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Proteste, Terror und Flucht: Russland-Experte skizziert Putins Situation – und sein mögliches Ende

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Von: Maximilian Kettenbach

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Vor großen Problemen: Der Mann im Kreml, Wladimir Putin.
Vor großen Problemen: Der Mann im Kreml, Wladimir Putin. © GAVRIIL GRIGOROV/afp

Nicht nur die Ukraine-Front dürfte Wladimir Putin derzeit Sorge bereiten. Auch die Probleme im eigenen Land sind gravierend, analysiert Russland-Experte Gerhard Mangott.

München – Es sind fürchterliche Dramen, die sich derzeit in Russland abspielen. An einem Busbahnhof rund 200 Kilometer südöstlich von Moskau zündete sich ein Mann selbst an. Laut Zeugenaussagen aus Angst, an die Kriegsfront zu müssen. In einer Einberufungsstelle soll ein Mann um sich geschossen haben, weil sein bester Freund einberufen wurde. In sozialen Netzwerken kursieren Videos vom Abtransport von Männern oder zeigen weinende Ehefrauen und Mütter an Bahnstationen und Busbahnhöfen. In Chatgruppen wiederum berichten Menschen davon, wie Männer im wehrpflichtigen Alter ohne Vorwarnung an ihrem Arbeitsplatz oder von zu Hause abgeholt werden.

Bilder, die den Eindruck eines Landes im Chaos erwecken und die für Wladimir Putin in der ohnehin schon schwierigen Phase des Ukraine-Kriegs pures Gift sind. Der russische Präsident hatte vergangene Woche eine Teilmobilmachung angeordnet. 300.000 Reservisten sollen nun in die Armee eingezogen werden. Es ist der Schritt, vor dem sich Putin lange scheute und der nun fatale Folgen für ihn haben könnte.

„Die aktuellen Unruhen zeigen, dass Putin recht hatte, solange mit der Teilmobilisierung zu zögern. Er wusste, dass dies das Leben der Russen ändern würde. Bis dahin war der Krieg weit weg. Jetzt werden Väter und Söhne von Familien getrennt. Das verschiebt die Stimmung gegen ihn. Die Menschen merken gerade, dass Russland nicht angegriffen wird, sondern der eigentliche Aggressor des Krieges ist“, sagt Gerhard Mangott, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck, dem Münchner Merkur von IPPEN.MEDIA.

Russlands Teilmobilisierung misslingt – das lässt tief blicken, meint Experte Mangott

Der 56-Jährige verfügt nach eigener Aussage über Kontakte bis ins russische Präsidialamt, sowie ins Außenministerium. Von Chaos im Land will er noch nicht sprechen. Doch: „Es lässt tief blicken, wenn nicht einmal eine Teilmobilisierung entsprechend gelingen kann. Nun stellt er es so hin wie üblich: Ich bin der Zar, die Fehler haben meine Untergebenen gemacht.“ Es zeige sich, dass weder Armee noch Militärverwaltung Putins Befehle ausführen können, wie er das vorgesehen habe. Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) kommt zur selben Analyse.

Gerhard Mangott, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck. Der Russland-Experte spricht über Putins Situation im Inland.
Gerhard Mangott, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck. Der Russland-Experte spricht über Putins Situation im Inland. © Privat

Seit der Bekanntgabe der Teilmobilisierung in der vergangenen Woche sollen bereits 260.000 russische Männer das Land verlassen haben. Das kann sich Putin nicht länger leisten. „Er wird die Leute nicht mehr lange aus dem Land lassen, sondern ein Ausreiseverbot erheben“, prognostiziert Mangott. Erste Berichte von Ausreise-Stopps gibt es bereits.

Russen flüchten vor dem Ukraine-Krieg – doch Putin sitzt wohl noch fest im Sattel

Die Angst vor der Front ist groß. In der russischen Teilrepublik Dagestan eskalierte am Wochenende in mehreren Orten der Widerstand gegen die Einberufungen. Frauen gingen mit Fäusten auf Polizisten los, aus Angst, ihre Männer zu verlieren. An den Grenzen zu Russlands Nachbarländern stauen sich derweil lange Autokolonnen. Flüge ins Ausland sind auf Tage ausverkauft oder bei weiten Zielen kaum zu bezahlen. Fluchtartig verlassen Tausende mit dem Auto das Land – etwa in Nachbarländer wie Kasachstan oder Georgien, wo keine Visa nötig sind. Auch Finnland meldet zahlreiche Geflüchtete.

Putin sitze aktuell noch fest im Sattel, sagt Mangott. Er kann sich hochrangiger Unterstützung im nahen Umfeld, etwa von Ex-Präsident Dimitri Medwedew, weiter gewiss sein. „Die Proteste sind klein und eher regional. In den Großstädten trauen sich nur wenig Leute zu demonstrieren. Er muss aber aufpassen, dass sich die Proteste nicht ausweiten.“ Bei weiteren politischen Fehlern bei der Rekrutierung, gerade in ärmeren Gegenden des Landes oder wenn die Polizei massiv gegen die Proteste vorgehen würde, wäre das Risiko gegeben, dass er an Rückhalt verliere, glaubt der Russland-Experte.

Putins Teilmobilisierung: Ein russischer Reservist verabschiedet sich von Verwandten und Freunden am 27. September 2022 in Sankt Petersburg.
Dramatisches Abschiednehmen für Putins Teilmobilisierung: Ein russischer Reservist verabschiedet sich von Verwandten und Freunden am 27. September 2022 in Sankt Petersburg. © AFP

Terroranschlag auf eine Schule fordert zahlreiche Tote

Schon jetzt ist die russische Sprache um ein neues Wort reicher geworden: „Mogilisazija“ – eine Mischung aus den Begriffen „Mobilisierung“ und „Grab“. Viele Russen sind überzeugt: Sie sind nur Kanonenfutter, sollen schlicht verheizt werden für die Ziele eines Kriegs, an denen selbst ihre Berufsarmee scheitert. Aus der propagandistisch verbreiteten „Spezialoperation“ ist der Krieg geworden, der nun in alle Haushalte im Reiche Putins kriecht.

Erschwerend kommen nun Probleme im Inneren des Landes hinzu. Die tödlichen Schüsse an einer Schule in der russischen Stadt Ischewsk forderten am Montag mindestens 17 Menschenleben. Putin stufte die Tat als „Terrorakt“ ein. Das alles ist kein gutes Signal an seine ohnehin verunsicherte Bevölkerung.

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Selbst sein „Bluthund“ übt Kritik – Scheinreferenden könnten Putins Ende einläuten

Es wird enger für Putin. Auch, weil sein Krieg mittlerweile teils offen kritisiert wird. Wie kürzlich von Lokalpolitikern, die seinen Rücktritt forderten. Von einem Zerwürfnis mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu ist obendrein die Rede. Und mittlerweile lässt selbst Ramsan Kadyrow, Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien und gemeinhin als „Bluthund“ bekannt, immer wieder Kritik am Kreml anklingen. Russland habe doch eigentlich auch ohne Reservisten genügend Ressourcen. Es gebe fünf Millionen gut vorbereitete Menschen, die mit Waffen umgehen könnten, lässt er aus dem Nordkaukasus verlauten.

„Bei einer desaströsen Niederlage, also wenn Putin auch die neu annektierten Provinzen oder gar die Krim verlieren sollte, dürfte er nicht mehr zu halten sein“, glaubt Mangott. Zu einer offenen Generalmobilmachung wird es daher wohl nicht kommen. „Putin ist sich des Risikos bewusst. Der Schock, der dann durch die Bevölkerung ginge, wäre ungleich größer“, so der Experte.

Mit Scheinreferenden versucht Putin nun seine wankenden Soldaten wieder zu motivieren. Mangott glaubt: „Putin wird voraussichtlich in seiner Rede am 30. September den Beitritt der vier Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja verkünden. Das ist aber längst kein so großer Erfolg, wie damals die Annexion der Krim und wird ihm in der Bevölkerung recht wenig Zuspruch bringen. Im Gegenteil: Es erhöht den Druck.“ Verliert Putin nämlich diese Gebiete wieder an die Ukrainer, muss er erklären, warum er das „eigene“ Staatsgebiet nicht verteidigen kann. Es könnte Putins Ende einläuten.

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