Ineos Automotive

Der neue Grenadier: Außen Defender, innen BMW

So muss ein echter Offroader aussehen. Die Türenbeschläge sind sichtbar, die seitlichen Dachfenster nah am Original.
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So muss ein echter Offroader aussehen. Die Türenbeschläge sind sichtbar, die seitlichen Dachfenster nah am Original.

Der Defender feiert Wiederauferstehung. Als Grenadier sieht er dem von Land Rover eingestellten Original verblüffend ähnlich. Und auch technisch gesehen hat der Newcomer so einiges unter der Haube.

  • Englands reichster Mann lässt den Ur-Defender wieder bauen.
  • Sechszylinder-Motoren von BMW* treiben den Grenadier an.
  • Er soll auch das anspruchsvollste Gelände der Welt meistern.

Es war keine Schnapsidee. Es war eine Bier-Idee. Geboren bei einem Pint Gerstensaft im Londoner Traditionspub „The Grenadier“. Und zwar kurz nachdem Land Rover den Defender in seiner Ur-Form eingestellt hatte. Wie tausende andere Landy-Fans auch wollte sich der Unternehmer und reichste Mann Englands, Jim Ratcliffe, nicht mit dem Ende der britischen Geländewagen-Legende abfinden und gründete kurzerhand Ineos Automotive, ein Tochterunternehmen der Ineos Group. Geld ist genügend da. Schließlich erwirtschaftet Ineos (unter anderem auch Formel-1-Sponsor) jährlich rund 60 Milliarden Dollar in 34 Geschäftsbereichen mit seinen Chemie-Produkten: von Kunststoffen, Textilien, Farben bis hin zu Medizinprodukten und Mobiltelefonen. Zu Ratcliffes Besitz zählt nicht nur die 100-Millionen-Yacht Hampshire II, sondern auch der französische Fußballclub OGC Nizza.

Ineos Grenadier: Die Reinkarnation des Defenders

Runde Schweinwerfer, kantige Kotflügel. Der Grenadier erinnert stark an die Urform des Land Rover Defenders.

Knapp zwei Jahre nach der Bier-Idee und einer ersten Skizze, passenderweise auf einem Bierdeckel ausgeführt, hat Ineos jetzt erstmalig das Design des „Grenadier“ genannten Fahrzeugs gezeigt. Und siehe da: Der Geländewagen sieht überraschend wenig überraschend aus. So wie man sich einen guten alten Defender in einem etwas moderneren Blech-Gewand vorstellt. Kantig, klar, rau. Mehr Kumpel als SUV. Runde Frontscheinwerfer und Hecklichter, rechtwinklige Kotflügel zum Sitzen und das Reserverad ist auf der Hecktür montiert. Der Defender 110 lässt grüßen. Bei einer virtuellen Pressekonferenz betonte Ineos-Vorstandsmitglied Dirk Heilmann die Ausrichtung des Grenadiers auf Zweckmäßigkeit und Geländegängigkeit. „Das ist ein Arbeits- und kein Lifestyle-Gerät“, sagte er. Und so musste sich der Design-Prozess den Anforderungen der Technik unterordnen. 

Ineos Grenadier: Funktionalität vor Optik

Das Dach ist für Fracht oder Zelt reserviert. Deshalb gibt es nur ganz kleine Sonnenfenster für Fahrer und Beifahrer und kein Panomrama-Glasdach.

„Form follows function“ war, wenn man sich das Ergebnis so ansieht, keine hohle Marketing-Phrase, sondern tatsächlich eine strikte Vorgabe. Der Kofferraum ist tatsächlich so geräumig, dass eine Euro-Palette darin Platz hat, wie Heilmann sagt. Und es gibt auch kein durchgehendes Panorama-Glasdach, sondern nur zwei kleinere Dachfenster über Fahrer- und Beifahrersitz. Das Dach ist der Fracht vorbehalten, für Abenteuer-Touren oder etwa einem Zelt. Für diesen Zweck gibt es auch wieder die gute alte Metall-Tritt-Leiter am Heck. Die Türen sind asymmetrisch, damit man auch mal kleine Dinge hinten schnell verstauen kann, ohne die schwere und große Hecktür aufzuschwingen, was in engen Parkplätzen manchmal ein Problem ist. Bei den Dimensionen des Fahrzeugs orientiert man sich an der G-Klasse von Mercedes. Zumindest beim Radstand. Ansonsten heißt es: „As narrow as possible“ - so schmal wie möglich.

Asymetrische Hecktüren, Reserverad hinten, Trittleiter für oben. Der Grenadier wurde konsequent als Geländewagen entwickelt.

Wie es im Inneren des Fahrzeugs aussieht, hat Ineos noch nicht verraten. Es soll allerdings ebenfalls funktional sein, so dass man es mit einem Gartenschlauch reinigen kann. Aber technisch gesehen natürlich auf der Höhe der Zeit, was digitale Ausstattung und Konnektivität angeht. Das gilt auf für die Fahrzeugassistenten. „Alles was nötig ist“, heißt es bei Ineos. Etwas konkreter sind die Aussagen bei der Hardware. Hier greifen die Briten auf bereits vorhandene europäische Ingenieurskunst zurück. Unter der Haube schlägt beispielsweise ein weiß-blaues Herz. Die Motoren, ob Diesel oder Benziner allesamt 6-Zylinder, werden von BMW zugesteuert. Der Antriebsstrang des X6 soll dabei Pate gestanden haben.

Glatte Flächen und Kotflügel zum Sitzen. Der Grenadier wurde als Arbeitstrier und nicht als Lifestyle-Gerät konzipiert.

Die Fahrzeugentwicklung wird von Magna-Steyr begleitet. Entsprechendes Know-How ist ausreichend vorhanden. In Graz wird auch die G-Klasse von Mercedes entwickelt und gebaut. Und das Achtgang-Automatikgetriebe kommt vom Bodensee, von ZF aus Friedrichshafen. Das Chassis wird, wie soll es anders sein auf der Basis eines Leiterrahmens gebaut. Und natürlich gibt es Starrachsen mit Sperrdifferentialen und permanentem Allradantrieb. Erste Prototypen des Grenadiers sind bereits in der Weltgeschichte unterwegs, um den Ansprüchen von Jim Ratcliffe gerecht zu werden, der einen „leistungsfähigen, robusten und verlässlichen Offroader“ haben wollte, „der auch das anspruchsvollste Gelände der Welt meistern kann“. Rund 1,8 Millionen Kilometer sollen dazu abgespult werden, in den unwirtlichsten Gegenden der Welt.

Soll auch in den unwirtlichsten Gegenden der Welt seinen Mann stehen: Der Grenadier hat einen Leiterrahmen, Starrachsen und permanenten Allradantrieb.

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Wann kommt der Grenadier auf den Markt?

Wenn alles glatt läuft, soll der Produktionsstart Ende 2021 sein. Das Auto wird erst in England und Europa ausgeliefert, dann geht es nach Übersee. Rund 25.000 Fahrzeuge können im Werk in Bridgend (Wales) jährlich vom Band laufen. Der Preis soll weit unter dem des neuen Defenders von Land Rover, der von der Optik her als „zu rund gelutscht“ kritisiert wird, liegen. Beim Defender geht es bei knapp 50.000 Euro los. Spekuliert wird über rund 34.000 Euro für das Grenadier-Basismodell.

Ausblick in die Zukunft. Die Hersteller des Grenadier, Ineos Automotive, können sich wohl auch einen Pick-up vorstellen.

Ob der Grenadier-Geländewagen eine Elektro-Zukunft haben wird, steht noch in den Sternen. Natürlich gab es Überlegungen, letztendlich hat man die E-Pläne verworfen. Die Reichweiten seien noch zu gering und, wo bitte, soll der Abenteurer mitten in der Wüste Gobi eine Ladesäule finden? Was die Brennstoffzelle angeht, die quasi selbst den Strom an Bord produziert, da sehen die Ineos-Leute mehr Chancen. „For the nex generation“, heißt es da. Das nennt man britischen Optimismus. Die erste Generation ist noch gar nicht unterwegs, und schon wird über den Nachfolger nachgedacht. (Rudolf Bögel) *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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