„Der Köder muss dem Fisch schmecken“

Union entscheidet K-Frage - doch zu welchem Preis? Chronologie einer zerstörerischen Kandidaten-Kür

Parteizentrale der CDU
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Fünf vor zwölf? Am Konrad-Adenauer-Haus fiel in der Nacht auf Dienstag möglicherweise die Entscheidung in der K-Frage der Union.

Söder? Laschet? Die CDU hat nun wohl entschieden. Doch die Kanzler-Kür könnte für die Union teuer werden. Und am Ende gilt: Der Köder muss dem Fisch schmecken.

Berlin/München - Es könnte das glanzlose Ende eines erbitterten und selbstzerstörerischen Machtkampfs sein: In der Nacht zum Dienstag hat sich die CDU* - nach einer nicht nur für die Union quälend langen Woche - hinter Armin Laschet als Kanzlerkandidaten gestellt.

Doch was eigentlich von Parteien gerne pompös inszeniert und gefeiert wird, sorgt in der Krisen-Union im April 2021 eher für neue Sorgen. Denn trotz des - am Ende deutlichen - Votums der CDU-Spitze in geheimer Abstimmung und trotz des angekündigten Placets durch Laschets Rivalen Markus Söder* und die CSU schwingt in der zutiefst verunsicherten CDU die Angst vor einer ungewollten Reaktion der Parteibasis immer mit.

Union im Kanzlerstreit: Laschet siegt offenbar gegen Söder - doch zu welchem Preis?

Abgesehen vom medialen Echo wartet an diesem Dienstagnachmittag die erste Bewährungsprobe für den Sieger ohne Glanz. Denn dann steht die nächste Sitzung der Unionsfraktion an, jener Gruppe von CDU- und CSU-Bundestagsabgeordneten, die vor einer Woche Laschet mit ihrer mehrheitlich geäußerten Pro-Söder-Meinung so richtig unter Druck gesetzt hatten.

Der CDU-Bundesvorstand stellte sich jedenfalls, nach mehr als sechsstündigen Beratungen, doch noch hinter den eigenen Parteivorsitzenden Armin Laschet*. Nachdem CSU-Chef Söder die Entscheidung über die Kandidatur zuvor allein in die Hände der großen Schwesterpartei gelegt hatte, ist die K-Frage damit eigentlich entschieden - auch wenn sich Söder in der Nacht zunächst nicht äußerte. Doch zu welchem Preis kommt dieser Sieg für Laschet?

Laschet vor Kanzlerkandidatur - nach einer Woche, die als abschreckendes Beispiel in die Historie eingeht

Nach dieser Krisen-Woche, die vermutlich als abschreckendes Beispiel in die Geschichtsbücher von CDU und CSU eingehen wird, ist der Schaden noch nicht abzusehen. Ein tiefer Riss zieht quer durch die Union. Fünf Monate vor der Bundestagswahl ist es mit der viel beschworenen Einheit längst vorbei, die Gräben sind so tief wie seit dem Streit über die Asylpolitik nicht mehr. Wie sollen da ein gemeinsamer Wahlkampf und die Wiedereroberung des Kanzleramts gelingen? Und das mit einem Kandidaten, der zwar vom eigenen Vorstand am Ende mehrheitlich gestützt wird, der aber zuletzt nicht nur die CSU, sondern auch weite Teile der eigenen CDU-Basis gegen sich hatte.

„Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“, gab zudem Grünen-Urgestein Jürgen Trittin am Montagabend im Sender Phoenix zu bedenken. Den Umfragen nach zu urteilen fühlen sich die Wähler von Laschet (noch) nicht sonderlich geködert.

Der Machtkampf kulminiert in der CDU-Vorstandssitzung am Abend jedenfalls zum großen Finale Furioso. Es sind die wohl entscheidendsten Stunden in Laschets bisheriger Karriere. Und er rammt gleich Pflöcke ein: „Es geht um die besten Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen. Und ich bin bereit, für uns die Kandidatur zu übernehmen“, sagt der Parteichef. Und macht klar: Er will die Entscheidung hier und jetzt.

Es folgt eine Debatte, die sich ins kollektive Gedächtnis der CDU einbrennen dürfte. Dutzende Vorstandsmitglieder melden sich zu Wort. Die einen sprechen sich klar für Laschet aus. Andere berichten von einem Stimmungsbild pro Söder an der Basis. Einige Söder-Anhänger fordern eine Abstimmung in der Unionsfraktion oder dass eine Kreisvorsitzenden-Konferenz entscheidet. Laschet und andere lehnen ab.

Kanzler-Abstimmung wie eine Vertrauensfrage: Laschet manövriert CDU-Vorstand in Pannen-Votum

So geht es Stunde um Stunde hin und her. Ostdeutsche CDU-Politiker liefern sich eine kontroverse Debatte über die Stimmung in ihren Ländern. CDU-Vize Thomas Strobl spricht sich mit den Worten für Laschet aus, dieser sei kein Spalter, sondern jemand, der integriere.

Lange ist unklar, ob am Ende abgestimmt wird. Und wie all diejenigen Funktionäre am Ende votieren werden, die zwar persönlich für Laschet sind, deren Verbände aber eine klare Präferenz für Söder haben. Laschet setzt offenbar alles auf eine Karte: darauf, dass der Vorstand ihn nicht wenige Monate nach seiner Wahl gleich wieder beschädigen würde. Söderianer in der CDU kritisierten deshalb schon vor der Vorstandssitzung, Laschet nehme die Partei in Geiselhaft, wenn er sie geradezu zwinge, für ihn und nicht für Söder zu stimmen.

Tatsächlich muss die Abstimmung über die K-Frage wohl auch als Vertrauensfrage der Partei über ihren eigenen Chef angesehen werden. Am Ende wird tatsächlich abgestimmt, mit in aller Öffentlichkeit debattierten technischen Hängern, aber geheim. Erstes Ergebnis: Der Vorstand will die Entscheidung sofort, keine Kreisvorsitzenden-Konferenz vorher. Dann die Abstimmung: 31 Vorstandsmitglieder stimmen für Laschet, 9 für Söder, 6 Enthaltungen.

Turbulente Kanzler-Entscheidung: Nacht-Gipfel ohne Ergebnis - Grüne werden zuerst fertig

Der entscheidenden Sitzung des CDU-Vorstands am Montagabend waren dramatische 24 Stunden vorausgegangen - in Berlin und in München. Erster Höhepunkt: Ein Nacht-Gipfel der beiden Rivalen im Bundestagsgebäude, der aber ohne eine Verständigung zu Ende geht. Söder flog sogar eigens in die Hauptstadt - auf Parteikosten.

Am Vormittag dann, während sich die Union sozusagen selbst öffentlich zerfleischt, müssen CDU und CSU mitverfolgen, wie bei den Grünen in demonstrativer Harmonie Annalena Baerbock zu deren Kanzlerkandidatin gekürt wird. Krasser könnten die Gegensätze am Montag nicht sein.

Laschets Offensive von Erfolg gekrönt? Wilde CDU-Nacht beginnt eigentlich schon um 13 Uhr

Um kurz nach 13.00 Uhr geht Laschet in die Offensive, kündigt die Schalte des CDU-Vorstands für den Abend an. Zeitgleich berät in München schon das CSU-Präsidium. Dort läutet Söder die letzte Runde ein: Er gibt die Entscheidung über die K-Frage zurück an die CDU. Die CDU entscheide jetzt „souverän“, sagt Söder und verspricht, gleich mehrfach: „Wir als CSU und auch ich respektieren jede Entscheidung.“

Zur Erinnerung: Genau eine Woche zuvor hatten sich die CDU-Gremien schon einmal hinter Laschet versammelt - einmütig, wie es hieß, aber eben (wie zwischen Laschet und Söder vereinbart) ohne einen formellen Beschluss. Söder erwiderte darauf, das sei „noch nicht abschließend“. Daraufhin wuchs in der Fraktion und auch an der CDU-Basis der Chor der Unterstützer für Umfrage-Liebling Söder an. Am Sonntag plädiert auch die Mehrheit der Landesverbände der Jungen Union für Söder.

Am Montagnachmittag macht Söder allerdings klar: Er will zwar weiter Kanzlerkandidat werden, sein Angebot steht. Aber weil er und die CSU es eben nicht alleine in der Hand haben, spielt er den Ball nun zur großen Schwesterpartei. Mit diesem Schachzug, die Verantwortung allein Laschet und der CDU in die Hände zu geben, schafft er sich letztlich die für ihn bestmögliche, gesichtswahrende Exit-Option. Er muss nicht einfach so von sich aus einknicken, sondern er würde sich dann schlicht und einfach dem Votum der großen Schwesterpartei fügen. Und könnte dann, wenn die Bundestagswahl schief geht, nach dem Motto argumentieren: Ich hätte gewollt - aber ihr habt mich nicht lassen.

Bundestagswahl mit „paralysierter“ Union? Laschet steht vor Herkulesaufgabe

Wieder einmal hat Laschet einen Kampf zäh und hartnäckig bis zum Ende durchgestanden - und gewonnen. Es blieb ihm aber auch nichts anderes übrig, wie nicht nur Parteigröße Wolfgang Schäuble Berichten zufolge intern warnte*. Doch die Hypothek, mit der Laschet in die kommenden Monate geht, ist enorm. Denn auch wenn Söder sich bemüht, mögliche Schäden für die Union aus dem Personaldrama klein zu reden, sind CDU und CSU in einer extrem schwierigen Lage, Parteimitglieder bezeichnen sie als „paralysiert“. Wie will Laschet nun die Zweifler und die Kritiker in an seiner eigenen Basis hinter sich scharen? Und erst die CSU?

Die Lippenbekenntnisse Laschets und Söders, man werde im Wahlkampf fest zusammenstehen, wirken auch für manche in der Union fast wie Hohn: Die gegenseitigen Vorwürfe und das offenbar bis zur letzten Abstimmung schlecht vorbereitete Vorgehen* dürften wohl einigen Wählern im Gedächtnis bleiben. Und dabei steht Laschet nun vor der Herkulesaufgabe, nach 16-jähriger Amtszeit Angela Merkels das Kanzleramt zu verteidigen. (dpa/fn) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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