Andreas Neuendorf im AZ-Interview

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Der Trainer schaut genau hin: „Zecke“ mit seiner U15 von Hertha beim Pape-Cup.

Magdeburg. Er war ein Typ. In der Fußball-Bundesliga zählt Andreas „Zecke“ Neuendorf zu den Legenden. Als Trainer steht der 40-jährige Ex-Profi erst am Anfang seiner Karriere.

Seit Sommer trainiert „Zecke“ die U15 von Hertha BSC Berlin, mit der er gerade den renommierten Pape-Cup, die inoffizielle Hallenmeisterschaft, gewonnen hat. Im Interview mit AZ-Sportredakteur Benjamin Post spricht der Kultspieler, der auf das Per-Du bestand, über seine Vorstellung als Jugendtrainer, die jungen Karrieren und den Vergleich zu seiner aktiven Zeit.

„Zecke“, Du warst ein Typ. Kann man den Spielern davon noch etwas vermitteln?

Ich mag Typen. Ich habe eine ganz liebe Mannschaft. Ich versuche zu vermitteln, dass die Jungs mutiger und selbstbewusster sind und an sich glauben. Ich sage immer: Wenn du gut dribbeln kannst, dann zeig‘ es doch.

Aber wer dribbelt, macht auch Fehler.

Die Fehler sind mir dann egal, solange ich erkenne, dass sie mutig sind. Nur der Mutige macht Fehler. Wenn der Spieler nur einfach spielt, wird er sich nicht weiterentwickeln. Noch überwiegt eher das Positive.

Das klingt nach einem entspannten Trainer.

Ich habe mit den Jungs ein Abkommen: Wenn wir nicht auf dem Platz stehen, ist es eher ein freundschaftliches Verhältnis, so wie ein großer Bruder. Sie duzen mich, wir flachsen. Aber wenn sie auf dem Platz stehen, will ich sehen, dass sie alles geben, was sie können.

Aber der Fußball ist heute schon im Nachwuchsbereich bis ins Detail ernst.

Heute hat ja jeder Profi-Verein ein Nachwuchsleistungszentrum. Das wiederum heißt, dass sie mit Sportschulen zusammenarbeiten. Meine Jungs haben zum Beispiel acht Mal in der Woche Training. Ich hatte als Jugendlicher zwei Mal die Woche Training.

Das waren andere Zeiten. Wie betrachtest Du den Jugendfußball von heute?

Es kommt sehr viel über Kraft und Power. Die Top-Stars sind die athletischen Leute. Du wirst keinen kleinen finden, der überall gehandelt wird, sondern diese schnellen, kräftigen, die werden gehandelt. Wo ich die Mannschaft bekommen habe, habe ich gesehen: Das sind ja ein paar kleine Spieler drin. Das fand ich aber eher positiv.

Setzt Du auf die großen oder kleinen Spieler?

Bei uns geht es um die Spielfähigkeit. Du hast einen großen Spieler, der ist vielleicht nicht ganz so spielfähig. Die kleinen lernen ja: Wie kann ich mich durchsetzen gegen so einen großen. Diesen Spielwitz, diese Fußballintelligenz kannst du nur lernen, wenn du sie brauchst. Und die großen brauchen das ja nicht, die leben ja von anderen Sachen. Es gibt ganz viele in Deutschland, die körperlich unterlegen sind. Aber die stehen auf keinem Zettel. Bei uns sagen wir: Wir gucken auf den Fußballer.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ich habe beim ersten Turnier nur die Großen mitgenommen. Da habe ich gesagt: Wir müssen uns wehren können. Aber da kam Fußball zu kurz. Dann nahm ich zwei, drei kleine mit. Auf einmal spielen die Fußball und das sieht nach richtig geilem Hallenfußball aus, weil sie halt spielfähig sind. Manchmal denkst du: Der eine spielt in der B-Jugend und der andere in der D-Jugend.

Die ersten Meter entscheiden. Schnelle Spieler sind gefragt.

Wir gucken sehr auf die ersten fünf bis zehn Meter. Wir machen auch permanente Sprint- und Schnellligkeitstests. Da wägt man schon ab. Ich kenne Vereine, wo Spieler im U15-Bereich langsamer laufen als 4,35 Sekunden auf 30 Meter, dass die gar keine Rolle spielen. Tempo und Athletik sind das A und O. Bei uns ist es nicht so: Aber wir lehnen natürlich keine Spieler ab, die schnell sind. Bei uns im 2001er Jahrgang ist die Athletik nicht das Paradestück.

Zu Deiner aktiven Zeit, etwa in der 1990er Jahren, war der Fußball anders.

Früher gab es auch schon schnelle Spieler, das waren auch schon die Helden. Früher gab es Spieler wie Bernd Schuster, der Elegante, der hat einen Chip-Ball gespielt und sowas. Rudi Völler war auch nicht der Schnellste. „Tante Käthe“, das war ein Typ.

Spitze in der höchstklassigen Liga ist deine Mannschaft trotzdem.

Wir sind bei uns in der Regionalliga zurzeit Tabellenführer vor RB Leipzig, wobei RB seine Top-Leute aus dem Jahrgang schon in der U16 mitspielen lässt. Wenn die noch mitspielen würden in unserer Liga, dann wären sie klar Erster. Unsere Spieler können das auch nicht leisten, weil wir diese Athletik nicht haben. RB hat sich aus Deutschland die besten Spieler zusammengeholt. Wenn RB einen haben will, dann kriegen sie den. Das merkst du dann einfach.

Und die Besten spielen für Deutschland. Aber nicht von Herthas U15.

In meinem Kader habe ich keinen Nationalspieler, nicht mal einen im erweiterten Kader. Der DFB lädt die ja nicht ein, weil sie sagen: Hertha mögen wir nicht. Sondern sie sagen: Welche Spieler können uns aktuell am weitesten bringen, im direkten Vergleich mit anderen Ländern. Bei uns fehlt halt die Athletik noch ein wenig. Ich habe mit vielen Trainern gesprochen, die Leistungsmannschaften seit Jahren begleiten. Ein halbes Jahr macht einen riesen Unterschied. Wenn sie 19 sind, ist die Entwicklung abgeschlossen. Am Ende der Ausbildung zählt es. Dann wirst du es sehen.

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