Ängste können Schwindel auslösen

+
Auf den Magen geschlagen: Stress kann Bauchschmerzen verursachen.

Der Begriff der Psychosomatik stellt eine Verbindung zwischen dem seelischen Erleben (Psyche = sinngemäß Seele) und der körperlichen Befindlichkeit (Soma = Körper) her.

Dass unser Körper und unsere Seele untrennbar miteinander verbunden sind, war seit der Antike bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts im Bewusstsein der Menschheit fest verankert. Auch an Hand vieler Zitate aus dem Volksmund wie: „Das schlägt auf den Magen“ oder „Sich vor Angst in die Hose machen“ lässt sich dies nachvollziehen.

Ein gesunder Körper ermöglicht eine „Erweiterung“ des seelischen Erlebens. Wir fühlen uns in einem gesunden Körper wohl, da er uns auch die Umsetzung unserer Wünsche durch Handlungen ermöglicht. Körperliches Wohlgefühl regt den Geist an und entspannt die Seele. Schmerzen hingegen können uns in Stress versetzen oder uns „erheblich auf die Stimmung schlagen“.

Neben Körperfunktionen und -prozessen, die wir willkürlich steuern können, wie zum Beispiel das Heben des Armes oder die Beschleunigung unseres Ganges, gibt es vitale Prozesse, die unwillkürlich geschehen und ohne unser Bewusstsein geregelt werden. Dazu gehören neben dem Herzschlag auch Verdauungsprozesse und die Regelung der Atmung. Das Zusammenspiel zwischen Körper und Seele ist sehr komplex. Durch Forschungen ist ist eine Schwächung des Immunsystems durch Stress gut belegt.

Ebenso „automatisch“ laufen auch Angstreaktionen, die hier exemplarisch herausgestellt werden sollen, ab. So beschleunigen sich bei dem Auftreten von Angst automatisch der Herzschlag und die Atmung, die Pupillen verengen sich, der Blutdruck steigt. Es handelt sich dabei um eine Form der Stressreaktion. Diese Prozesse laufen unbewusst als eine Art körperliches und psychisches Wechselspiel ab. Eine auf diese Weise unerwartet auftretende körperliche Reaktion kann einigen Menschen zusätzliche Angst bereiten, wenn solche Zustände etwa als eine Panikreaktion bei Einkäufen als Ausdruck unbewusst erlebter Ängste auftreten. Es entsteht dann das Gefühl, die Kontrolle über sich zu verlieren. Auch andere soziale Situationen können Menschen manchmal in Ängste versetzen, ohne dass diese einen Zugang zur Ursache des Geschehens haben.

Wenn wir mir einer uns irritierenden Situation konfrontiert sind, gelingt es Menschen je nach Betroffenheit und jeweiliger persönlicher Voraussetzung in unterschiedlicher Weise, mit dieser Herausforderung umzugehen. Wenn wir in Situationen hineingeraten, die wir als bedrohlich erleben, fühlen wir uns manchmal hilflos und überfordert. Dies können sowohl Verlusterlebnisse (zum Beispiel der Tod des Partners), aber auch chronische Überlastungen wie zum Beispiel starke Belastungen am Arbeitsplatz sein.

Die Psychosomatik betrachtet jeden Menschen vor dem Hintergrund seiner individuellen lebensgeschichtlichen Entwicklung und aktuellen Lebenssituation. So hat jeder eigene Ansichten und gestaltet damit sein eigenes Umfeld. Jeder Mensch hat andere Wünsche und Hoffnungen und nimmt die Welt anders wahr. Des weiteren ist der Mensch ein soziales Wesen, das kontinuierlich durch Beziehungserfahrungen lernt, das aber auch durch genetische, das heißt erbliche Voraussetzungen geprägt ist.

Die Psychosomatik und Psychotherapie greift die persönliche Entwicklung und die Beziehungsgestaltung der Hilfesuchenden auf, um über psychotherapeutische Behandlungsmethoden einen Zugang zu der oftmals als fremd erlebten Erkrankung herzustellen. Dabei kann es sich um Symptome wie Angst oder Depression, aber auch um vorwiegend körperliche Beschwerden wie häufigen Durchfall, Gelenkbeschwerden, Schwindelsymptomatik oder unklaren Bluthochdruck handeln, die als Ausdruck einer chronischen Stresssymptomatik zu verstehen sind.

Dabei können unterschiedliche therapeutische Verfahren zum Einsatz kommen. Zuvor wird allerdings durch medizinische diagnostische Maßnahmen nach den Ursachen etwa eines unklaren Schwindels geforscht. Daran sind unterschiedliche medizinische Fachgebiete wie die Neurologie beteiligt. Fallbeispiel:

Herr H. klagt seit längerem über regelmäßig auftretende Schwindelattacken, sobald er sich von der Arbeit nach Hause kommend zur Ruhe begeben will. Eine neurologische und auch HNO-ärztliche Untersuchung können hierfür keine körperlichen Auslöser nachweisen. Da dem Hausarzt bekannt ist, dass Herr H. vor einigen Monaten seine Frau unter dramatischen Umständen bei einem Unfall verlor, überweist er ihn zur weiteren Diagnostik zu einem Psychiater, der mit Herrn H. ein längeres Gespräch führt. Dabei fällt auf, dass Herr H. durch den Tod seiner Frau erheblich verunsichert ist. Diese hatte viele Dinge des Alltags für ihn geregelt. Durch den Tod der Ehefrau ist Herrn H. „der Boden unter den Füßen weggezogen worden“. Herr H. begibt sich auf Anraten hin in eine psychotherapeutische Behandlung, in der es ihm gelingt, einen Zusammenhang zwischen dem Schwindel und seinen unbewussten Ängsten und einer schon längere Zeit bestehenden Selbstunsicherheit herzustellen. Im weiteren Verlauf gelingt es Herrn H., sein Leben selbstständiger zu gestalten. Die Schwindelsymptomatik tritt nur noch äußerst selten auf und wirkt sich nicht mehr angstauslösend aus, da Herr H. inzwischen lernen konnte, einen Umgang mit Unsicherheit zu finden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare