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Gibt es Wertpapiere, die das Depot stabilisieren?

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Krisenfest
Gelassen statt hektisch: Gewisse Schwankungen im Depot sollten langfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger aushalten. © Christin Klose/dpa-tmn

Corona-Krise, Ukraine-Krieg und Inflation rütteln den Kapitalmarkt ordentlich durch. Es scheint kaum Wertpapiere zu geben, die sich von den Unsicherheiten unbeeindruckt zeigen. Oder etwa doch?

New York/Düsseldorf/Ludwigshafen - Beim Blick ins Depot müssen Anlegerinnen und Anleger in Krisenzeiten besonders starke Nerven beweisen. Denn die Schwankungen sind mitunter enorm. Manch einer wünscht sich dieser Tage womöglich mehr Stabilität im Portfolio. Gibt es Branchen, die weniger sensibel auf Unsicherheiten reagieren?

Das Unternehmen S&P Dow Jones Indices ist der Frage im Jahr 2020 auf den Grund gegangen. Untersucht wurde, wie einzelne Sektoren bei schweren Einbrüchen am Aktienmarkt in der Vergangenheit abgeschnitten haben.

Das Ergebnis der Studie: Während der Asienkrise 1998, der Dotcom-Blase ab 2000, der Finanzkrise ab 2007 und der Corona-Pandemie ab 2020 gab es drei Branchen, die jeweils noch zulegen konnten als der breite Markt Verluste anzeigte - Basiskonsumgüter, Gesundheitswesen und Versorger.

Entwicklung defensiver Sektoren hinkt bei Aufschwung hinterher

Den Studienautoren zufolge gehören zum Konsumgütersektor etwa Unternehmen, die Waren und Dienstleistungen im Bereich Lebensmittel, Getränke und kurzlebige Haushaltsprodukte anbieten. Der Gesundheitssektor umfasse Unternehmen, die medizinische Produkte und Dienstleistungen anbieten. Und dem Versorgungssektor seien Produzenten und Lieferanten von Strom, Gas und Wasser zuzuordnen.

All diese Güter der sogenannten defensiven Branchen benötigten Menschen fortwährend, so die Schlussfolgerung. Die stabile Nachfrage mache diese Aktiensektoren weniger anfällig für Konjunkturzyklen und widerstandsfähiger gegen Marktabschwünge.

Doch die Stabilität zu Zeiten des Abschwungs kann in Zeiten des konjunkturellen Aufschwungs Rendite kosten: „Man kann nicht generell sagen, dass die defensiven Branchen sich gegenläufig zu anderen Sektoren entwickeln“, sagt Nicolas Pilz, Geschäftsführer der Societas Vermögensverwaltung in Düsseldorf. „Jedoch hinkt die Entwicklung in Zeiten des Aufschwungs häufig spürbar hinterher.“

Betrachtet man lange Zeiträume, sei die Performance der defensiven Aktiensektoren darum eher schlechter als die eines breiten Referenzindizes, sagt Martin Stötzel, Geschäftsführer der Vermögensverwaltung Rhein Asset Management.

Aktives Anlagemanagement schafft keinen Mehrwert

Was also tun mit den Erkenntnissen? Wer sich bereits früher intelligent und verantwortungsvoll aufgestellt hat, muss aufgrund von Krise, Inflation und Krieg nichts, aber auch gar nichts ändern, sagt Hartmut Walz, Finanzökonom an der Hochschule Ludwigshafen. Intelligent und verantwortungsvoll bedeutet in diesem Fall: „Anleger sollten maximal breit diversifizieren und auf jegliche Form der Spekulation und des Tradings verzichten.“

Walz zufolge haben Wirtschaftsnobelpreisträger in den vergangenen Jahren zweifelsfrei bewiesen, dass es mit aktivem Anlagemanagement nicht möglich ist, den Markt zu schlagen und das Risiko-Ertrags-Verhältnis zu verbessern.

Auch Nicolas Pilz empfiehlt, bei der Portfolio-Zusammensetzung besser auf einen guten Mix zu achten, damit das Depot in jeder Marktphase ausgewogen reagiert. „Eine Portfoliostruktur sollte nicht versuchen den Marktentwicklungen hinterherzulaufen“, so der Vermögensverwalter. Für langfristig orientierte Anleger gelte es ohnehin, gewisse Schwankungen auszuhalten, sagt Martin Stötzel.

Statt auf Einzelaktien besser auf Indexfonds setzen

Wer jetzt erst damit beginnt, sich ein Portfolio aufzubauen, kann aber sehr wohl defensive Wertpapiere in sein Depot integrieren. Pilz rät jedoch, kein größeres Gewicht auf Einzelaktien zu legen, da auch hier unternehmensspezifische Themen die Entwicklung massiv beeinflussen könnten. „Nicht jede Versorger-Aktie schneidet zum Beispiel im aktuellen Umfeld gut ab.“

Für Privatanleger bieten sich daher eher Branchen-ETF an. Sie bilden die Entwicklung mehrerer Unternehmen einer Branche ab. Diese gibt es von verschiedenen bekannten Anbietern.

Bei der Gewichtung der Sektoren spielt der persönliche Anlagehorizont und die eigene Risikotragfähigkeit eine große Rolle, sagt Martin Stötzel. Er rät bei einem Anlagehorizont von zehn Jahren und mehr langfristige Wachstumsthemen deutlich überzugewichten und defensive Aktiensektoren nur selektiv einzusetzen. Zu den langfristigen Wachstumsthemen gehören ihm zufolge etwa die Themen Digitalisierung, Klima und Umwelt.

„Bei kürzeren Anlagehorizonten empfiehlt sich ein ausgewogener Mix aus defensiveren Aktiensektoren und Wachstumsthemen“, sagt Stötzel. Soll das investierte Kapital zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder zur Verfügung stehen, sei es zudem nicht ratsam, zu viel Schwankung ins Portfolio aufzunehmen. Zu groß ist das Risiko, eine ungünstige Marktphase zu erwischen und so einen geringen Verkaufserlös zu erzielen.

Kursrückgänge bieten Chance für günstigeren Einstieg

Wann aber ist der beste Zeitpunkt für einen Kauf? „Es gibt keinen besten Zeitpunkt“, sagt Finanzökonom Hartmut Walz mit Verweis auf wissenschaftliche Erkenntnisse. „Market Timing ist eine Form der Spekulation und schafft keinen Mehrwert.“ Kursrückgänge bieten laut Nicolas Pilz zwar „naturbedingt immer die Chance für einen günstigeren Einstieg“. „Aber abzuwarten, und auf günstigere Bewertungen zu setzen, hat in den letzten Jahren kaum funktioniert“, sagt Martin Stötzel.

Stabiles Depot?
Große Schwankungen am Aktienmarkt? Sektoren des täglichen Bedarfs sind dagegen eher immun. © Frank Rumpenhorst/dpa-tmn

Ein guter Rat kann sein, in regelmäßigen Abständen und mehreren Tranchen einzusteigen - mit einem Sparplan etwa lässt sich das gut realisieren.

Spekulative Anleger sollten besser umschichten

Wer in Zeiten der Krise merkt, dass er zuvor spekulativ aufgestellt war und sich damit verzockt hat, sollte jetzt ganz langsam und in kleinen Schritten in Richtung eines prognosefreien Investmentstils umschichten, rät Hartmut Walz. Aber ohne Hektik und ohne hohe Kosten zu verursachen. „Es macht eben wenig Sinn, kräftig auf die Bremse zu treten, nachdem man in der Radarfalle geblitzt wurde.“ dpa

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