AZ-SERIE „MEINE BESTE ELF“ Joachim Streich schwärmt von seinen Spielern

„Der Ball war nicht ihr Feind“

Alte Mannschaftsfotos und Autogrammkarten: Joachim Streich war als Spieler und Trainer erfolgreich, hinterließ große Spuren beim 1. FC Magdeburg. 
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Alte Mannschaftsfotos und Autogrammkarten: Joachim Streich war als Spieler und Trainer erfolgreich, hinterließ große Spuren beim 1. FC Magdeburg.

Möckern – Als Spieler war er einer der besten. Und sogar Rekordtorschütze der DDR. Als Trainer hat er keinen Titel geholt. Dennoch kann Joachim Streich auf eine erfolgreiche Zeit an der Seitenlinie zurückblicken.

Und hat so manchen Spieler geformt, der später auch in der Bundesliga erfolgreich war. Im Gespräch mit der AZ lässt der 69-Jährige die Zeit als Coach Revue passieren und stellt seine beste Elf auf.

Die Jahre beim 1. FC Magdeburg haben Joachim Streich geprägt. Als Spieler und Trainer gleichermaßen. Er erinnert sich noch genau an den Übergang. „Ich hatte mich Ende 1984 entschieden, dass es die letzte Saison ist. Es war klar, dass ich als Trainer arbeiten wollte.“ Eigentlich dachte der gebürtige Wismarer dabei an die Nachwuchsarbeit. Doch von heute auf morgen kam der Befehl des Generalsekretärs der Sportschule Leipzig, das Amt beim FCM zu übernehmen. „Es gab keinen anderen Weg“, weiß Streich um die Zwänge zu DDR-Zeiten. Nur einem Tag nach dem 0:4 am 30. Juni 1985 in Erfurt am letzten Spieltag und der Abschiedsfeier für ihn und Jürgen Pommerenke, der ebenfalls aufhörte, war Streich Cheftrainer beim FCM.

Magdeburg

Er übernahm eine Mannschaft mit Spielern, die tags zuvor noch seine Kollegen auf dem Rasen waren. „Aber sie standen voll dahinter.“ Und das gute Verhältnis blieb. „Wir haben uns weiterhin geduzt, in der Öffentlichkeit haben sie ‘Sie’ gesagt.“ Einfach war die Aufgabe dennoch nicht. Streich musste ein neues Team formen. Die notwendige Zeit wurde ihm nicht gegeben, die Ansprüche beim Traditionsclub und der Bezirksleitung waren groß. Nach drei Niederlagen zum Auftakt habe schon Unruhe geherrscht. „Aber dann haben wir uns gefunden, sind Fünfter geworden und haben den Europapokal erreicht.“

Streich, der 1975 als erster Auswärtiger zum FCM gekommen war, hielt nun selbst Ausschau nach Talenten. Und das über die Grenzen der Region hinaus. So holte er den jungen Dirk Schuster aus Zwickau und Uwe Rösler von Chemie Leipzig. Beides Spieler aus der damaligen 2. Liga. Und beides Spieler, die nach dem Mauerfall Karriere machten. Schuster wurde Nationalspieler, Rösler zum Idol in England. Auch Dirk Grempler, der den TuS Schwarz-Weiß Bismark als Trainer geprägt hat, nahm Streich unter seine Fittiche. Er integrierte die Talente, die etablierten Größen wie Dirk Heine, Max Steinbach oder Dirk Stahmann nahmen sie gut auf. Sie und die „jungen Bengel“, zu denen Streich auch Jens Gerlach, Stefan Minkwitz und Markus Wuckel zählte, wurden mehr und mehr zu einer Einheit.

Noch ganz deutlich vor Augen hat Streich die Saison 1989/90, seine vorerst letzte beim FCM. Bis zum letzten Spieltag kämpften die Magdeburger seinerzeit mit Dresden und Karl-Marx-Stadt um die Meisterschaft. Und mussten sich am Ende mit Rang drei begnügen. Nicht ganz unschuldig daran war Wuckel, der nach einem Verkehrsunfall im Frühjahr 1990 nicht mehr auflaufen konnte. „Das hat uns die Meisterschaft gekostet“, sagt Streich heute augenzwinkernd. Den Meistertitel verspielt zu haben, sei schon bitter gewesen. Aber als die Enttäuschung verflogen war, habe die Freude überwogen, als Drittplatzierter erneut die Qualifikation für den Europapokal geschafft zu haben. Für Streich stand zu dem Zeitpunkt bereits fest, dass er nach Braunschweig geht. Die damaligen FCM-Verantwortlichen hatten kein Gespräch mit ihm gesucht.

Braunschweig

Und so wechselte der Trainer noch vor der Wiedervereinigung in den Westen. Dirk Schuster folgte ihm. Er habe gewartet, bis Streich dort unterschrieben hatte. „Er wollte mit mir gehen.“ Eine Anerkennung, die den 69-Jährigen noch heute rührt. Junge Talente geformt und auf ihrem Weg begleitet zu haben, erfüllt ihn mit Stolz. Gleichwohl Streich weiß: „Ein Trainer wird an Ergebnissen gemessen.“ Und da fehle halt ein Titel.

Das Kapitel in Braunschweig schlägt er lieber zu. Beim FCM hatte er sich auch zu DDR-Zeiten von niemandem in die Aufstellung reinreden lassen. Im Westen regierte das Geld. Wenn der Präsident sagte, ein Spieler müsse unbedingt auflaufen, weil er verkauft werden sollte, dann gab es daran kein Vorbeikommen. „Alles war anders dort.“ Der Druck war enorm, die Mannschaft sollte unbedingt in die 1. Bundesliga aufsteigen. „Aber das hat nicht gereicht.“ Auch wenn einzelne Spieler durchaus die Qualität hatten, die Mannschaft sei keine Einheit gewesen.

Wieder Magdeburg

So ging es für Streich ein Jahr später zurück zu seiner alten Wirkungsstätte. „Es war alles den Bach runtergegangen, als ich aus Braunschweig zurückkam.“ Für ihn unverständlich. „Denn wir haben nur Dirk Schuster verloren und Max Steinbach hat noch aufgehört.“ Doch in einer Saison, in der es um alles ging, klappte kaum etwas. In der Halbserie wurde zudem Rösler nach Dresden verkauft. Die Qualifikation zur 2. Bundesliga misslang, der FCM rutschte in den Amateurfußball und damit in die Bedeutungslosigkeit ab.

Zwickau

Streich wollte nach der Saison 1991/92 nicht länger als Trainer arbeiten, orientierte sich beruflich anders. Bis ihn Jahre später seine Freunde aus dem Allstar-Team Ost, Jürgen Croy und Joachim Jungnickel, nach Zwickau lockten. Der Verein kämpfte gegen den Abstieg aus der 2. Bundesliga. Streich gelang 1997 der Klassenerhalt. Er hatte einen Vertrag über dreieinhalb Jahre. Doch er war des „Vagabunden“-Lebens müde. Wollte nicht mehr zwischen Hotels und Fußballplätzen hetzen. Wollte nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen, große Verantwortung tragen. Seine Freunde lösten den Vertrag auf. Streich kehrte nach Hause zurück. „Zwickau ist dann später leider abgestiegen“, musste er aus der Ferne mit ansehen. Doch er hat nur schöne Erinnerungen an die Zeit. „Es war familiär und freundschaftlich. Das möchte ich nicht missen.“ Genauso wenig wie seine Zeiten beim 1. FC Magdeburg. „Meister bin ich zwar nie geworden als Trainer. Aber als letzter Trainer habe ich Magdeburg noch in den Europapokal geführt. Das sind schon schöne Erinnerungen, die kann einem keiner nehmen.“

Die beste Elf

Da er viele Fußballgrößen trainieren durfte, fiel ihm die Wahl seiner besten Elf auch nicht leicht. Joachim Streich stellt sie im 4-4-2 auf. Ein System, das er fast immer spielen ließ.

Tor

Mit Torwart Dirk Heine hat Streich selbst noch zusammengespielt, später war er dann sein Schützling. „Überragend war sein Spiel auf der Linie, aufgrund seiner Größe war er schwer zu überwinden. Aber er strahlte auch eine Ruhe aus. Wenn man überhaupt von einer Schwäche sprechen kann, dann war es das Rauslaufen. Aber ich würde bei ihm nicht von Schwächen reden.“

Abwehr

In der Viererkette, die der 69-Jährige auflaufen lässt, „waren leistungsmäßig die besten. Sie haben später auch gezeigt, dass sie in anderen Vereinen ihren Weg gehen.“ Als Rechtsverteidiger ist Detlef Schößler erste Wahl. Die beiden Innenverteidiger-Positionen nehmen Dirk Stahmann und Frank Cebulla ein. Stahmann habe seinerzeit immer noch etwas den Libero gespielt, Cebulla Vorstopper. Der gelernte Angreifer war als Stürmer oft verletzt, sodass ihn Streich zum Verteidiger umschulte. Dirk Schuster komplettiert die Viererkette als Linksverteidiger.

Mittelfeld

Das Mittelfeld ist nicht weniger namhaft. Auf der rechten Seite läuft Jens Gerlach, der später noch jahrelang in Jena gespielt hat, auf. Die linke Seite übernimmt Stefan Minkwitz, der später beim MSV Duisburg aktiv war. In der Zentrale schalten und walten Max Steinbach und Axel Wittke. „Das sind alles Leute, die, wenn der Anpfiff ertönte, marschiert sind. Und sie hatten darüber hinaus auch noch fußballerische Qualitäten. Sie wussten, wie man den Ball stoppt. Ich sage manchmal zum Spaß, wer heute den Ball unfallfrei stoppen kann, spielt in der 2. Liga. Das ist natürlich ein bisschen überspitzt. Aber sie konnten Fußball spielen, der Ball war nicht ihr Feind.“ Sie hätten alles auf den Rasen gebracht, was den DDR-Fußball ohnehin ausgemacht habe: die enorme Athletik.

Angriff

In der Doppelspitze gibt es kein Vorbeikommen an Markus Wuckel, den Streich formen musste, da er durchaus als „junger Bengel“ rebellisch war. Neben ihm läuft Uwe Rösler auf, der später in England bei Manchester City und dem FC Southampton für Furore sorgte und inzwischen den Bundesligisten Fortuna Düsseldorf trainiert.

Ersatzbank

Auch die Auswechselbank ist prominent besetzt. Kommen in der Startelf ausschließlich Magdeburger zum Einsatz, sitzen auf der Bank mit Torwart Uwe Hein ein Braunschweiger und mit Sascha Lense ein Zwickauer. Dazu gesellen sich die einstigen FCM-Akteure Heiko Laeßig (später 1. Bundesliga Uerdingen), Dirk Grempler, (TuS Bismark-Trainer) Damian Halata (später Lok Leipzig) und Heiko Bonan (später VfL Bochum und Karlsruher FC).

VON SABINE LINDENAU

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