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70 Quadratmeter, 2.000 Euro warm: „Für Vermieter ist das eine Goldgrube“

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Von: Max Müller

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Eine Schlange steht vor einer Wohnung und wartet auf den Besichtigungstermin.
Wer eine Wohnung sucht, muss sich anstellen können. © Olaf Wagner/Imago (Montage)

Gut bezahlter Job, unbefristete Anstellung: Beste Voraussetzungen, um eine schöne Wohnung zu finden? Nicht in Berlin, sagt der Mieterbund. Letzte Möglichkeit: Bestechung.

Köln – 20 Minuten. So kurz ist das Zeitfenster für Marco (Name geändert) und seine Freundin. Sie sind ein junges Pärchen, Ende 20 und leben in Berlin. Wenn der Alert des Immobilienportals ihre Smartphones vibrieren lässt, läuft der Countdown. Denn nach 20 Minuten sind die Inserate in der Regel wieder offline. Also muss alles ganz schnell gehen. Wer kann gerade fünf Minuten seine Arbeit unterbrechen und die Unterlagen fertig machen? Das Ziel: eine Einladung zu einer Besichtigung. „In der Regel sind da 50 weitere Bewerber“, sagt Marco.

Seit drei Jahren führen sie eine Beziehung, seit bald einem Jahr wollen sie zusammenziehen und suchen eine Wohnung. Sie sind verzweifelt. Es klappt einfach nicht. „Für einen Normalsterblichen ist Berlin dicht“, glaubt Marco. Ihre Anforderungen sind moderat: drei Zimmer, mindestens 70 Quadratmeter. Anfangs suchten sie noch in bestimmten Bezirken, mittlerweile würden sie alles nehmen. Momentan wohnen beide noch in einer 1-Zimmer-Wohnung, jeweils 50 Quadratmeter plus Balkon. Er zahlt 740 Euro, sie 800 Euro warm. „Für Berliner Verhältnisse ist das wirklich günstig“, sagt Marco.

Indexmiete: „Für Vermieter ist das eine Goldgrube“

Nachdem über die Feiertage kaum neue Wohnungen online gegangen waren, zieht das Angebot wieder etwas an, erzählt Marco. „Wir bewerben uns in der Regel auf ein bis zwei Wohnungen pro Tag. Insgesamt waren wir vielleicht bei zehn bis 15 Besichtigungen.“ Einmal habe es tatsächlich geklappt. Der Haken hörte auf den unscheinbaren Namen „Indexmietvertrag“. Das bedeutet nichts anderes als: Die Höhe der Miete ist an das Preisniveau gekoppelt. Bei einer Inflation von 7,9 Prozent im Jahr 2022 ist das eine Privatinsolvenz auf Raten. „Es ist doch völliger Quatsch, in eine Wohnung einzuziehen, die wir uns in ein paar Monaten nicht mehr leisten können“, sagt Marco.

Die Sache mit den Indexmietverträgen treibt auch den Deutschen Mieterbund (DMB) um. „Indexmietverträge sind ein riesiges Problem. Fast die Hälfte aller neuen Verträge sind an die Inflation gekoppelt“, sagt Jutta Hartmann vom DMB. „Für Vermieter ist das eine Goldgrube.“ In der Theorie gibt es Instrumente, um den Mietmarkt zu entspannen, zum Beispiel die Mietpreisbremse. Die werde aber allzu oft legal umgangen, sagt Hartmann, indem Wohnungen renoviert werden und dann viel teurer wieder auf den Markt kommen. 

Studie des Mieterbundes: In Deutschland fehlen 700.000 Wohnungen

Eine Erfahrung, die auch Marco und seine Freundin machen. Sie verdienen nicht schlecht, sind unbefristet angestellt. Zusammen haben sie ein monatliches Budget von 5.500 Euro. „Es gibt kaum eine Wohnung unter 1.500 Euro – das ist eigentlich unsere Grenze.“ Wohnungen, die für die beiden infrage kommen, würden eher zwischen 1.700 Euro und 2.000 Euro liegen. „Das könnten wir uns gerade so leisten. Aber wenn wir 2.000 Euro Miete bezahlen, wären von unseren Nettogehältern knapp 40 Prozent weg. Das geht auf Dauer nicht.“

Dass die Lage sich entspannen wird, ist nicht abzusehen. Laut einer aktuellen Studie des DMB ist der Wohnungsmangel in Deutschland so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr. In Deutschland fehlen 700.000 Wohnungen, heißt es in der Studie des Hannoveraner Pestel-Instituts sowie des schleswig-holsteinischen Instituts Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen Kiel. 2023 werde ein „sehr hartes Jahr für Mieterinnen und Mieter“, sagte DMB-Präsident Lukas Siebenkotten den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Besonders krass ist es in der Hauptstadt. „In Berlin ist es als Normalsterblicher de facto unmöglich, eine Wohnung zu finden“, sagt Expertin Hartmann. „Es gibt noch ein paar Kleinvermieter, die keine horrenden Mieten verlangen. Oder man bekommt eine Wohnung über Kontakte.“ Was eine neue Dimension sei: Auch überdurchschnittliche Gehälter und Sicherheiten erhöhen die Chancen nicht wirklich.

So wohnt Deutschland: unsere Serie zu Wohnungsnot und Mietenwahnsinn

Wer heute baut, braucht starke Nerven. Die Zinsen steigen, Fachkräfte gibts keine und Material fehlt auch. Wer es doch versucht, benötigt auch ein Quäntchen Glück – und finanziellen Puffer.

Deutschland ist ein Land der Mieter. Und das ist ein Problem. Denn die Mieten steigen unaufhaltsam. Was dagegen hilft: Eigentum. Zu teuer? Nein, sagt Michael Voigtländer. Der Staat soll mit Darlehen helfen.

Wohnen in Deutschland wird immer teurer. Die Politik setzt auf Neubau, Mietervertreter auf staatliche Eingriffe. Ein Experte sagt: Beides reicht nicht. Er hat eine andere, radikalere Idee.

Die Standardantwort auf Wohnungsnot heißt oft: Bauen, bauen, bauen. Doch der Bausektor ist ziemlich klimaschädlich. Ein Ausweg liegt in der sogenannten Kreislaufwirtschaft.

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Bestechung für eine Wohnung: „Ich habe von Geschichten gehört, wo ein neues iPhone bezahlt wird“

Vergessen wird, dass nicht nur Mieten immer teurer werden. Auch die Wohnungssuche ist nicht gerade günstig ist, wenn man es professionell angeht. Marco und seine Freundin schauen bei „Immobilienscout24“. Sie bekommen Push-Benachrichtigungen, wenn eine passende Wohnung inseriert wird. „Wenn du kein Premium-Abo hast, kannst du es dir direkt vergessen – dann bekommst du die Wohnung viel zu spät oder gar nicht mehr angezeigt“, sagt Marco. Diesen Service lässt sich das Portal bezahlen. Dazu brauchen Marco und seine Freundin alle drei Monate eine neue Schufa-Auskunft. Auch das kostet Geld. „Insgesamt gehen für die Wohnungssuche 20 Euro im Monat drauf“, sagt Marco.

Möglicherweise ist der Realpreis vielfach noch höher – ohne, dass das offiziell ausgewiesen wird. Denn: „Ich gehe davon aus, dass viel über Bestechung läuft“, sagt Marco. „Ich habe von Geschichten gehört, wo zum Beispiel ein neues iPhone bezahlt wird. Wir haben es noch nicht gemacht, aber ganz ehrlich: Wenn wir die Wohnung für 1000 Euro Bakschisch bekommen: warum nicht?“ Skrupel habe er keine, sagt Marco. „Der Mietmarkt ist doch sowieso ein gesetzloses Geschäft. Ich kenne Leute, die ihre Gehaltsnachweise fälschen.“

Die Zeit drängt. Denn die Suche nach einer Wohnung belaste ihre Beziehung zunehmend, erzählt Marco. Ein Malus, der kaum in Geld aufzuwiegen ist. „Wir streiten oft darüber, wer sich um die Bewerbungen kümmert“, sagt Marco. „Es fehlt die Perspektive. Mittlerweile sind wir sehr skeptisch, dass wir in Berlin noch zusammenziehen können.“

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