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Hype um Hyperschall: China und Nordkorea testen neuartige Raketen – Schock und Sorge in Washington

Chinas Rakete Dongfeng DF-17 ausgestattet mit einem DF-ZF-Hyperschall-Gleitkörper auf einer Militärparade in Peking
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Ballistische Mittelstreckenraketen vom Typ DF-17 auf der Militärparade in Peking zum 70-jährigen Bestehen der Volksrepublik – ausgestattet mit einem DF-ZF-Hyperschall-Gleitflugkörper

Hyperschall-Waffen gelten als der größte militärische Fortschritt der vergangenen zehn Jahre. Zuletzt haben China und Nordkorea hypersonische Flugkörper getestet. Das US-Militär ist alarmiert.

  • Einst versetzten Satelliten wie der sowjetische Sputnik der Welt einen Schock. Heute sind es Hyperschall-Waffen.
  • China soll bereits über diese neue Technologie verfügen und entsprechende Raketen getestet haben.
  • Die Hyperschall-Technologie hat schon jetzt das internationale Sicherheitsumfeld nachhaltig destabilisiert.
  • Dieser Artikel liegt IPPEN.MEDIA im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 20. Januar 2022.

Berlin – Amerikas Führung ist alarmiert*. Und deshalb muss nun alles ganz schnell gehen. Zusammen mit Japan will man schnellstmöglich eine Verteidigungsstrategie gegen Hyperschall-Waffen entwickeln. Das vereinbarten US-Außenminister Antony Blinken und US-Verteidigungsminister Lloyd Austin Anfang des Monats mit ihren japanischen Amtskollegen. Als Grund wird in der gemeinsamen Erklärung genannt: Eine „schnelle und undurchsichtige militärische Expansion, die das regionale strategische Gleichgewicht gefährdet“. Jeder weiß, wer damit gemeint ist: China* – und vor allem Pekings erfolgreicher Test einer Hyperschall-Rakete.

Dabei war anfangs gar nicht klar, was China im vergangenen Sommer tatsächlich gelungen war. Denn die Volksrepublik versuchte lange, den eigenen Erfolg zu verbergen. Das Außenministerium in Peking sprach gar von einem routinemäßigen Test einer Weltraumrakete. Anderslautende Meldungen seien schlichtweg falsch, erklärte Außenamtssprecher Zhao Lijian.

Hyperschallrakete: China verheimlicht, USA sind alarmiert

Doch es kursierten Berichte, China habe erfolgreich eine Hyperschall-Waffe getestet. Recherchen der Financial Times zufolge hatte das mit mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit fliegende Geschoss unseren Planeten einmal umrundet und war dann mit hohem Tempo in der Nähe seines avisierten Ziels eingeschlagen, mit einer Abweichung von etwa 40 Kilometer. „Wir haben keine Ahnung, wie die Chinesen das geschafft haben“, zitierte die britische Zeitung eine Person aus US-Sicherheitskreisen: Ihre Fähigkeiten bei militärischer Hochtechnologie lägen inzwischen weit über dem, was ihnen die USA bis dato zugetraut hätten.

US-General Mark Milley zeigte sich schockiert und fassungslos. „Ich weiß nicht, ob es direkt ein Sputnik-Moment ist*, aber es ist auf jeden Fall sehr nah dran,“ sagte der erfahrene Militär. Der Sputnik-Moment spielt auf den erfolgreichen Start des ersten künstlichen Erdsatelliten durch die Sowjetunion 1957 an. Als Folge entbrannte zwischen den beiden Supermächten ein jahrzehntelanger Wettlauf ins All. Es scheint, als wäre nun wieder so ein Wendepunkt erreicht.

Hyperschall-Waffen: schnell, präzise und schwer zu entdecken

Hyperschall-Waffen gelten als die bedeutendste Rüstungsinnovation der vergangenen Jahre. Im ausgereiften Stadium sind sie schnell, präzise – und schwer zu entdecken. Sie besitzen das Potenzial, die internationalen Kräfteverhältnisse nachhaltig zu verändern. Russlands Präsident Wladimir Putin drückte es in seiner verteidigungspolitischen Rede in Moskau Ende 2019 wie folgt aus: „Das ist die Waffe der Zukunft, die sowohl in existierende wie auch in zukünftige Raketenabwehrsysteme eindringen kann.“

Xu Tianran, Experte vom Thinktank „One Earth Future“, mahnt gegenüber China.Table zunächst zur Besonnenheit. „Man muss festhalten, dass es keine klare Definition von Hyperschall-Waffen gibt.“ Das meistzitierte Merkmal steckt in ihrem Namen: die hohe Geschwindigkeit. Hyperschall oder hypersonisch bedeutet, dass sich ein Objekt mindestens mit fünffacher Schallgeschwindigkeit fortbewegt, also mindestens Mach 5. Das sind 6.125 Kilometer pro Stunde. Doch auch Geschwindigkeiten von Mach 10 und schneller sind durchaus üblich. Eine Rakete mit Mach 20 benötigt für die Strecke von Washington nach Peking* weniger als 30 Minuten. Russlands Hyperschall-Gleitkörper „Awangard“ wird offiziellen Angaben zufolge auf Mach 27 beschleunigt.

Hyperschall-Waffen: Manövrierbarkeit entscheidender als Tempo

Doch die Geschwindigkeit ist bei weitem nicht das Wichtigste. Der entscheidende Vorteil von Hyperschallwaffen ist ihre Manövrierbarkeit. Denn während „normale“ ballistische Flugkörper ebenfalls sehr schnell sind, bewegen sie sich wie ein Projektil auf einer vorhersehbaren Flugbahn. Hypersonische Raketen hingegen können unvorhersehbare Flugbahnen nehmen und ihre Höhe in der Atmosphäre jederzeit gezielt verändern. Dadurch wird ihr Ziel erst im allerletzten Moment erkennbar.

Dominika Kunertova, Wissenschaftlerin vom Center for Security Studies in Zürich, macht noch einen dritten Vorteil aus: „Sowohl die Hyperschall-Gleitflugkörper als auch Hyperschall-Marschflugkörper fliegen sehr schnell in ungewöhnlich tiefen Höhen“, erklärt sie China.Table. „Wir müssen also davon ausgehen, dass sie die bestehenden bodengestützten Raketenabwehrsysteme umgehen werden.“ Das verändert wiederum die Sicherheitswahrnehmung einzelner Staaten.

Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei Haupttypen: Hyperschall-Gleitflugkörper (HGV) und Hyperschall-Marschflugkörper. HGVs verfügen nicht über einen eigenen Antrieb, sondern werden von einer Rakete in die Atmosphäre gebracht. In der ersten Phase schießen sie kurzzeitig über die Atmosphäre hinaus. Doch dann kehren HGVs schnell wieder in geringere Höhen zurück, um dort ohne Antrieb zu gleiten – wie ein Gleitsegler. Da sie bis zu mehrere tausend Kilometer gleiten können, werden sie auch „boost-glide vehicles“ (in etwa „Schub-Gleitkörper, d. Red.) genannt. Zum Vergleich: Traditionelle ballistische Raketen fliegen weit außerhalb der Atmosphäre auf ihrer vorgegebenen Flugbahn weiter.

Hyperschall-Marschflugkörper wiederum haben einen eigenen Scramjet-Antrieb. Sie fliegen in weit niedrigeren Höhen und nutzen dort ähnlich wie Flugzeuge den aerodynamischen Auftrieb in der Atmosphäre. Beide Systeme sind extrem schnell und zudem sehr gut manövrierbar. Damit vereinen sie die Vorteile von ballistischen Flugkörpern und Marschflugkörpern: Geschwindigkeit und Präzision.

Hyperschall-Raketen: Mehrere Staaten wollen vermeintliche Wunderwaffe

Angesichts dieser Vorteile ist es nicht verwunderlich, dass China diese vermeintliche Wunderwaffe besitzen will. „Es scheint, als verfüge China über die nächste Generation von Hyperschall-Waffen“, meint Niklas Swanstörm gegenüber China.Table. „Sollte das stimmen, wäre das tatsächlich eine große Gefahr. Denn dies erhöht unter anderem die Möglichkeit, Flugzeuge abzuschießen.“ Auch die viel gerühmte Tarnkappen-Technologie der US-Streitkräfte würde an Wirkung verlieren, warnt der Direktor des „Institute for Security and Development Policy“ in Stockholm. China testete einen Gleitflugkörper namens DF-ZF.

Auch andere Staaten streben deshalb nach Hyperschall-Waffen. Ein globales Wettrüsten mit der Wunderrakete ist in vollem Gange. Russland entwickelte eigenen Angaben zufolge 2018 eine erste eigene Hyperschall-Rakete* namens „Kinzhal“. Ende 2019 folgte der Hyperschall-Gleitflugkörper „Awangard“.

Und Nordkorea? Obwohl man zuletzt Raketen in Serie testete*, spiele das Regime von Machthaber Kim Jong-un dennoch in einer anderen Liga, wie Dominika Kunertova es ausdrückt. Ihrer Erkenntnis nach habe Nordkorea schlicht zwei längst bestehende Waffensysteme kombiniert. „Sie haben eine reguläre ballistische Rakete mit kürzerer Reichweite mit einem neuen Prototyp eines manövrierenden Wiedereintrittsfahrzeugs kombiniert.“

USA bei Hyperschall im Hintertreffen?

Die USA scheinen in diesem Wettrennen derweil etwas ins Hintertreffen geraten zu sein. Swanström schätzt, dass die US-Streitkräfte einige Jahre hinter den Fähigkeiten der chinesischen Volksbefreiungsarmee hinterherhinken. China habe schlicht mehr Ressourcen in die militärische Entwicklung gesteckt. Experten gehen davon aus, dass die USA ihre ersten Hyperschall-Langstreckenwaffen vermutlich erst 2023 in Betrieb nehmen werden. Darüber konnte Russlands Präsident Putin schon Ende 2019 nur schwer seine Freude verbergen: „Wir befinden uns in der einmaligen Situation unserer jüngeren Geschichte, dass sie versuchen, uns einzuholen.“

Entsprechend hat Washington zuletzt das Budget für die Entwicklung hypersonischer Waffen massiv erhöht – von 800 Millionen US-Dollar in 2017* auf 3,8 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Allerdings verfolgen die USA andere Entwicklungsziele als Moskau und Peking. Washington hat den Besitz nuklearfähiger Hyperschallwaffen öffentlich bis auf Weiteres ausgeschlossen.

Hyperschall-Raketen: Übertriebener Hype?

Generell macht die Raketenexpertin Kunertova einen unglaublichen Hype um die Technologie aus. „Die Politik und internationale Medien neigen dazu, die Fähigkeiten dieser Waffen zu überschätzen.“ Wissenschaftliche Studien zeigten, dass das Zusammenspiel von Schnelligkeit, Höhe, Manövrierfähigkeit und Präzision noch viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit erfordere. Insbesondere die physikalischen Einschränkungen aufgrund des Flugs in niedriger Höhe der Atmosphäre werfen im Hinblick auf Geschwindigkeit und Unsichtbarkeit Fragen auf. Es gebe etliche Momente, in denen eventuell auch bestehende Raketenabwehrsysteme Hyperschall-Geschosse erkennen könnten.

Auch sind Hyperschall-Geschosse keineswegs so unsichtbar, wie von manchen angenommen. Hier wird den Hyperschall-Waffen ausgerechnet ihre besondere Schnelligkeit zum Verhängnis: Die große Reibung mit der Erdatmosphäre bei hohen Geschwindigkeiten erzeugt Hitze und ionisiertes Gas. Dadurch werden die Flugkörper für das Radar und weltraumgestützte Sensoren wieder auffindbar. Selbst der viel gepriesene Vorteil der guten Manövrierbarkeit könnte sich als möglicher Schwachpunkt herausstellen: Durch das Aussenden von Störsignalen könnte man die von außen gesteuerten Waffen manipulieren.

Schnell wird klar, dass die Entwicklung dieser Technologie erst am Anfang steht. Frühestens 2030, eher 2040, könnten Hyperschall-Waffen in Benutzung genommen werden, schätzt Dominika Kunertova. Und dennoch sind die Folgen der Technik gravierend. Ungeachtet ihrer tatsächlichen militärischen Fähigkeiten und künftigen Vorteile hat die Hyperschall-Technologie das internationale Sicherheitsumfeld nachhaltig destabilisiert. Ob in Washington, Peking oder Moskau – schon jetzt hat sich die subjektive Wahrnehmung der eigenen Verwundbarkeit verändert. Neue Abrüstungsinitiativen scheinen angesichts der Sputnik-Assoziationen zwar unrealistisch. Trotzdem sollten Politiker weltweit versuchen, die neue Waffenkategorie so schnell wie möglich in internationale Vereinbarungen einzugliedern. Denn sowohl Angst wie auch Übermut können in der Sicherheits- und Rüstungspolitik fatale Folgen haben.

Von Michael Radunski

Michael Radunski berichtete viele Jahre aus Indien und China über Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Besonders prägte ihn sein Aufenthalt in Chinas Hauptstadt Peking. Vor seinem langen Aufenthalt in Asien arbeitete Michael Radunski für die FAZ, wo er unter anderem am Onlineauftritt der Zeitung mitarbeitete. Seit kurzem ist Radunski wieder in Deutschland und arbeitet als Redakteur das China.Table Professional Briefing.

Dieser Artikel erschien am 20. Januar 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er in leicht gekürzter Form nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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