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Gegenoffensive rund um Cherson: „Systematische Zermürbung von Putins Armee“

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Von: Alexander Gottschalk

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Im Süden des Landes ist die Ukraine in die Offensive gegangen. Die Gefechte dort dürften sich nach Kiews Kalkül aber noch hinziehen.

Frankfurt/Kiew - Die Ukraine muss sich auf eine langwierige Gegenoffensive in der Region Cherson im Süden des Landes einstellen. Das machte Oleksiy Arestovich, Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenkyj, gemäß US-amerikanischen Medienberichten in den vergangenen Tagen klar. Laut der Zeitung Wall Street Journal beschrieb er die aktuelle militärische Strategie als „systematische Zermürbung von Putins Armee“.

Arestovich sagte demnach, Kiews Streitkräfte arbeiteten daran, das logistische Versorgungssystem der russischen Armee ausfindig zu machen und mit Artillerie und sogenannten HIMARS, von den USA bereitgestellten Raketensystemen, zu zerstören. Dieser Prozess könne einige Zeit in Anspruch nehmen. „Es gibt keine Eile“, zitierte ein Bericht im Wall Street Journal vom Samstag (3. September) den 47-jährigen Präsidentenberater weiter.

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Bereits am Montagabend (29. August) soll Arestovich seine Landsleute auf längere Kampfhandlungen rund um Cherson eingestimmt haben. Mit Blick auf die ukrainische Gegenoffensive sprach er von einer „langsamen Operation“, wie unter anderem CNN berichtete. Demnach schrieb er auf Telegramm, der „nicht sehr schnelle Prozess“ werde mit der „Installation der ukrainischen Flagge über allen Siedlungen der Ukraine enden“.

Das Gebiet um die Seehafenstadt Cherson am Fluss Dnipro war im März eines der ersten, das den russischen Invasoren in die Hände fiel – und ist im Ukraine-Krieg bis heute ein wichtiger Erfolg für Wladimir Putin. Seit Montag (29. August) läuft ein großangelegter und lange angekündigter Gegenangriff der Ukraine. Über die konkreten Kampfhandlungen ist nur wenig bekannt. Es ist die Rede von schweren Gefechten, in den vergangenen Tagen soll es immer wieder Explosionen gegeben haben.

In Bedrängnis: russische Truppen im Süden der Ukraine (Symbolfoto).
In Bedrängnis: russische Truppen im Süden der Ukraine (Symbolfoto). © IMAGO / SNA

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Ziel der Ukraine ist es, Cherson zurückzuerobern. Für ein schnelles Fortkommen fehlt es den Streitkräften offiziellen Angaben nach jedoch an Feuerkraft und Truppenstärke. Russland soll in und um die Stadt Schätzungen zufolge rund 20.000 Soldat:innen stationiert haben. Dem Wall Street Journal zufolge, das mit US-Militärstrategen sprach, könnte die Ukraine auf eine Reihe kleinerer Angriffe setzten, um die Russen Stück für Stück Richtung Fluss zurückdrängen und dabei ihre Versorgung kappen.

„Der Feind muss unfähig und unwillig sein, effektiven Widerstand zu leisten“, sagte Oleksiy Arestovich der Zeitung kürzlich. Wie erfolgreich die Ukraine mit ihrer Gegenoffensive derzeit ist, bleibt aber unklar. Dem britischen Geheimdienst zufolge forcieren Kiews Truppen derzeit einen breiten Vormarsch auf drei Achsen westlich des Flusses Dnipro. Diese Offensive habe zwar nur begrenzt unmittelbare Ziele, die Russen aber mutmaßlich taktisch überrascht.

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Es würden „logistische Mängel und Schwächen“ in der Führung der russischen Offensive entlarvt, hieß es in einem Kurzbericht des Verteidigungsministeriums in London am Samstag (03. September). Russische Kommandeure müssten sich nun entscheiden, auf welche Region sie sich mit Blick auf Nachschub und Reservetruppen konzentrieren wollten. Mit dem Gegenangriff von Cherson Truppenverschiebungen zu erzwingen, gilt als ein mögliches Zwischenziel für Kiew.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs veröffentlicht die britische Regierung regelmäßig Geheimdienstinformationen zu dessen Verlauf. Moskau wirft London eine gezielte Desinformationskampagne vor. Im Kreml ist man derzeit bemüht, die Gegenoffensive im Süden der Ukraine – ob der spärlichen Informationen über konkrete Erfolge – als gescheitert darzustellen. Das ukrainische Militär erleidet nach russischen Angaben bei seiner Gegenoffensive hohe Verluste.

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Versuche, sich im Raum zwischen Mykolajiw und Krywyj Rih festzusetzen, seien erfolglos, berichtete das Verteidigungsministerium in Moskau. Dabei habe die Ukraine 23 Panzer und 27 Kampffahrzeuge verloren. Zudem sollen mehr als 230 Soldaten getötet worden sein. Die Ukraine wiederum berichtete von zerstörten russischen Anlagen. Auch diese Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Derweil gibt es Berichte über die schwindende Moral der russischen Truppen im Ukraine-Krieg. (Alexander Gottschalk mit dpa und AFP)

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