AZ-SERIE „Mein bestes Live-Erlebnis“: Verrücktes Saisonfinale 2001

Achterbahnfahrt am 18. Geburtstag

Leidenschaftlicher Stadiongänger: Christian Buchholz (r.) hat schon einiges als Zuschauer erlebt. Das Bundesliga-Saisonfinale 2001 steht ganz oben auf seiner Liste.
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Leidenschaftlicher Stadiongänger: Christian Buchholz (r.) hat schon einiges als Zuschauer erlebt. Das Bundesliga-Saisonfinale 2001 steht ganz oben auf seiner Liste.

Hamburg/Salzwedel – Eine spontane Idee, kostenlose Tickets für das Hamburger Volksparkstadion und das bis heute nervenaufreibendste Finale in der Geschichte der Fußball-Bundesliga: Der Stadionbesuch am 19.

Mai 2001 war ein unvergessliches Erlebnis für meine Schulfreunde Christian Krahn, Christoph Wiechmann und mich. Dass der Ausflug in die Elbmetropole ausgerechnet am 18. Geburtstag des Organisators und Schalke-Fans stattfand, hätte sich kein Dramaturg besser ausdenken können.

Seinen 18. Geburtstag vergisst man nicht. Doch selten wird man volljährig und erlebt ein sporthistorisches Ereignis live. Bei meinem Schulkumpel Christian Krahn – seit seiner Kindheit Fan von Schalke 04 – war genau das am 34. Spieltag der Bundesliga-Saison 2000/2001 der Fall. Aber er musste die emotionale Achterbahnfahrt mit der Vier-Minuten-Meisterschaft seiner Knappen und dem nicht mehr für möglich gehaltenen Titelgewinn der Bayern nicht allein durchstehen. Christoph Wiechmann bot sich als Fahrer an, ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Zusammen erlebten wir einen unvergessenen Fußballnachmittag.

Spontaner Ausflug nach Hamburg

Als wir am Vorabend des 19. Mai 2001 ausgelassen in seinen 18. Geburtstag reinfeierten, schlug „Krahni“ irgendwann vor, am nächsten Tag spontan nach Hamburg zu fahren, um das Bundesliga-Spiel zwischen dem HSV und Bayern München im Stadion und die Meisterschale einmal live zu sehen. Was uns damals sofort zusagen ließ: „Krahni“ hatte für Christoph und mich zwei Schiri-Pässe seiner Mannschaftskollegen von Eintracht Salzwedel organisiert. Damit – so der Plan – sollten wir kostenlosen Eintritt ins damals neu umgebaute HSV-Stadion bekommen. Für uns als Gymnasiasten mit notorischer Geldknappheit das entscheidende Argument. Da nahmen wir gern die Extraportion Nervenkitzel in Kauf, mit den geborgten Pässen am Stadiontor erwischt zu werden.

Kostenloser Zugang zum Volksparkstadion

Um es vorwegzunehmen: Wir kamen tatsächlich rein. Aber der Andrang nach den kostenlosen und vor allem limitierten Schiri-Pässen war enorm. Wir mussten uns über eine Stunde im dichten Gedränge behaupten, ergatterten aber irgendwie drei Karten für den HSV-Familienblock. Dass uns direkt neben dem Kartenhäuschen ein Schwarzhändler 100,- DM je Ticket bot, ließ uns nur kurz überlegen. „Jetzt sind wir schon hier und gehen da auch rein. Ich will die Meisterschale mal live sehen“, sagte Geburtstagskind Christian Krahn mit einem Schmunzeln – obwohl er insgeheim hoffte, dass der Titel vielleicht doch noch nach Gelsenkirchen geht.

Auf dem Weg zu unseren Plätzen verschenkten sie die Sport Bild mit einer echten BiFi auf jeder Ausgabe. Super, dachten wir, dadurch sparen wir uns auch noch das Geld für die Stadionwurst. In der Arena war die besondere Atmosphäre schon vor dem Anpfiff zu spüren, auch wenn es im Familienblock auf der Südtribüne entspannt zuging. Wir hatten beste Sicht auf die Gästekurve links neben uns und auf die Nordkurve auf der gegenüberliegenden Seite. Dann ging’s los.

Schalke hatte schon eine Hand an der Schale

Spannung bot aber weniger das von viel Taktik geprägte Geschehen auf dem Platz als vielmehr das, was auf den anderen Plätzen passierte. Allen voran in Gelsenkirchen. Über die Stadionanzeige – an mobiles Internet war vor 19 Jahren noch nicht zu denken – wurden wir bestens informiert und erfuhren so auch, dass die Schalker nach 27 Minuten mit 0:2 gegen den späteren Absteiger SpVgg Unterhaching zurücklagen. Zur Pause stand es im damaligen Gelsenkirchener Parkstadion aber 2:2, ehe Unterhaching in der 70. Minute erneut in Führung ging. Dann drehte Jörg Böhme mit einem Doppelschlag binnen einer Minute das Spiel und Ebbe Sand erhöhte sogar auf 5:3. Schalke hatte also seine Hausaufgaben gemacht. Doch für den Titel fehlten unserem S04-Fan „Krahni“ und seiner Mannschaft noch ein Tor des HSV. Fußballfans wissen: Nach einer Flanke von Mehdi Mahdavikia gelang Sergej Barbarez genau dieser Treffer per Kopf in der 90. Minute – vor unserer Südtribüne. Daraufhin brach im Volksparkstadion, das damals noch AOL-Arena hieß, unendlicher Jubel los. Bis auf die Bayern-Fans standen alle Kopf und wollten nun auch, dass Schalke Meister wird. Christoph und ich warfen „Krahni“ mehrmals in die Luft. Auch wir dachten: Jetzt kriegt er die Meisterschale als zusätzliches Geburtstagsgeschenk!

Und dann kam Patrik Anderson

Was zur gleichen Zeit in Gelsenkirchen passierte, wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber an einen Ausgleich der Bayern glaubte auch in Hamburg niemand mehr. Es kam anders. In der 94. Minute nahm HSV-Keeper Matthias Schober – kurioserweise auch noch eine Leihgabe des FC Schalke 04 – einen Rückpass von Tomas Ujfalusi mit der Hand auf und ermöglichte den Bayern nach dem Pfiff des Schiedsrichters Dr. Markus Merk einen allerletzten Freistoß im Strafraum. Obwohl eigentlich alle Hamburger Spieler auf der Torlinie standen, hämmerte Bayerns Patrik Anderson den Ball aus acht Metern flach ins Tor. Unfassbar! Damit war doch Bayern München Meister, Oliver Kahn lief völlig von Sinnen in die Bayern-Kurve, riss die Eckfahne aus dem Boden und rastete völlig aus. Im Hamburger Stadion war es still. Die meisten Stadionbesucher – auch wir – fühlten mit den Schalker Anhängern, die ihre Meisterparty nach 4:38 Minuten wieder beenden mussten und sich fortan nur noch als „Meister der Herzen“ feiern lassen konnten.

Emotionales Auf und Ab ohne Happy-End

Fassungs- und sprachlos standen auch wir auf der Tribüne, allen voran natürlich unser Geburtstagskind. Die emotionale Achterbahnfahrt dieses nachmittags endete für uns und die Schalker ohne Happy-End und kostete viel Kraft. Wir mussten erst mal alles sacken lassen, entsprechend ruhig war es dann auch auf der Rückfahrt im Auto. Zuerst hörten wir noch aufmerksam, was Spieler, Verantwortliche und Experten zum Ausgang des letzten Spieltags auf NDR2 zu sagen hatten. Dann bat uns „Krahni“, das Radio auszumachen. Er konnte es einfach nicht mehr hören und wollte schnellstmöglich nach Hause. Dass dort Eltern und Großeltern auf ihn warteten und sein Bruder nach der Vizemeisterschaft auch noch die Schalke-Fahne herausgehängt hatte, waren natürlich auch keine Stimmungsaufheller.

Dramatik dieses Finales bislang unerreicht

Knapp 19 Jahre nach dem Ereignis steht der 19. Mai 2001 bei mir und meinen beiden Schulfreunden immer noch für das gemeinsame Erlebnis des denkwürdigsten Finales der Bundesliga-Geschichte, an das wir uns jedes Jahr aufs Neue wieder gern erinnern. Danach folgten zwar noch etliche weitere gemeinsame Stadionbesuche – in der Bundesliga, beim Confed Cup 2005, der WM 2006 oder der EM 2016, doch keine Partie reichte bisher wieder an die Dramatik dieses Bundesliga-Finales von 2001 heran.

VON CHRISTIAN BUCHHOLZ

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