Klimarat: Pläne genügen nicht

Welt-Klimabericht: Experten schlagen Alarm - zu „90 bis 100 Prozent“ schlimme Folgen

Der erste Klimabericht seit acht Jahren findet deutliche Worte. Wenn sich die Weltpolitik nicht ändert, wird das Ziel des Pariser Klimaabkommens verfehlt. Die Folgen könnten fatal sein.

Genf - Der bisher geplanten Klimaschutzmaßnahmen werden nicht reichen um die Welt vor einer Katastrophe zu retten. In seinem frisch vorgestellte Bericht skizziert der Weltklimarat drastische Folgen der nach aktuellem Stand zu erwarteten Erderwärmung.

Das Papier macht deutlich: Die Welt steuert auf große Gefahren zu, sollte sich nichts oder zu wenig an der weltweiten Klimapolitik ändern. Der bislang letzte Bericht über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels stammte aus dem Jahr 2013. Seitdem hat sich viel verändert, zu vieles ist gleich geblieben - und einige Folgen sind mehr oder weniger unvermeidlich geworden.

Mitautor des Klimaberichts: Eisfreies Nordpolarmeer vermutlich nicht mehr zu verhindern

Laut Klimarat werden „Episoden mit Starkniederschlägen in den meisten Regionen mit einer weiteren Klimaerwärmung intensiver und häufiger werden“, so steht es in dem Bericht, der von mehr als 230 Forschenden aus 66 Ländern verfasst wurde. Ebenfalls vorausgesagt wird der weitere Anstieg des Meeresspiegels sowie das weitere Schmelzen des Eises. Die Wahrscheinlichkeit für all diese Vorgänge geben die Autoren mit 90 bis 100 Prozent an. Selbst sollte es der Weltbevölkerung gelingen, bis 2050 Klimaneutralität - also ein Gleichgewicht zwischen der Produktion von Kohlenstoffemissionen und der Aufnahme von Kohlenstoff aus der Atmosphäre in Kohlenstoffsenken - zu erreichen, seien einige Entwicklungen unvermeidbar.

„Wir werden es vermutlich nicht mehr verhindern können, dass das Nordpolarmeer bis 2050 im Sommer zumindest in einzelnen Jahren weitgehend eisfrei sein wird“, sagte Mitautor Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie der dpa. Zweifelsfrei erwiesen ist laut Bericht außerdem, dass das Klima durch menschlichen Einfluss so aufgeheizt ist, wie seit mindestens 2000 Jahren nicht mehr. Im Jahr 2019 war die CO2-Konzentration in der Atmosphäre demnach sogar so hoch, wie zu keinem anderen Zeitpunkt seit mindestens zwei Millionen Jahren. Die Folgen: Meeresspiegelanstieg, Eisschmelze, Hitzewellen, Dürren und Starkregen.

Pariser Klimaabkommen: Bisher droht Zielverfehlung

In dem Bericht sind fünf Szenarien aufgeführt. In zweien erreicht die Welt bis 2050 Klimaneutralität und speichert anschließend mehr CO2 als sie ausstößt. Das sind die einzigen Szenarien, in denen der Anstieg der Mitteltemperatur bis Ende dieses Jahrhunderts bei 1,8 Grad oder darunter liegen könnte. Zwei weitere Szenarien halten bei einer Verdopplung der CO2-Emissionen einen Anstieg um bis zu 5,7 Grad für möglich.

Mit Blick auf die gegenwärtige Klimaschutzpolitik der Regierungen ist laut Mitautor Notz momentan ein mittleres Szenario am wahrscheinlichsten: Bei gleichbleibenden Emissionen bis 2050 würde die Temperatur am Ende des Jahrhunderts um 2,1 bis 3,5 Grad ansteigen - und damit das Ziel des Pariser Klimaabkommens, die Erwärmung auf unter zwei Grad über den vorindustriellen Niveau zu begrenzen, verfehlt werden.

Desweiteren werden zwei Entwicklungen genannt, die unwahrscheinlich aber möglich sind und fatale Auswirkungen auf das Leben, wie wir es kennen, haben würden. Das ist zum einen der Anstieg des Meeresspiegels um zwei Meter bis Ende des Jahrhunderts - dieses Szenario ist abhängig von dem weiteren Schmelzverlauf des Antarktiseisschilds. Das zweite Szenario beschäftigt sich mit dem Kollaps der Atlantischen Umwälzströmung (AMOC), die jetzt schon an Kraft verloren hat. Sie ist verantwortlich für die Kalt- und Warmwasserverteilung im Altantik und beeinflusst den für Milliarden Menschen wichtigen Monsun in Afrika und Asien. Ein Zusammenbruch hätte über den Golfstrom auch Auswirkungen auf Europa und damit auch auf Deutschland. Die Berichte des Weltklimarats IPCC gelten als wegweisend für die globale Klimapolitik.

Baerbock, Schulze, Karliczek: Reaktionen auf den Klimabericht

Auch aus Deutschland kamen am Montag umgehend alarmierte Reaktionen. Noch vor der offiziellen Präsentation des Berichts forderte Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock* in der Welt mehr internationales Engagement gegen die Erderwärmung. Deutschland müsse zudem den Ausbau der erneuerbaren Energien schneller voranbringen, eine Mobilitätswende herbeiführen sowie den Anspruch haben, als erste Industrienation klimaneutral zu werden.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD*) reagierte mit klaren Worten auf den Bericht: „Der Planet schwebt in Lebensgefahr und mit ihm seine Bewohner.“ Schulze forderte eine schnelle Abkehr von Kohle, Öl und Gas sowie einen Ausbau von Sonnen- und Windkraft. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU*) sprach zudem von einem Warnsignal, das nicht mehr zu überhören sei: „Dank verbesserter Beobachtungen, Messungen und Klimamodellen gibt es heute nicht mehr den geringsten Zweifel daran, dass wir Menschen es sind, die das Klima weltweit verändern.“ Die nächste UN-Klimakonferenz soll im November in Glasgow stattfinden, das zweitägige Treffen in Neapel* Ende Juli brachte zuvor keine bahnbrechenden Ergebnisse.

UN-Generalsekretär António Guterres rief die Politiker zur Verantwortung. „Die Alarmglocken sind ohrenbetäubend, und die Beweise sind unwiderlegbar“, sagte er. Die Treibhausgase erstickten den Planeten und brächten Milliarden Menschen in Gefahr.  (leb/dpa/AFP) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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