Risiko Ruhestand

Alkoholsucht im Alter - ein gefährliches Tabu

+
Auch wenn Alkoholsucht im Alter nicht thematisiert wird, bleibt sie ein Risiko, warnen Experten.

Angesichts der Statistiken über junge Kampftrinker wird die Gefahr für Alkoholsucht bei Senioren oft unterschätzt. Experten warnen besonders vor Wechselwirkungen mit Medikamenten.

Alkoholmissbrauch kommt in allen Altersgruppen vor. Als jugendliche "Komasäufer" treten zwar die 14- bis 29-Jährigen vermehrt in Erscheinung, doch exzessives Rauschtrinken ist nicht die einzige Form einer möglichen Alkoholsucht: Menschen, für die stetiges Alkoholtrinken zum Alltag gehört, bilden eine gefährliche Lücke in der Statistik. Insbesondere der Altersgruppe ab 65 wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt.

Nach Daten des Bundesamtes für Statistik wurden im Jahr 2010 insgesamt 12.345 Über-60-Jährige nach einem Alkoholrausch aus deutschen Krankenhäusern entlassen. Bei einem Anteil von rund 11 Prozent an 115.436 Eingewiesenen aus allen Altersgruppen sind Senioren damit keine charakteristischen Rauschtrinker.

Genauer betrachtet lassen diese Zahlen aber eine verdeckte Gefahr erkennen: Von 333.357 Personen, die 2010 nach alkoholbedingten "psychischen und Verhaltensstörungen" entlassen wurden, waren insgesamt 22.668 über 64 Jahre alt. Diese Zahlen beziehen sich aber nur auf den Hauptgrund der ärztlichen Behandlung. Gerade alte Menschen kämpfen meist mit einer Vielzahl gesundheitlicher Probleme, von denen nur eines, das gravierndste, in der Statistik erfasst wird. In anderen Worten: Obwohl ein Patient möglicherweise alkoholkrank ist, wird er vorrangig als "Alterspatient" mit Herz- oder Augenproblemen gesehen.

Alkoholsucht - ein Diagnose-Tabu

Auch bei der Diagnose kann diese Perspektive eine Rolle spielen - Anzeichen eines riskanten Umgangs mit Alkohol werden von Ärzten bei der Untersuchung möglicherweise vernachlässigt. Schließlich gehört der regelmäßige Konsum von Bier und Wein, etwa bei Festen, in Deutschland zum sozialen Alltag und ist gesellschaftlich akzeptiert: Alte Menschen hätten es sich verdient, ihren Lebensabend zu genießen. Vielfach wird Alkohol sogar als gesundheitsförderlich angesehen. Verbreitet ist etwa die Kunde, dass Rotwein das Herzinfarkt-Risiko senkt. Jedoch wird die empfohlene Menge an Wein dabei oft überschätzt.

Eine Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2010 weist dementsprechend 18,5 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer ab 65 als "Risikotrinker" aus. Als riskant gilt ein Tageskonsum von über 12 Gramm reinen Alkohols bei Frauen beziehungsweise über 24 Gramm bei Männern, gemessen in den letzten 30 Tagen. Mehr als ein Glas Bier oder Wein - für Männer zwei - darf es für Senioren nach diesem Richtwert pro Tag nicht sein.

Eintritt in die Rente - oft ein Einstieg in die Sucht

Besonders viele Risikotrinker über 64 gibt es, laut der Studie, in der oberen Bildungsgruppe. Als Hauptgrund nennen Experten den Eintritt in den Ruhestand: Mit dem Ausstieg aus der Arbeitswelt kommt für viele Senioren ein Mangel an ausfüllenden Tätigkeiten sowie das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. „Es ist auch eine persönliche Herausforderung zu spüren, dass die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit bisweilen nachlässt“, so der Geschäftsführer der Landeszentrale für Gesundheitsförderung Rheinland-Pfalz, Jupp Arldt.

Zudem sind Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter nicht nur vermehrt mit der Einschränkung oder dem Verlust sozialer Kontakte, sondern auch mit dem Thema Tod konfrontiert. Das kann zu Einsamkeitsgefühlen und Depressionen führen - und auf diesem Weg auch in die Abhängigkeit.

Besonders gefährlich ist laut Arldt die Kombination von Alkohol und Medikamenten. Denn Alkohol verstärkt die Wirkung von Arzneimitteln, die typischerweise von älteren Patienten eingenommen werden müssen. Dazu zählen Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie starke Schmerzmittel. Bei alten Menschen verlangsamt sich zudem der Abbauprozess von Wirkstoffen im Körper. Dass bei Schmerzmitteln und Stimmungsaufhellern schnell eine körperliche Gewöhnung eintritt und die Dosis gesteigert werden muss, erhöht die Gefahr einer Abhängigkeit weiter.

Aufklärung & Hilfe von Angehörigen wichtig

Jupp Arldt hält deswegen mehr Aufklärung über Nebenwirkungen von Seiten der Ärzte für notwendig. Außerdem sollten Apotheker sich Zeit nehmen, ihren Patienten die Beipackzettel ihrer Medikamente zu erklären. Auch die Beipackzettel selbst seien verbesserungswürdig: Sie müssten verständlich und in großer Schrift geschrieben sein.

Genauso wichtig ist die Hilfe der Angehörigen von Senioren. Für sie ist eine Alkoholsucht nicht immer leicht zu erkennen, da die Betroffenen sich ihr Problem oft nicht bewusst machen oder die Symptome verschleiern. „Sie versuchen, ihre Sucht zum Trinken zu verbergen und sich und anderen durch Abstinenzversuche zu beweisen, dass sie ihren Alkoholkonsum unter Kontrolle haben. Sind die Probleme nicht mehr zu übersehen, neigen Sie zur Bagatellisierung und Verdrängung", weiß Dr. Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP).

Bei dem Verdacht auf eine Alkoholabhängigkeit solle man mit dem Betroffenen das offene Gespräch suchen und ihn ermutigen, sich bei einer Beratungsstelle oder beim Psychiater Hilfe zu holen. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) bietet auf dem Internetportal "Unabhängig im Alter" eine elektronische Suchfunktion nach Beratungsstellen und Informationsbroschüren an. Auch das Bundesgesundheitsministerium informiert über Diakonieeinrichtungen in ganz Deutschland, die auf den Umgang mit der Sucht bei älteren Menschen spezialisiert sind. „Es existieren in Deutschland Suchtkliniken, die sich speziell auf die Behandlung älterer Menschen spezialisiert haben und spezifische Angebote für diese Altersgruppe bereithalten“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Martin Haupt, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP). Mit einer erfolgreichen Therapie der Sucht verbessert sich nicht nur der Gesundheitszustand der Patienten, sondern auch ihre Lebenqualität verstärkt sich.

est

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare