AZ SERIE „Mein bestes Live-Erlebnis“ / Hans-Joachim Schwerin erinnert sich

Als „Auserwählter“ in den Westen

Der Recklinger Hans-Joachim Schwerin durfte zwei Begegnungen der DDR-Auswahl bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in der BRD besuchen.
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Der Recklinger Hans-Joachim Schwerin durfte zwei Begegnungen der DDR-Auswahl bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in der BRD besuchen.

Altmark – 1974 war das erfolgreichste Jahr des DDR-Fußballs. Der 1. FC Magdeburg gewann den Europapokal der Pokalsieger, die Nationalmannschaft belegte bei der Weltmeisterschaft in der Bundesrepublik Deutschland den fünften Platz.

Hans-Joachim Schwerin war damals als Zuschauer live dabei und wurde zu drei Begegnungen in den Westen geschickt, um die DDR-Elf und den 1. FCM anzufeuern.

Für den Recklinger kamen die Reisen in die BRD überraschend. „Ich wurde in die SED-Kreisleitung bestellt und dort hat man mir dann gesagt, dass ich zur Delegation gehöre, die nach Hamburg fährt. Ich wurde offenbar als linientreu eingestuft, bei dem keine Fluchtgefahr bestand“, erinnert sich der damalige Kreis-Vorsitzende des DTSB Kalbe. Achim Schwerin war zwar kein ausgesprochener Fußball-Fan, seine Liebe gehört dem Tischtennis, doch wenigstens ein Sportler aus dem Kreis sollte dabei sein, dachten sich wohl die Genossen im Kreis Kalbe.

Und so ging es mit dem Zug nach Hamburg. Im Abteil lernte der Altmärker die beiden damaligen FCM-Spieler Jörg Ohm und Manfred Zapf kennen, die ebenfalls zur Delegation gehörten. Nach einem Essen im Kongresszentrum gingen die 2000 DDR-Anhänger gemeinsam zum Volksparkstadion, in dem ihre Vertretung vor nur 16000 Zuschauern die Auswahl von Australien durch ein gegnerisches Eigentor und einen Treffer von Achim Streich mit 2:0 besiegte. In Erinnerung ist geblieben, dass es kurz nach dem Spiel bereits frisch gedruckte Zeitungen gab.

Mit der Schlagzeile „DDR knapp an einer Niederlage vorbei“, wunderte sich Hans-Joachim Schwerin, der sich als Fußball-Fan bewährt hatte und wenige Tage später gleich die nächste Reise antreten durfte. Diesmal ging es mit dem Zug nach Hannover, wo die DDR gegen den amtierenden Weltmeister Brasilien mit 0:1 verlor. „Wir waren trotzdem stolz auf unsere Mannschaft, die sich gegen den Weltmeister gut verkauft hatte“, meinte der langjährige Geschäftsführer des Kreissportbundes Altmark West. Und anders als in Hamburg durften sich die DDR-Bürger in kleinen Gruppen auch durch die Stadt bewegen.

Die Begegnung in Hannover sahen 58000 Zuschauer. Der deutlich höhere Zuspruch hatte natürlich seinen Grund. Viele Fans der Bundesrepublik hatten die Karten im Vorfeld erworben, weil sie mit einem Gruppensieg ihrer Mannschaft gerechnet hatten. Doch bekanntlich schoss der Magdeburger Jürgen Sparwasser die DDR im innerdeutschen Vergleich zum 1:0-Erfolg und damit auf Platz eins. Das hatte einen Rollentausch der beiden deutschen Mannschaften zur Folge.

Im Oktober ging es für Hans-Joachim Schwerin dann nach München, zum Europapokal-Spiel Bayern München gegen den 1. FC Magdeburg, der damals zu den besten Vereinsteams auf dem Kontinent gehörte. Die Anreise erfolgte erneut mit dem Zug. In München war ein Essen im berühmten Hofbräuhaus organisiert, mit zehn D-Mark Taschengeld konnten sich die ausgesuchten „Fans“ dann noch in der Stadt umsehen. Mit einer Fanfare ausgerüstet, feuerte Schwerin den FCM im Olympiastadion an. Zur Pause führten die Magdeburger durch Treffer von Martin Hoffmann und Jürgen Sparwasser mit 2:0. Doch nach dem Wechsel glich Gerd Müller mit zwei Toren schnell aus, ehe Detlef Enge noch ein Eigentor unterlief. Das Rückspiel in Magdeburg verlor der FCM dann mit 1:2 und schied aus.

„Klar war ich kein fanatischer Fußball-Fan, doch wir haben für unsere Mannschaften gebrannt und sie lautstark angefeuert“, so der Sportfunktionär, dem es nicht in den Sinn kam, die drei Reisen zu einer Flucht zu nutzen. „Warum auch? Ich habe der DDR meine berufliche Entwicklung zu verdanken, zu Hause warteten meine Frau und die Kinder.“ Hans-Joachim Schwerin gehörte zu den „Auserwählten“, die in den Westen reisen durften, um dort Fußballspiele live zu erleben, die die anderen DDR-Bürger nur am heimischen Fernsehgerät verfolgen konnten.

VON RENEE SENSENSCHMIDT

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