Eine Kindheit in Afrika

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Buchcover: Nicola Fullers bester Freund war ein Affe.

Schreiben ist für manche Zeitvertreib, für andere Beruf oder Berufung, oder auch einfach nur eine solide Art, sein Geld zu verdienen. Für die Britin Alexandra Fuller ist es Aufarbeitung.

Sowas wie Großputz in einem Leben, das voller Chaos war. Heimatlos ist sie in Zimbabwe, dem früheren Rhodesien, aufgewachsen, weil es die Heimat ihrer Eltern, das Afrika der Weißen, nicht mehr gab. Eine nach der anderen verschwanden die Kolonien Ende der 60er Jahre von der Landkarte. Die Geburt der neuen afrikanischen Staaten war schmerzlich, für alle Seiten. Auch für die, die immer dort gelebt hatten, obwohl sie eigentlich da nicht hingehörten. Wie Tim und Nicola Fuller, Alexandras Eltern.

Buchcover: Nicola Fullers bester Freund war ein Affe.

Als Kenia unabhängig wird, versucht das Paar kurzzeitig in England Fuß zu fassen. Um festzustellen, dass es auch dort nicht zu Hause ist. Also kehren sie mit Baby Alexandra nach Afrika zurück, nach Simbabwe, wo das Leben 20 Jahre lang ein einziger Kampf wird. Gegen Naturgewalten und Krieg. Der Vater zieht mit der Bürgerwehr an die Front und in Guerillakämpfe, die Mutter versucht, die Farm zu erhalten und die Familie zusammenzuhalten. Drei von fünf geborenen Kindern sterben. „Für uns“, sagte Alexandra Fuller einmal, „ging es nie um Sieg, es ging immer nur ums Überleben.“ Das verzweifelte Ringen um Normalität in einer Welt, die aus den Fugen geraten war.
Von Simbabwe sind die Fullers nach Malawi gezogen und von dort weiter nach Sambia. Hunde, Katzen, Matratzen und Kochtöpfe, den gesamten Hausstand auf einem Pickup. Afrikanische Nomaden mit weißer Haut auf der Suche nach einem Ort, um Wurzeln zu schlagen.
Alexandra Fuller heiratete einen Amerikaner, lebt heute in Wyoming. Doch es vergeht kein Jahr, an dem sie nicht zurückkehrt auf den Kontinent, der nicht ihre Heimat ist und nicht die ihrer Eltern, aber von dem alle, die einmal dort gelebt haben, nicht mehr loskommen. Tim und Nicola Fuller betreiben heute eine Farm in Sambia. Dort steht der Baum des Vergessens, unter dem sich die Familie, sofern sie zusammen ist, abends zum Sonnenuntergang trifft.

„Unter dem Baum des Vergessens“, so heißt auch das dritte autobiographische Buch von Alexandra Fuller, das gerade bei Goldmann erschienen ist. Es ist eine Hommage an ihre Mutter, die aus Liebe zu Afrika beinahe den Verstand verloren hätte.

Es ist die Intensität, die ein Leben ausmacht und nicht die Zeit, die man dafür auf der Erde verbringt. Alexandra Fuller ist heute 44 Jahre alt, aber die Tiefe, mit der sie über ihre Kindheit in Afrika schreibt, ist die einer weisen alten Frau. Lesenswert? Auf alle Fälle, auch für die, die die Länder Afrikas bisher nur als romantische Safariziele gesehen haben.

Christine Hinkofer

DAS BUCH


„Unter dem Baum des Vergessens“ von Alexandra Fuller ist bei Goldmann erschienen. ISBN 978-3-442-31287-0; Preis: 19,99 Euro.

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