, ist sein Ehrgeiz noch immer ungebrochen. Damit dies auch gelingt, hat der mittlerweile 72-Jährige natürlich auch sein Training angepasst. „Ich versuche einfach, meinen Körper ganzheitlich fitzuhalten und habe beispielsweise Radfahren und Wandern mit eingebaut“, erklärt Lüdecke.

Es ist also davon auszugehen, dass im Startbuch von Günter Lüdecke in Zukunft noch die eine oder andere Seite mehr gefüllt wird. Doch wirft man schon jetzt einen Blick in dieses Büchlein, offenbart sich eine sportliche Karriere, die ohne Frage Respekt und Anerkennung verdient.

VON TOBIAS WEBER

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