Zum 60. Jubiläum des Filmklassikers „Der dritte Mann“

Wiener Unterwelten

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Der Prater in Wien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, Schiebereien mit dem begehrten Medikament Penicillin und Verfolgungsszenen – eine Führung an die orginal Drehorte von dem Film „Der Dritte Mann“ zeigt ein ganz anderes Wien.

Auch durch die Filmmusik von Anton Karas, dieser einprägsamen Zither-Melodie, wurde „Der Dritte Mann“ mit Joseph Cotton und Orson Welles in den Hauptrollen zum Weltklassiker. Noch heute, 60 Jahre später, wird der Film im Wiener Burgkino gezeigt. Zum Jubiläum begab sich Autor Peter Schwarz auf Spurensuche in die Wiener Unterwelt.

Ein sonniger Samstagvormittag in Wien . Am Naschmarkt , dem kulinarischen Herzen der Metropole mit Spezialitäten aus der ganzen Welt, tobt das Leben. Hausfrauen erledigen eilig ihre Einkäufe, bummelnde Touristen verstopfen die schmalen Gassen. In den zahllosen kleinen Restaurants sitzen die Gäste beim Frühstück im Freien.

Am Ende der Marktstraße wartet Brigitte Timmermann auf ihre Kunden. Die promovierte Historikerin wird uns in ein anderes Wien mitnehmen – eines, in dem es dunkel und kalt ist und übel riecht. Es geht in die Wiener Kanalisation. Ein nicht ganz ungefährliches Abenteuer. Ergießt sich plötzlich ein Gewitter über der Stadt, kann das rund 2300 Kilometer lange Kanalsystem binnen Minuten zur Falle werden. Ein Stadt-Bediensteter begleitet deshalb die Gruppe unterirdisch, ein zweiter wartet oben – für alle Fälle.

Über eine steile Wendeltreppe geht es hinunter in einen der parallel zum Wienfluss verlaufenden Sammelkanäle, mitten hinein in die Wiener Unterwelt. Fauliger Geruch empfängt uns, Lampen geben ein fahles Licht in den dunklen Gängen. Die Kanalröhre ist etwa zehn Meter hoch. Rauschen erfüllt die Röhre. Wer sich unterhalten will, muss laut sprechen, um einigermaßen verstanden zu werden.

Orson Welles soll die Dreharbeiten im Kanal gehasst haben.

Mit einem Geländer gut gesichert führt der Weg auf eine Brücke, zwei Meter tiefer fließt das braune Abwasser. Einer der Originaldrehorte des Films „Der Dritte Mann“ ist erreicht. Hier spielten sich die Verfolgungsszenen um Schwarzmarkthändler Harry Lime ab. Während die Kanal-Besucher hier heute im Trockenen stehen, mussten Schauspieler und Komparsen an dieser Stelle damals durch die stinkende Abwasserbrühe stapfen.

Orson Welles soll die Dreharbeiten im Kanal gehasst haben. Wann immer möglich, ließ er sich von einem Double vertreten. Er hatte nämlich panische Angst vor Ratten, von denen es etwa zwei Millionen in der Wiener Kanalisation geben soll. Sie verkriechen sich aber meist, so dass der normale Besucher keine zu Gesicht bekommt.

In nur fünf Wochen wurde der Film im Nachkriegs-Wien gedreht. Die Konflikte einer geteilten Stadt – Wien war bis 1955 unter den Siegermächten USA, Sowjetunion, Frankreich und England viergeteilt – spielen im Film eine wichtige Rolle. „Der Dritte Mann“ sei viel mehr als nur ein Thriller, sagt Brigitte Timmermann. Filmproduzent Alexander Korda, der mit Graham Greene das Drehbuch verfasst hat, habe mit dem Film ein Zeitdokument schaffen und der österreichischen Hauptstadt ein Denkmal gesetzt.

Bald setzt Brigitte Timmermann ihre Führung oberirdisch fort, zeigt uns das Haus, in dem Harry Lime gewohnt haben soll, den Hauseingang, in dem eine Katze seine Beine umstreifte, und die Litfasssäule, durch die er in den Untergrund verschwand. Abschließen sollte man den Stadtrundgang unbedingt im Dritte-Mann-Museum „3mpc“ beim Naschmarkt. Mehr als 2000 Ausstellungsstücke hat Museumsgründer Gerhard Strassgschwandtner hier zusammengetragen. Wertvollstes Exponat ist die Originalzither, auf der Anton Karas die weltbekannte Filmmusik einspielte. Mehr als 420 Coverversionen hat Strassgschwandtner bis heute von dem berühmten Lied gesammelt – darunter auch eine Einspielung der Beatles.

Die Reise-Infos Wien

REISEZIEL Wien ist die Bundeshauptstadt und zugleich eines der neun Bundesländer Österreichs. Im Großraum Wien leben etwa zwei Millionen Menschen, ein Viertel aller Österreicher.

ANREISE Mit dem PKW ab München (ca. 430 Kilometer), mit der Bahn (160 Euro hin und zurück ohne Ermäßigung) oder mit dem Flieger. Airberlin und Lufthansa fliegen ab München für ca. 100 Euro hin und zurück (bei frühzeitiger Buchung).

WOHN-TIPP Hotel Steigenberger „Herrenhof“, Herrengasse 10, Das Hotel liegt direkt am Ausgangspunkt zum Dritte-Mann-Stadtrundgang. Tel. 0043/1/53 40 40, im Internet:www.herrenhof-wien.steigenberger. at.

WIEN-KARTE 72 Stunden Wien mit zahlreichen Vergünstigungen und kostenlos U-Bahn-Fahren für 18,50 Euro.

STADTFÜHRUNGEN Seit 23 Jahren ist Dr. Brigitte Timmermann die Herrin der Wiener Unterwelt. Je nach Interesse der Teilnehmer dauert eine Führung drei bis fünf Stunden. Preis: ab 13,50 Euro mit Wien-Karte (s.o.) Treffpunkt am Naschmarkt oder nach Vereinbarung. Kontakt: Tel 0043/1/774 89 01, www.viennawalks.com.

KINO Im Burgkino (Opernring 19, Tel 0043/1/587 84 06, www.burgkino. at) wird „Der dritte Mann“ dreimal pro Woche in der englischen Originalversion gezeigt. Eintritt: 6 Euro.

MUSEUM Das Dritte-Mann-Museum 3mpc-Museum befindet sich in der Pressgasse 25, Telefon 0043/1/586 48 72, www.3mpc.net. Eintritt 7,50 Euro.

WEITERE INFOS Wien Tourismus, Tel. 0043/1/21 11 40, Internet: www.wien.info.

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