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Ansichtssache: Ist Weihnachtsbeleuchtung dieses Jahr ein No-Go?

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Von: Max Müller, Anna-Katharina Ahnefeld

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Weihnachtsbeleuchtung in diesem Jahr „an“ oder „aus“? Darüber sind sich unsere Redakteurin und unser Redakteur uneins.
Weihnachtsbeleuchtung in diesem Jahr „an“ oder „aus“? Darüber sind sich unsere Redakteurin und unser Redakteur uneins. © Michael Kappeler/dpa/IPPEN.MEDIA (Montage)

Der Winter kommt und Energie wird knapp und teuer. Die Deutsche Umwelthilfe findet es daher „selbstverständlich“, auf Weihnachtsbeleuchtung zu verzichten. Stimmt doch auch! Oder etwa nicht? Eine An-Aus-Debatte.

Mit Blick auf die Energiekrise und den Krieg in der Ukraine rief der Chef der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, zu Verzicht auf. Weihnachtsbeleuchtung aus – das sollte in diesem Winter eine „Selbstverständlichkeit“ sein, sagte er kürzlich. Doch gerade Weihnachten ist für viele Menschen ein sprichwörtlicher Lichtblick. Balsam für krisengebeutelte Seelen in unsicheren Zeiten. Und auch fürs Weihnachtsgeschäft wären dunkle Innenstädte wohl eher kontraproduktiv. Ist ein dunkles Weihnachten wirklich selbstverständlich? Die Standpunkte der Debatte: 

Lichter aus! Ein „Weiter so“ funktioniert nicht mehr, ist Politik-Redakteurin Katharina Ahnefeld überzeugt.

Katharina Ahnefeld schreibt als Redakteurin für IPPEN.MEDIA in Köln am liebsten über internationale Politik mit Fokus auf globale Probleme und systemische Missstände.
Katharina Ahnefeld schreibt als Redakteurin für IPPEN.MEDIA in Köln am liebsten über internationale Politik mit Fokus auf globale Probleme und systemische Missstände. © IPPEN.MEDIA

Natürlich ist Weihnachtsbeleuchtung „an“ oder „aus“ eine emotionale Angelegenheit. Die Deutsche Umwelthilfe weist mit Recht darauf hin, dass die Lichter zum Fest jährlich mehr Strom verbrauchen als mittelgroße Städte. Das ist eine absurde Menge Elektrizität. Wird der „Verzicht“ die Energiekrise lösen? Nein – für sich genommen genauso wenig wie kaltes Duschen. Aber er setzt ein Zeichen.

Denn die Idee ist richtig. Wir befinden uns in einer Energiekrise, in Europa tobt Krieg, die deutsche Wirtschaft steuert in eine Rezession – ganz zu schweigen von der Klimakatastrophe. Genau deswegen gilt: unnötige künstliche Lichter aus! Als Zeichen, dass die Krisen dieser Welt uns etwas angehen und dass unser Handeln Konsequenzen hat. Als Symbol, dass jeder kleine Beitrag zählt. Dass ein „Weiter so“ nicht mehr funktioniert – und unsere „Normalität“ grell beleuchteter Konsum-Hochburgen angesichts von Krieg und Klimakrise nicht mehr tragbar ist.

„Die fetten Jahre sind vorbei“

Genau deswegen ist der Begriff „Verzicht“ von Umwelthilfe-Chef Resch problematisch. Ausgeschaltete Lichter sind kein Verzicht, sondern eine Notwendigkeit. Damit unser Planet auch in Zukunft noch bewohnbar sein wird.

Schön machen kann man es sich zu Weihnachten übrigens auch ohne Elektrizität. Man kann Teelichter anzuzünden, Strohsterne aufhängen, Weihnachtslieder singen oder welchen lauschen. Auf solche Dinge, die eine schöne Atmosphäre schaffen, soll wirklich niemand verzichten müssen.

Es ist bedenklich, dass unser Seelenheil von künstlich erleuchteten Straßenzügen abhängig sein soll, von einem Überfluss, der längst nicht mehr zeitgemäß ist. Die fetten Jahre sind vorbei. Das müssen wir endlich begreifen. Setzen wir bei der (ausgeschalteten) Weihnachtsbeleuchtung ein Zeichen für mehr Nächstenliebe. Denn darum geht es doch an Weihnachten.

Lichter an! Dunkle Innenstädte sind maximal Symbolpolitik, argumentiert Redakteur Max Müller

Max Müller berichtet für IPPEN.MEDIA aus Köln über alles, was die Gesellschaft bewegt.
Max Müller berichtet für IPPEN.MEDIA aus Köln über alles, was die Gesellschaft bewegt. © IPPEN.MEDIA

Mit dem Begriff „Selbstverständlichkeit“ sollten wir vorsichtig umgehen. Was ist schon selbstverständlich? In diesen Zeiten leider immer weniger. Es ist vor allem die Formulierung, mit der Umwelthilfe-Chef Jürgen Resch danebenliegt. Angesichts der Energiekrise forderte er: „In diesem Winter sollte es eine Selbst­verständlichkeit sein, dass sowohl auf die Weihnachts­beleuchtung in Städten als auch auf die der Häuser und Wohnungen verzichtet wird.“ Allein die privaten „Beleuchtungsorgien“ würden pro Jahr einen Strom­verbrauch von über 600 Millionen Kilowattstunden Strom verursachen – so viel, wie eine Stadt mit 400.000 Einwohnern im Jahr verbrauche.

„Wie viel mehr Energie wird verbraucht, wenn die Weihnachtsgeschenke alle geliefert werden müssen?“

Klingt erstmal überzeugend. Aber Zahlen funktionieren nur im Kontext – und den lässt Resch weg. Denn: Was bedeuten die 600 Millionen Kilowattstunden konkret? Wie viel weniger Geld landet am Ende in Putins Tasche? Wie stark ist der bremsende Effekt auf den Klimawandel? Und wie viel mehr Energie wird verbraucht, wenn fast alle Menschen ihre Weihnachtsgeschenke online bestellen und sie sich liefern lassen, weil sie keine Lust auf dunkle Innenstädte haben? 

Und noch etwas hat Resch vergessen: Dunkle Innenstädte würden wahrscheinlich dafür sorgen, dass mehr Menschen zu Hause bleiben – wohl kaum bei Kerzenschein, ausgeschalteten Elektrogeräten und einer (kalten) Dose Ravioli. Sprich: Energie an einer Stelle zu sparen, kann bedeuten, dass sie an anderer Stelle verbraucht wird.

Wenn man dann noch an die Menschen denkt, deren Seelen in diesen unsicheren Zeiten Halt und Sinnstiftendes im vorweihnachtlichen Glitzermeer finden, hat die Gesamtrechnung mehr Variablen als Reschs simples Sparziel von 600 Millionen Kilowattstunden.

Resch macht es sich sehr einfach: Schluss, aus, dieses Jahr keine Lichter, basta! Das allerdings ist keine Debattenkultur. Er sollte seine Argumente prüfen, sie unaufgeregt vortragen und Zahlen kontextualisieren. Das wäre dann tatsächlich eine Selbstverständlichkeit.

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